Kirchturmdenken ist out

In der Region, ob in der Ortenau oder in Basel, Startups werden derzeit konsequent gefördert. Je nach Standort spielen etablierte
Unternehmen dabei eine wichtige Rolle oder Netzwerke, wie das der WRO, der Ortenauer Wirtschaftsregion.

Von Katharina Müller

Mark Twain sagte einmal: „Die Zukunft gehört denen, die die Möglichkeit erkennen, bevor sie offensichtlich wird.“ Mag sein, dass das Zitat des amerikanischen Schriftstellers alt ist. Es taugt aber ausgezeichnet dazu, nicht nur Kalenderblätter mit Lebensweisheiten zu füllen, sondern deutlich zu machen, warum Startups mit ihren innovativen Ideen wirtschaftlich so erfolgreich sein können. Und das Zitat kann auch deutlich machen, dass nicht gleich jeder neue Laden um die Ecke ein Startup sein muss.

Der Blick über die Grenze zeigt, dass Basel eine rege Startup-Szene hat: Neben der ehrenamtlich geführten Startup-Academy, die Gründungs-Beratung über alle Branchen hinweg bis hin zum produzierendem Gewerbe anbietet, gibt es auch zahlreiche andere Einrichtungen, passend zum Pharmastandort Basel. Darunter sind auch Organisationen, die sich auf Förderungen für das Pharma-Cluster spezialisiert haben. Mit entsprechender Infrastruktur, Mentoring und Investoren.

Markus Fischer, Geschäftsführer der Basler Startup-Academy, betreut derzeit etwa 70 Startups, die Definition des Begriffs sieht er nicht so streng. Er betreut Gründer im klassischen Business ebenso wie innovative Ideen für den Dienstleistungsbereich, die über die Hälfte der Startups dort ausmachen: „Wir verwenden den Begriff Startup für alle Unternehmen, die ganz am Anfang und vor großen Unsicherheiten stehen, Schnittmengen mit Begriffen wie ‚Gründer‘ oder ‚Jungunternehmer‘ kommen dabei natürlich auch vor“.

Auch in der Region Südbaden gibt es Bestrebungen, um Gründer bzw. Startups anzusiedeln. Wer beispielsweise etwas mit Online-Handel machen will, geht in die E-Com-Region Ortenau. Unternehmen des Online-Handels sind hier schon etabliert, Zalando ist ohne Zweifel der bekannteste Name, aber auch einige Hidden Champions sind darunter.

Vielleicht wird in einigen Jahren auch „Boutique Vegan“ für die breite Masse ein Begriff sein. Das Ortenauer E-Commerce Startup bietet seit etwa vier Jahren ethisch vertretbare Produkte für die breite Masse an Konsumenten im Internet an. Wenn die Zukunft denen gehört, die die Möglichkeit erkennen, bevor sie für alle offensichtlich wird, dann hat dieses Startup Chancen auf Erfolg. Der Verband des Fairen Handels in Deutschland etwa verzeichnete zuletzt 14 Prozent Wachstum auf 1,3 Milliarden Euro (Endverbraucherpreise), in der Schweiz ist der Pro-Kopf-Verbrauch an fair gehandelten Lebensmitteln schon vier Mal so hoch. Ist das der gute Riecher für eine Nische? In den 80er Jahren hatte auch der Alnatura-Gründer Götz Rehn ein Gespür für den Trend der Zukunft: Mit seinem anthroposophischen Blickwinkel erkannte er die Nische Biolebensmittel, bevor sie für alle sichtbar wurde. Heute erwirtschaftet das Unternehmen mit fast 3.000 Mitarbeitern 762 Millionen Euro Umsatz (netto).

Die Gründerin von Boutique Vegan, Miriam Brilla (siehe Seite 36), sucht derzeit am Standort in Sasbach bei Offenburg einen Investor, um sich als Online-Handelsunternehmen zu vergrößern. Gegenwärtig sind es jährlich rund 80 Prozent Wachstum. Sie wählte den eher beschaulichen Firmensitz damals aufgrund des Engagements von Dominik Fehringer, Geschäftsführer der Wirtschaftsregion Ortenau (WRO).

