Von der Schwierigkeit, vielen gerecht zu werden

Die Freiburger SPD schickt mit Martin Horn einen parteilosen Kandidaten ins Rennen um die Oberbürgermeisterwahl.

Martin Horn hat angekündigt, den OB nicht unfair attackieren, sondern fair bekämpfen zu wollen. Er wirft Stilfragen auf, spricht von „Politik von oben herab“, fordert „Geradlinigkeit“ und „dass man zu seinem Wort steht“. Ist der OB tatsächlich ein schlechter Zuhörer? „Ja. Punkt.“ Zugleich relativiert er, dass man Positionen auch überdenken müsse, wie es der OB in der Frage einer Mooswald- Bebauung getan habe. Und er sagt: „Salomon ist nicht für alles verantwortlich, was schlecht läuft.“

In gewissen Positionen sei er als Parteiloser sogar „eher grün als rot“, nicht nur wegen seiner Greenpeace-Erfahrung. Man müsse „Nachhaltigkeit als Generationengerechtigkeit“ verstehen. Als Vorteil, dass er „von außen“ kommt, sieht er, dass er keine offenen Rechnungen habe und das Gemeinwohl über Einzelinteressen stellen könne. In diesem Sinne wolle er auch das vielfältige bürgerschaftliche Engagement fördern und bessere Räumlichkeiten für Vereine ermöglichen.

Der 33 Jahre alte Martin Horn fuchst sich in seine Aufgabe als Dieter-Salomon-Herausforderer hinein. Der im Sindelfinger Rathaus tätige Pfälzer lernt gerade die Stadt kennen, in der er am 22. April als Kandidat antritt. Nach gut einem Monat verrät er deutlich mehr, als bei der noch stichwortartigen Ankündigung drei Wochen zuvor.

Die Freiburger SPD hatte sich ein wenig Zeit gelassen mit der Vorstellung ihres Kandidaten. Nachdem lange unklar war, ob sie überhaupt jemanden aufbieten wird (die CDU hatte zu diesem Zeitpunkt bereits ihren Verzicht auf eine OB-Kandidatur erklärt), gab es viele Gerüchte: Landund Bundestagsabgeordnete, Gemeinderäte und andere Funktionäre waren im Gespräch, aber mit ihm hatte niemand gerechnet: Martin Horn, Europa- und Entwicklungskoordinator im Schwäbischen.

Horn bringt jene vielschichtige Vita mit, die es für Freiburg braucht: Er ist Pfarrerssohn und Familienvater, hat Politik und Soziale Arbeit studiert, war für Organisationen wie Greenpeace, aber auch für die Evangelische Hochschule aktiv. Und er ist kein SPDMitglied. Entsprechend bemüht er sich jetzt auch, möglichst viele Gruppierungen und Bürger zu treffen. Bei der FDP war er beim Neujahrsempfang, bei den Freien Wählern hat er sich vorgestellt, bei „Freiburg Lebenswert“ in der „Mooswaldbierstube“. Die Wählervereinigung stellte „viel Übereinstimmung“ fest, was Themen wie Wohnen, Bürgerbeteiligung und Politikstil angeht. Die Herausforderung für Horn dürfte sein, viele, teils sehr widerstrebende Interessen, hinter sich zu versammeln. Zum Wohnen hat er in seinem ersten Auftritt angekündigt, „schneller bauen“ zu wollen, um dem Bedarf in Freiburg gerecht zu werden. Bei „Freiburg Lebenswert“ äußerte er gemäß deren Motto, „kein Bauen auf Teufel komm raus“ zu praktizieren. Im Gespräch sagt er, dass es vor allem ein übergreifendes Konzept benötige. Und dass er wie viele in der Stadt die Stadtbau von ihren Gewinnen wegbringen möchte, um günstigeren städtischen Wohnraum zu ermöglichen. (Die Freiburger Stadtbau erwirtschaftet Gewinne, die aber nicht in die Stadtkasse fließen, sondern für Erhalt und Erweiterung des Bestands aufgewendet werden.)

Horn erfreut sich mit seiner zugänglichen, offenen Art aktuell Sympathien, die er durchaus für „Wechselstimmung“ hält. Er nehme diese stadtteilübergreifend von Herdern bis St. Georgen wahr, auch im Grünen-Milieu in der Wiehre begegne ihm große Offenheit. Vor allem, weil er sich überhaupt traue. Die im Gemeinderat nicht gerade einige SPD scheint ihn auf Ortsverein-Ebene tatsächlich recht einig zu fördern. Vor allem belegt Horn mit seiner Kandidatur, dass es weder die von der CDU kolportierten 300.000 bis 400.000 Euro für den Antritt benötige, noch dass der Ruf nach einer möglichen hohen Niederlage gegen Amtsinhaber Salomon für immer ruiniert wäre.

Horns zentrale Begriffe in der Kampagne sollen „gemeinsam“ und „gestalten“ werden. Neben Sozialem Wohnungsbau und Gerechtigkeit will er vor allem die Digitalisierung anpacken. Aus seiner beruflichen Tätigkeit, von der er aktuell im unbezahlten Urlaub freigestellt ist, kenne er Förderprogramme, die die Stadt Freiburg ignoriere. Natürlich greift er an, dass Salomon in Sachen Digitalisierung im vergangenen Jahr bisher nicht einmal eine funktionierende Website für den OB-Wahlkampf an den Start gebracht habe. Was bis Redaktionsschluss stimmt und tatsächlich verwundert. Er werde sich nicht nur für den Breitbandausbau stark machen, sondern für digitale Kompetenz in der Stadt. Kein wahlentscheidender Schachzug, aber eine süffige Bemerkung Richtung Oberbürgermeister. Der ist dahingehend ein altmodischer Grüner, als er sich morgens das Internet ausdrucken und gegebenenfalls in den Urlaub faxen lässt.

„Raus in die Breite“, sagt er auch über die Kulturvielfalt der Stadt und deren „kulturellen Reichtum“, für den er bei der 900-Jahr-Feier im Jahr 2020 eine Chance sieht. Horn will die jungen Wähler mitnehmen und Haustürwahlkampf machen, aber vor allem bei Bürgervereinen und auch in Kneipen jene 50 Prozent begeistern, die zuletzt nicht bei der OB-Wahl an der Urne waren. Aber er hat auch bereits erkannt, dass die Zusammensetzung der mächtigen Bürgervereine mitnichten jener der jungen Stadt entspricht.

Ziel sei der „Wahlsieg“, sagt er. Auch die Fraktionsvorsitzende Renate Buchen macht eine entsprechende Stimmung hierfür in einem „geteilten Freiburg“ aus. Horn verortet dieses vor allem beim Thema Wohnen. Er habe auch Eigenheimbesitzer kennen gelernt, die finden, dass dringend etwas passieren müsse.

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