Wenn Stadtverwaltungen sich mit der Digitalisierung auseinandersetzen müssen,prallen mitunter Welten aufeinander. Mit seiner Agentur Bächle & Spree arbeitet der Freiburger Carlo Schöll daran, Kommunen auf dem Weg zum digitalen Wandel zu begleiten.
VON DANIEL RUDA
Die Digitalisierung hat es nicht gerade leicht. Auf To-Do-Listen von Städten und Gemeinden steht sie ziemlich weit oben, ihr Name wird immer wieder als gro.es Schlagwort benutzt, aber die Wenigsten kennen sich mit ihr aus. „Das Thema ist eine Dauerbaustelle im kommunalen Bereich“, sagt denn auch Carlo Schöll. Der Freiburger muss es wissen, er hat sich mit seiner Agentur Bächle & Spree darauf spezialisiert, den „digitalen Wandel in Kommunen“ voranzubringen.
Verwaltung und Digitalisierung, diese scheinbaren Gegensätze miteinander zur verquicken, dabei will er helfen. Schöll betreut Projekte in Offenburg, Waldkirch, Rheinfelden oder Haslach. Vor allem Workshops prägen dabei seine Arbeit. „Beteiligung ist ein Schlüsselmoment in der Digitalisierung“, ist einer seiner Kernsätze. Die Stadt Ettlingen in Mittelbaden hat zuletzt in rund neun Monaten eine komplette Digitalstrategie entworfen, die er beratend begleitet hat. „Ich bin vorsichtig berauscht“, sagt der 39-Jährige ob der Resonanz, die ihm begegnet.
Wenn auch, und das ist die Ambivalenz der Dinge, mit denen Schöll zu tun hat, im kommunalen Bereich alles etwas länger dauere, bis ein Prozess in Gang kommt – im Gegensatz zur Geschwindigkeit der digitalen Entwicklung drumherum.
Aus drei Säulen bestehe für die kommunale Politik eine tragfähige Digitalstrategie, die Schöll mit seinem Beratungsangebot gemeinsam mit Kommunen entwickelt, erklärt er. Es fängt an mit der Pflichtaufgabe des Breitbandausbaus, der in der Region vielerorts zwar schleppend, aber zumindest vorangeht.
„In Kommunen wird noch richtig viel Papier verschickt, richtig viel Papier“
Carlo Schöll über die Digitalisierung in Rathäusern
Danach komme das sogenannte E-Government, das eine Verwaltung nach innen und außen digitaler werden lassen soll. „Es ist ja eine Selbstverständlichkeit, dass wir im Jahre 2019 gewisse Dinge online erledigen können. Das ist in Verwaltungen aber immer noch nicht ganz klar“, so Schöll über das Problem, dass zum Beispiel zahlreiche simple Bürgerdienste immer noch nicht ohne Termin auf dem Amt auskommen. Auf Bundesebene mit Unterstützung der Kommunen wird dafür am Online-Zugangsgesetz gearbeitet. Bis 2023 sollen dann rund 600 Verwaltungsdienstleistungen auf einem Portal erledigt werden können. „Das ist ein Projekt, das sprengt alles Dagewesene im kommunalen Bereich“, sagt der Experte, dessen Beratungsangebot technologieoffen ist.
Zudem geht es im E-Government darum, den Papierverbrauch in Rathäusern drastisch zu senken. Auch wenn hier und da schon sogenannte E-Akten im Einsatz sind, „in Kommunen wird noch richtig viel Papier verschickt“, Schöll sagt es und schiebt nochmal ein betontes „richtig viel Papier“ hinterher.
Breitband, E-Government, Smart City
Zuletzt, und das ist dann die Kür, geht es in der dritten Säule einer digitalen Strategie für eine Kommune darum, zu einer sogenannten Smart City zu werden. Anhand von gesammelten und analysierten Daten Entscheidungen zu treffen, „das wäre ein Paradigmenwechsel für eine Verwaltung“, sagt Schöll. Ein notwendiger, wie er findet.
Als sich Schöll 2017 in Berlin (daher die Spree im Agenturnamen) als Berater selbständig machte – dort lebte er elf Jahre – lag sein Augenmerk ursprünglich auch oder vor allem auf Unternehmen. Seit ziemlich genau einem Jahr ist der gebürtige Freiburger (daher das Bächle) mit seiner Familie und als Ein-Mann-Agentur zurück in der Heimat. „Wenn du aus Freiburg kommst, dann willst du auch wieder zurück“, beschreibt er den Impuls zur Heimkehr, auch seine Frau ist Freiburgerin und mit den beiden Söhnen im Kindergartenalter lebt es sich im gemütlichen Breisgau angenehmer als in der hektischen Hauptstadt. Was sich als großer beruflicher Vorteil herausstellte: im Badischen finden sich vor allem Kommunen, die seine Hilfe in Anspruch nehmen wollen. Neunzig Prozent seiner Aufträge kommen inzwischen aus Rathäusern.
Startup-Wettbewerb gewonnen
Dank eines in einem Startup-Wettbewerb gewonnenen Stipendiums der Volksbank Freiburg bekommt er derzeit für ein Jahr einen Arbeitsplatz im Coworking-Space des Kreativparks Lokhalle finanziert. „Die Furcht, dass es nach der Zeit in der Kreativstadt Berlin in Freiburg etwas dröge werden könnte, ist mit dem Einzug am alten Güterbahnhofgelände gewichen. „Es ist inspirierend, in solch einer Umgebung an etwas zu arbeiten“, sagt Schöll, ein offener Typ Mensch, einer mit dem man schnell per Du ist. Der gute Redner, er hat unter anderem Rhetorik und dazu noch Politikwissenschaften und Soziologie in Tübingen studiert, hat eine feine Ironie und profitiert bei seiner Arbeit mit den kommunalpolitischen Auftraggebern von seiner Erfahrung auf und mit diesem Parkett.
Er war für früher im Jugendgemeinderat von Waldkirch, später Pressesprecher in der SPD-Fraktion eines Kommunalparlamentes in Berlin und arbeitete hauptberuflich an der Konzeption des SPD-nahen kommunalen Fachmagazins „Die Demokratische Gemeinde“. Heute bezeichnet er sich als „im Herzen Sozialdemokrat“, und spricht von der Partei vor allem in der Vergangenheitsform.
Weit in die Zukunft strecken sich indes Schölls Gedanken zur Digitalisierung, er schlägt beim Erzählen im Lokhallen-Café den Bogen zur Automatisierung, die nicht nur für große Industriefabriken, sondern auch für kleine Rathaus-Büros zum Thema werden soll, dort aber nicht zum Bedrohungsszenario für Arbeitsplätze tauge.
Eine Verwaltung fußt auf Gesetzen und Verordnungen, erklärt er, was bedeute, dass viele Entscheidungen in einem binären System getroffen werden, also entweder mit Ja oder Nein. „Ich bin der Überzeugung, dass solche einfachen Dinge, die außerhalb eines Ermessensspielraums liegen, automatisiert getroffen werden können“, sagt er dann mit fester Stimme, „somit könnten sich die Angestellten in der dadurch frei gewordenen Zeit auf andere Ebenen konzentrieren und kreative Lösungen finden“. Soziale Themen, Bildung, Kultur, das gesellschaftliche Zusammenleben würden davon profitieren, ist sich Schöll sicher. Eine steile These, das vielleicht, aber wie Science Fiction klingt es auch nicht. „So könnte man eine Verwaltung quasi zur Gestaltung machen.“