In der Ortenau ist die WRO als Agentur zur Existenz- und Standortförderung engagiert. Sie setzt sich für den Austausch zwischen Politik und Wirtschaft ein und will mehr Startups etablieren. Gerade bei dort betreuten Startups zählt, ob die Idee innovativ und zukunftsfähig ist. Dann wird mit den Beratern der WRO innerhalb von einem halben Jahr der Business- und Finanzierungsplan erarbeitet. Dafür stehen seit einigen Wochen Räume, also Co-Working- Places im Technologiepark Offenburg zur Verfügung und seit Januar 2017 wird die Organisation nicht mehr rein ehrenamtlich gestemmt.

Florian Appel arbeitet hauptberuflich als Leiter von „Startup Connect“, einer Veranstaltungsreihe der WRO zur gezielten Förderung von innovativen Neugründungen. Er sagt, dass die Situation in der Ortenau,zwar kein Grund zur Sorge sei, da fast Vollbeschäftigung herrsche, „aber es gibt dennoch einen riesen Bedarf an Gründungen.“

Deshalb sollen in Zukunft gemeinsam, im Austausch zwischen Wirtschaft, Politik und Wissenschaftlern, Zukunftsthemen angegangen werden, im besten Fall eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Dabei hilft das Engagement von Sponsoren wie dem Medienkonzern Hubert Burda, dem Europa-Park oder die Kooperationen mit der Hochschule Offenburg. Sogar mit dem KIT, der angesehenen Technischen Universität Karlsruhe, steht die WRO in Kontakt. Persönlichkeiten wie Jürgen Siegloch sind z.B. auch engagiert. Der ehemalige Geschäftsführer vom Tochterunternehmen Burda Direkt (spezialisiert auf E-Commerce und crossmediale Firmenauftritte) ist inzwischen Berater bei der WRO und betreut angehende Jungunternehmer.

Gerade auf das eigene, bereits etablierte Netzwerk und direkte Kontakte zu den regionalen Unternehmen kann die WRO für die Startup-Förderung zurückgreifen, rund 160 Mitglieder zählt sie. Somit werden Unternehmer, Gründer, Mentoren, aber auch Investoren miteinander vernetzt, darunter investitionsfreudige und regionalverbundene Privatpersonen sowie Venture- Kapitalgeber, die eine risikobehaftete Investment-Form suchen.

Verschiedene Programme wurden für die Vernetzung von Beteiligten aufgesetzt, zum Beispiel internationale Pitches in Straßbourg, um innerhalb von kurzer Zeit Unterstützer für eine präsentierte Geschäftsidee zu finden. Aber beispielsweise auch die Netzwerkveranstaltung „StartUp Connect Night – last Wednesday“, die jeden letzten Mittwoch im Monat im Brauwerk Baden in Offenburg stattfindet.

Neben den vielfältigen Programmen ist aber auch Vieles noch ungewiss und in Arbeit, gibt Florian Appelt zu. Die Idee, den Standort derart aktiv zu fördern, sei noch recht jung. Ganz in Startup-Manier ist er aber zuversichtlich: „Wir versuchen es einfach. Wir laufen los und probieren, was mit den Formaten erreicht werden kann.“ Kirchturmdenken sei dabei allerdings absolut nicht angesagt, betont er. Menschen zum Gründen anzuregen, habe absolute Priorität. Ziel bei einer guten Beratung ist, herauszufinden, wo die Menschen mit ihrer Idee hinwollen, denn je nach Ziel gibt es unterschiedliche Experten. Dabei ist egal, ob es bei der Gründung der Standort Ortenau wird, Freiburg oder Karlsruhe. Die Region als Ganzes solle profitieren und insgesamt solle es zu mehr Startup-Gründungen kommen. Bei Miriam Brilla hat die persönliche Beratung und das Engagement der WRO für den Standort Ortenau schon mal bestens geklappt.