Es ist fast unmöglich, Werk und Wirken des Offenburger Künstlers auf wenig Platz zu fassen. Dafür kennt er zu viele Menschen, hat zu viel erlebt. Beim Espresso in seinem Offenburger Kesselhaus geht es daher um vieles: um Symbolik, Heimat, Berlin und Bronzeskulpturen – und dann doch auch mal kurz um die pinke Kuckucksuhr.
Text: Julia Donáth-Kneer • Fotos: Santiago Fanego
Sein Herz schlägt schneller. Das sei die einzige Erklärung, mit der man Stefan Strumbel begreifen könnte, schrieb sein Bekannter, der Journalist Ingmar Volkmann von der Stuttgarter Zeitung, mal über ihn. Strumbel, 46 Jahre alt, Wollmütze, alte Jeans, Sneaker, hat Espresso gekocht. Die Tässchen sind selbst getöpfert. Die Küche knallbunt und voller Werke bekannter und weniger bekannter Künstlerinnen und Künstler. Es ist seine persönliche Sammlung, hier im hinteren Teil des Kesselhauses in Offenburg, das er vor gut fünf Jahre kaufte, renovierte und mit Leben füllte.
Anfang der 2000er-Jahre malte er, der als Sohn eines Slowenen in Offenburg aufwuchs, neonpinke Schwarzwaldsymbole mit ikonischen Comicsprechblasen, die „What the fuck is Heimat?“ in die Welt brüllten. Doch davon soll hier nicht die Rede sein. Auch nicht von den schrillen Kuckucksuhren, die in Karl Lagerfelds Wohnzimmer hingen, dem Cover, das er für die New York Times kreierte, oder dem Grabstein, den er für den verstorbenen Politiker Wolfgang Schäuble gestaltete. Genauso wenig von seinen Anfängen als Graffitikünstler, der als rebellischer Teenager mit Sprühdosen so lange auffiel, bis er endlich jemanden fand, der ihn für seine Bilder bezahlte.




„Das ist lange her. Damals hatte ich nur eine Idee: Die graue Welt ein bisschen bunter machen“, sagt er und legt ein großes Buch auf den schweren Holztisch: „Waldhonig“, sein aktueller Katalog. Eine Sammlung wilder Fotografien. Sie zeigen Galerien und Ausstellungen, Werke im Prozess und Fotos seiner riesigen Bronzeskulpturen. Derzeit beschäftigt er sich vor allem mit Tierfiguren aus der Region – nicht als plakative Zitate, sondern als Symbole der Zeit. Zum Beispiel eine Serie von meterhohen, tonnenschweren Exponaten in dreifacher Ausführung. Die Kulisse bestimmt die Kunst: Im Gewerbegebiet Ettenheim steht die gleiche Eulenfigur wie auf der Promenade von Ibiza. „Ist doch toll“, sagt Stefan Strumbel. „Die Eule wurde in der Gießerei in Düsseldorf patiniert und auf Ibiza hat sie durch Salzwasser, Meeresluft und Hitze eine ganz andere Patina. Das würde ich niemals so hinbekommen.“ Die dritte Eule behielt er selbst. Das sei eine neue Marotte, sagt der Künstler: „Früher hätte ich mir nie meine eigenen Sachen aufgehängt. Jetzt möchte ich am liebsten von allem ein eigenes Stück besitzen.“
Derzeit ist er fasziniert von einem weiteren hochsymbolischen Tier: dem Adler, den er zum Beispiel für den Eingang der Kunstmesse Art Cologne gefertigt hat. Sein drei Meter großer Vogel aber, der auf dem Zapfen einer Kuckucksuhr sitzt, verbirgt sein Gesicht unter dem rechten Flügel. Er wirkt nicht stolz, sondern nachdenklich. Oft muss man hinter die Symbolik blicken, meint Strumbel. „Eigentlich will ich, dass meine Heimat-Arbeit ein Spiegel sein darf, in dem man auch Falten sieht. Ein Spiegel, der nicht glättet, sondern Risse zeigt.“
Vor siebzehn Jahren hat er auch mal in Berlin gewohnt, aber in den sechs Monaten dort keine einzige Arbeit fertigbekommen. Er fühlt sich wohl in Offenburg – alles sei etwas ruhiger, geerdeter und zugänglicher. „Im Baumarkt bin ich in zehn Minuten“, sagt er. „Und wenn ich mal raus will, auch schnell in Freiburg oder Straßburg. Ich nutze die ganze Region zwischen Basel und Karlsruhe, das ist mein Berlin.“

Im vergangenen November hat es Stefan Strumbels Kunst an den großen Screen des Times Square geschafft. Im Rahmen seiner ersten Einzelausstellung in New York bei der Galerie Ruttkowski 68 leuchtete da: „Together is the favorite place to be“, daneben eine schmelzende Bronze-Kuckucksuhr, die 5 vor 12 zeigt. Ein Highlight in einem an Highlights nicht armen Leben? „Auf einmal steht da dein Name an diesem ikonischen Ort und deine Arbeit läuft, das ist schon etwas Besonderes“, sagt er. Wichtiger sei ihm aber die Botschaft: Heimat ist grenzenlos.