Positive Erwartungen im Jahr der Revolutionen

Keine Regierung in Sicht, aber gute Prognosen: In Deutschland allgemein, besonders aber in Südbaden geht die Wirtschaft optimistisch in die kommenden 12 Monate.

Von Rudi Raschke

Die gute Nachricht zuerst: Wir werden niemanden hier mit einem Rückblick zum Jahr 2017 behelligen. Schon die Aufzählung der weltweiten Negativ-Highlights des Jahres verschafft einem Juckreiz – hinter uns liegt ein Jahr, in dem vermutlich auch der fröhlichste Globalisierungs- Befürworter sich die Augen reibt, wie es dazu kommen konnte, dass auf breiter Front der Fortschritt eine so hässliche Umkehr erfährt.

Seien es, dass gesellschafttliche, ökologische, wirtschaftliche oder demokratische Errungenschaften einer Abschaffung entgegen sehen: Diese Themen werden uns auch in diesem Jahr noch beschäftigen. Auch das langsame Verschwinden von Diplomatie zugunsten einer immer rüderen Ellenbogen- Politik dürfte nicht gestoppt sein.

Befeuert wird das von einer weiterhin enthemmten Netzwelt, bei der man zunehmend den Eindruck gewinnt, nach der sogenannten „Schwarmintelligenz“ und der Vernetzung des Wissens sei längst der Durchbruch der „Schwarmdummheit“ und ihrer erfolgreichen Ausbreitung erfolgt. Nicht nur Gelehrte wie der einst in Freiburg unterrichtende Professor Heinrich August Winkler, einer der Grandseigneurs der europäischen Geschichtswissenschaft, fragten sich vergangenes Jahr zurecht: „Zerbricht der Westen?“

Das alles prägt ein Stück unser globales Unwohlsein, in dem wir in Deutschland, vor allem aber in Südbaden in einer Art Oase bisher verschont bleiben: Auch jene Unternehmen der Region, die vom Export in schlingernde Länder wie die USA oder Großbritannien leben, sehen wenig Grund zur Sorge. Für die Beschäftigungssituation in Südbaden zeichnet sich weiterhin eine beachtliche Stabilität ab: Der Wirtschaftsweise und Freiburger Ökonom Lars Feld unterstreicht jedenfalls die guten Aussichten aufgrund der Struktur der Wirtschaft hier.

Professor Feld sieht in den starken Mittelständlern, der Anziehungskraft für höher Qualifizierte, aber auch der Job-Konjunktur, einen Anlass zur Gelassenheit – auch entgegen globaler Befürchtungen hierzulande. Interessant für die Region scheint dabei, wie sie in den vergangenen Jahrzehnten ihre Schwächen in Stärken gewandelt hat. Das Credo, hier gebe es keine Großindustrie und die Universität sei der große Arbeitgeber, wird heute alles andere denn als Handicap ausgesprochen. Die Vorzüge einer regionalen Draufsicht bringen Bildung, Nachhaltigkeits- Geschäftsmodelle und Produktion scheinbar idealtypisch zusammen. Einzig der Wohnungsmarkt sollte hier Schritt halten können, wenn die guten Bedingungen auch über 2018 hinaus dafür sorgen sollen, dass es in Südbaden „Boom“ macht.

Fast schon unheimlich im geregelten Deutschland ist, dass diese Zeilen zu weiter zu erwartenden Aufschwüngen entstehen, ohne dass entfernt eine Regierung in Sicht wäre. Deutschland, das auf beachtliche Weise im Ausland für Stabilität und Fertigungsqualität gefragt ist (wenn auch nicht mehr unbedingt für Innovation), wird auch an dieser Stelle zum Land der Provisorien.

Ein Land, das wesentliche Infrastrukturprojekte mit Pannen, zu spät oder gar nicht abschließt, leistet sich nunmehr eine Regierungsbildung, die an frühere Vorgänge in Belgien (lange verwaist) oder Italien (Neuwahlen-Flut) erinnert. Und trotzdem rechneten 600 Unternehmen in einer ifo-Umfrage für die „Wirtschaftswoche“ kurz vorm Jahreswechsel mit einem unveränderten Aufschwung. Ein Optimismus, den die Volkswirte von Banken und Instituten offenbar teilen, sie errechneten eine Plus-Prognose von 2,8 Prozent beim Bruttoinlandsprodukt 2018.

Und das ganz offensichtlich ohne Regierung. Mancher Unternehmer, mit dem wir für diese Ausgabe gesprochen haben, ist erfreut, dass frühere politische Wimpernschläge, die zu „Depression“ oder „Boom“ geführt haben, heute bedeutungslos sind. Es spielt offenbar nicht einmal mehr eine Rolle für wirtschaftliche Aussichten, welche Farben die Führung eines Landes trägt.

Dass politisch viel an Vertrauen aufzuholen ist, hat sich nach den gescheiterten Sondierungsgesprächen des ersten Anlaufs gezeigt. Eine Bocklosigkeit, das Land zu führen, ist das, was keiner mehr spüren mag. Es wird spannend, wie eine arg lustlose Kanzlerin mit ebensolchen Partnern das Rad wieder zum Laufen kriegen will, möglichst ohne Neuwahlen und vor Jahresmitte.

Das gefühlte Dümpeln fällt im übrigen ausgerechnet in ein Jahr, das revolutionärer nicht ausfallen könnte: Jubliäen feiern unter anderem Karl Marx (200. Geburtstag), die Badische Revolution von 1848, aber auch die 68er, die mit heute kaum mehr vorstellbaren Fahrschein-Protesten Dinge ins Rollen gebracht haben, die zumindest in CSU-Kreisen noch heute Angst und Schrecken verbreiten.

Freuen wir uns hier in Südbaden also auf das kommende Jahr, das inmitten des allgemeinen Fortschritt-Zurückdrehens und der Unkultur des Lügens die Hoffnung auf etwas Aufrichtigkeit zurück bringt. Christian Streich, Trainer des SC Freiburg, ist jüngst in Deutschland zum „Mann des Jahres“ erklärt worden, wenn auch nur vom Fachblatt „kicker“. Dahinter steckt der ausgesprochene Wunsch, dass jemand den Mut und die Ehrlichkeit mitbringt, gesellschaftliche Fehlentwicklungen direkt anzusprechen, auch gegen den herrschenden Mainstream aus Rücksichtslosigkeit, antidemokratischer Verschwörung und Verunsicherung. Es kann ja auch irgendwie nur besser werden.