Zeit für ein Update: Vor drei Jahren sprachen wir mit Raphael Gielgen, der für Vitra die Trends der Arbeitswelt erforscht, über die Veränderungen in Unternehmen – „Eine neue Welt entsteht“ lautete damals die Überschrift. Wie aber schaut unsere neueste Welt seit Corona aus?
Raphael Gielgen als „Trendscout“ zu bezeichnen, ist ein wenig untertrieben. Gielgen ist eine Art Freigeist, Spielmacher und Vordenker beim Schweizer Designunternehmen und Möbelhersteller Vitra. Seine Reisen um die Welt fanden in den vergangenen Monaten vor dem Monitor am heimischen Bauernhof in Bayern statt. Gielgen hat die Zeit genutzt, um die Dynamik der Veränderung in ein ganzes Panorama zu bannen.
Vorbild sind 360-Grad-Rundblicke, wie sie gern im Heimattourismus eingesetzt werden. Bei Gielgen ist es eine Text-Bild- Materialsammlung als Collage, der ein ausgiebiges Fragekapitel mit 34 Hypothesen vorangestellt ist: Ohne Corona groß zu erwähnen, ist der Epochenbruch für die Arbeitswelt hier unübersehbar. Was wäre, wenn Innovation zur Norm würde und permanentes Lernen Teil unseres täglichen Arbeitslebens ist, fragt Gielgen gleich in der ersten Hypothese.
Rückkehr ins Büro als Zeitreise in Vergangenheit
Im Gespräch sagt er, dass mancher, der vor kurzem wieder zurück ins Büro kam, sich wie bei einer Zeitreise in die Vergangenheit gefühlt haben dürfte: „Als hättest Du zehn Jahre kein Update gemacht.“ Und er selbst sieht, dass dieses Gefühl, dass keine Sicherheiten mehr existieren, dass es kein „weiter so“ mehr geben wird, auch für ihn als Experten mit der Erforschung ganz neuer Welten einher geht. Dazu gehören auch die rund 700 digitalen out-of-office- und Remote-Werkzeuge, die er gezählt hat. „Es ist, als würdest du eine riesige neue Höhle entdecken, oder einen Dschungel, in dem noch keiner zuvor war.“ Es werde jetzt klar, „wie limitiert unsere Vorstellung ist“.
Gielgen wäre nicht Gielgen, wenn er sein Panorama an Entdeckungen nicht mit einer gehörigen Menge an Optimismus und Chancen vorstellen würde. Denn die „neue Landkarte“ vor der wir wie vor einer Wand voller Fragen stehen, bietet für ihn in erster Linie Opportunitäten: Das Brechen mit Denkroutinen ist dann kein Nebeneffekt und Querdenker-Spaß mehr, sondern überlebenswichtig für Unternehmen. „Es findet ein ganz anderes Führen statt, wenn sich die Art, wie wir arbeiten und wo Arbeit sich abspielt, so verändert wie heute.“ Zum „Wo“ sagt er auch klar: „Am Arsch der Welt, das gibt es nicht mehr.“

Gemeinsam der Zukunft stellen? „Das geht!“, sagt Gielgen im Gespräch – wenn die Herausforderungen für die Wissensarbeit angenommen würden. Das Büro der Zukunft werde weit mehr als bisher zu einer Art Bildungseinrichtung, aber zugleich auch zur Bühne, wenn das lebenslange Lernen einerseits, aber auch künstliche Intelligenz in den Vordergrund geraten. Nicht zuletzt berge die neue Dynamik und Ungewissheit die Möglichkeit eines permanenten Beta-Zustands. „Was ist, wenn es nie eine finale Version Deiner Arbeitsumgebung geben wird?“ fragt Gielgen in einer seiner Hypothesen.
Und natürlich stellt Gielgen auch Fragen zur Sinnhaftigkeit von Arbeit, die manchem bekannt sein dürften, der nach Wochen zuhause wieder physisch ins Unternehmen zurückgekehrt ist. Nicht nur „welche Relevanz hat mein Job in fünf Jahren noch?“, das fiel bereits im Gespräch mit netzwerk südbaden vor drei Jahren. Die harte, rein kommerzielle Perspektive für Unternehmen sieht er heute weit mehr auf dem Rückmarsch – weil nach Covid-19 beispielsweise die Nachhaltigkeit von Bürogebäuden noch mehr für Kreativität und Gesundheit der Mitarbeiter da sein muss als vorher. Oder sich Menschen angesichts ganzer Wochen, die sie jährlich nur mit dem Pendeln beschäftigt sind, fragen, wie lange sie das noch aushalten wollen
Es sind wie gesagt Fragen, die Gielgen stellt, um die Infrastruktur des Unbekannten, wie er es nennt, zu erkunden. Die Antworten habe er dazu nicht ad-hoc parat, sagt er. Wichtig sei es in der gegenwärtigen Zeit, aber „den Kopf richtig gut rauszustrecken“, „es geht einem besser damit“. Seine Erkenntnisse zur neuen Arbeitswelt für seinen Arbeitgeber Vitra sind die, dass jetzt im Kollektiv ganz viel entstehen kann, wenn sich Organisationen auf die aktuelle „Gesamtbaustelle“ einlassen.
So modelliert und beschreibt Gielgen sein Panorama, in dem Arbeits- zu Lernorten werden. Und mehr denn je ist er von seinem schon früher gebildeten Credo überzeugt: „Der Einzelschreibtisch hat ausgedient.“
Dieser Artikel erschien in der August-Ausgabe 2020 unseres Printmagazins