Fest verplant

Die Vielfalt der Sommerevents in Südbaden zeigt: Festivals werden immer leichter zugänglich –
für Besucher wie für Veranstalter

Von Rudi Raschke

 

Schwer zu sagen, seit wann hier in der Region von einer sogenannten „Festival- Landschaft“ gesprochen wird – dem quasi flächendeckenden Bespielen, bei dem wir gefühlt von einem Open-Air zum nächsten Zelt zum übernächsten Elektro- Beach schauen können. Dagegen leicht zu sagen: Nie sah diese Landkarte wohl dichter aus als zur Zeit.

Diese Vielfalt hat zahllose Gründe: Es scheint gerade in Zeiten wie diesen ein Grundbedürfnis zu sein, „zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort“ zu feiern, wie es der Soziologe Gerhard Schulze („Die Erlebnisgesellschaft“) schlicht beschreibt. Das Aufgebot, wer da gerade auf einer weit entfernten Bühne orgelt oder trommelt, ist eher sekundär. Für junge Konzertgänger ist es im Sommer gar nicht die Frage, ob sie Tickets lösen, sondern eher wofür und wieviele. Das gemeinsame Erlebnis entstehe aus dem Augenblick, den es so nie wieder geben wird, sagt Schulze. Der eigene Anteil am Ereignis werde wichtiger als nur das passive Zuschauen, meint der Experte. Mit anderen Worten: Dabeisein ist alles.

Das ist nichts, was man kulturpessimistisch betrachten muss. Es trägt nur zum Verständnis bei, warum Menschen den Spaß nicht verlieren, wenn sie aus einem im Matsch versunkenen Zelt vor die Bühne auf einer verregneten Festwiese robben. Oder in Schlangen anstehen, um Kunst zu betrachten, die eigentlich auf einer Messe unter Galeristen gehandelt wird. Beide Phänomene – die Logistik eines dreitägigen Konzertevents unter freiem Himmel, das ein ganzes Dorf unter Vollstrom setzt, aber auch die Entwicklung des Kunstgeschäfts auf der „Art“ in Basel – sind Gegenstand dieser Ausgabe. Und eben auch, was die Menschen daran lieben und welche Auswirkungen sie auf Image und Geldbeutel der Kommunen haben.

Das Event-Business in der Regio lebt davon, dass das Veranstalten solcher Sommer- Erlebnisse digitalisiert, aber auch demokratisiert wurde. Was vor 35 Jahren in Freiburg mit dem Anmieten eines holländischen Art-Deco-Spiegelzeltbaus und eines Zirkuszelts begann, leisten sich heute längst kleinere Gemeinden. Beim „Zelt- Musik-Festival“ ging es damals um die Idee, Klassik, Jazz und Popkultur in einem anderen Rahmen außerhalb von Konzert- oder Unisälen zusammenzubringen. Heute ist auch in Umlandgemeinden der Anspruch gewachsen, zum Feiern einmal mit einem Veranstalter zu kooperieren, der aktuelle oder frühere Stars aufs Land karrt: Das 150-Jahre-Jubiläum der Kirchzartener Feuerwehr wird im Dreisamtal nicht mehr nur mit einem übergroßen Dorfhock gefeiert, sondern mit Gastspielen von Nena, Roland Kaiser und Status Quo im 3000er-Zelt.

Die dicht besiedelte Festivallandschaft mit ihren allgegenwärtigen Events ist aber auch zunehmend Gegenstand von Tourismuskonzepten. Die Gemeinde Bad Krozingen stellt eine Reihe von Kurpark-Konzerten auf die Bühne, die mit ein paar Evergreens als Buchungsansporn gelten. Waren die Gäste früher eher zu Reha-Maßnahmen vor Ort, planen sie heute den Besuch um Auftritte der Spider Murphy Gang, Klaus Doldinger oder eines Lichterfests herum. Dabei dürften auch gewandelte Flexibilität und Mobilität der älteren Generation ihren Anteil haben.

Überhaupt Mobilität: Wo früher die Landesgrenze vielfach als natürliches Hindernis galt, hinter das kein Plakat, und umgekehrt auch keine Konzertgänger fanden, sind diese Grenzen aufgehoben. Das Konzept des Lörracher „Stimmen“-Festivals mit einem alles andere als von der Stange gebuchten Programm setzt darauf, wie ebenfalls in dieser Ausgabe zu sehen ist: Fans eines Künstlers schauen nicht mehr so sehr darauf, ob er vor ihrer Haustür oder in ihrem Land spielt. Und sie sind ungleich leichter zu erreichen als in der Vor-Internet-Ära.

Den Rest übernimmt im digitalen Zeitalter auch der easyjet-Tourismus, den der Journalist Tobias Rapp am Beispiel Berlin („Lost and sound“) eingehend untersucht hat. Wer zum Preis eines Tour-T-Shirts heute auch von Basel nach London auf ein Openair reisen kann, wird dieses Angebot in Anspruch nehmen. Die Tourkalender der Lieblinge sind global auf deren Websites und nicht wie früher in der Werbung eingeschränkt. In Freiburg kann sich jeder überlegen, ob er sich für das Konzert der Ikone Beyoncé in Köln oder Mailand entscheidet. Das virtuelle Tickethäuschen findet er auf ihrer Website, er muss weder in Norditalien noch in Nordrhein-Westfalen anstehen wie früher.

Bleibt die Frage, ob die Ausbreitung, aber auch die Internationalisierung des Festspielwesens irgendwann jene angreift, die eben nicht das Großspektakel oder das Wundertüten-Line-Up bereit halten, sondern einfach nur ein kleines Einzelkonzert oder ein Theaterabend fern von Documenta, Biennale oder vergleichbaren Schwarm-Ereignissen. Aber danach schaut es in der Region überhaupt nicht aus – wie erlebnishungrig Südbaden offenbar ist, zeigt sich bei der Fülle an Erlebnissen, die ebenfalls zum Event gemacht werden: Essen, Radfahren und Wandern gehören ebenfalls zur Anlass-Konkurrenz.