Mit seiner Elektroroller-Marke Tisto macht sich der Schwarzwälder Unternehmer Timo Wehrle über China auf, sich auf dem deutschen Markt zu etablieren. Klingt kompliziert, hat aber Zukunft.
VON DANIEL RUDA
Es gibt drei Modi: „Mit dem ersten fährt man ganz gemütlich an, und im dritten kann man schon ordentlich Gas geben.“ Man könnte das Zweirad auch noch per Bluetooth mit dem Handy verbinden, um sich zum Beispiel mit dem eingebauten Lautsprecher navigieren zu lassen. Bremse so, Blinker hier, das war es im Grunde auch schon, erklärt Timo Wehrle den Elektroroller seiner Marke Tisto, den er gerade aus dem Showroom auf den Parkplatz herausgefahren hat. Der befindet sich seit ein paar Wochen im Gewerbegebiet Haid in Freiburg, die Eröffnung liegt nur ein paar Tage zurück. Der Verkehr um die Burkheimer Straße herum fließt entspannt, optimal für eine kurze Probefahrt.
Dass Inhaber und Geschäftsführer Timo Wehrle an diesem sonnigen Tag Ende Juni in Freiburg diese Einweisungen gibt, ist ungewöhnlich. Eigentlich wäre der gebürtige Schwarzwälder derzeit in der chinesischen Stadt Changzhou unterwegs, dort steht das Herz seiner Firma, die er vor rund anderthalb Jahren gegründet hat. Der 47-Jährige kaufte eine Fabrik, in der Elektroroller und Elektromotorräder bereits hergestellt wurden. Gearbeitet wurde dort gut, gemanagt eher schlecht, sagt er. So ergab sich seine Chance, er griff zu und investierte mit Hilfe einer Sparkasse. Die Zahl nennt Wehrle nicht, er lässt aber durchblicken, dass sie im oberen einstelligen Millionenbereich liegt. Seither ist er dabei, das eigene Unternehmen im Eiltempo aufzubauen. Beim Kauf arbeiteten rund 150 Mitarbeiter In der chinesischen Fabrik, inzwischen sind es etwa 230.
Die Fabrik in China, die Zentrale in Freiburg
Gerade wird in Fernost eine neue Produktionshalle gebaut. Bis zu 400 Mitarbeiter sollen es mittelfristig werden. Wehrle wäre nun normalerweise vor Ort, um alles mit seinem Team voranzubringen und sein Netzwerk auszubauen. Doch dann kam Corona.
„Eigentlich waren nur ein paar Tage Weihnachtsurlaub hier in der Heimat geplant, jetzt bin ich seit einem halben Jahr hier und kann noch immer nicht zurück nach China“, erzählt der in Furtwangen geborene Geschäftsmann, der mit der Firmengründung quasi „all in“ gegangen ist. Seine Karten kannte er vor diesem Schritt aber gut. Zehn Jahre lang hatte der gelernte Industriemechaniker und studierte Betriebswirt davor schon in China im Automotive-Bereich gearbeitet. Für einen Zulieferer war er in leitenden Positionen für Projekte mit Mercedes, VW und BMW tätig. In diesen Jahren lernte er Land, Kultur und vor allem das chinesische Geschäftsleben, das eng mit der Politik zusammenhängt, mit der Zeit gut kennen. „Auch mit dem Thema E-Mobilität bin ich immer wieder in Kontakt gekommen“, erzählt der Unternehmer.
„Ich bin schon vor Jahren in China mit einem Elektroroller rumgefahren und habe mir gedacht, wie praktisch das doch ist. Du kannst die einfach an der Steckdose aufladen und bist umweltfreundlich unterwegs.“ Dass er einmal selbst als Unternehmer solche Gefährte produzieren lassen würde, war damals eine Utopie. Wehrle steckte in all den Jahren tief in seiner Arbeit. Irgendwann fragte er sich, ob er den Stress als Angestellter in einer leitenden Position weiterhin so durchhalten wolle. Um dann schließlich von einer ärztlichen Diagnose komplett ausgebremst zu werden.
Timo Wehrle gerät ins Stocken, wenn er erzählt, wie es um ihn stand. Ein Stück der Lunge musste entfernt werden. Für ihn und seine Familie, Ehefrau und drei Kinder, stand der Entschluss fest, den Lebensmittelpunkt wieder zurück nach Deutschland zu verlegen. Das war Ende 2018. Gesundheitlich ging es Wehrle wieder viel besser. Schwere Zeiten waren überstanden, neue Zeiten standen an. Tisto ist die Kurzform von „Timo’s Story“.

Arbeiten wolle er nur noch für sich selbst, beschloss der Mann, der Mitte der Neunziger einmal der jüngste Industriemechaniker-Meister in Baden-Württemberg war. Er schaute sich im Bereich E-Mobilität um. Abseits vom Automobilbereich, wo Konzerne mit riesigen Investitionssummen hantieren, entdeckte er den Markt für Elektroroller in China neu. Diese gehören in China zum normalen Verkehrsbild vor allem in den Städten und werden millionenfach verkauft. Da hätten auch kleine Player Chancen. Mit seiner Erfahrung und dem Blick für den Zukunftsmarkt Europa ging er also das Abenteuer Firmengründung in China an – und verknüpft das mit Freiburg, wo sich nun die europäische Zentrale samt Showroom im Freiburger Gewerbegebiet Haid eingemietet hat.
Im vergangenen Jahr verbrachte Timo Wehrle neun Monate in China, in diesem Jahr gezwungenermaßen noch keinen einzigen. Nun bleibt ihm nichts anderes übrig, als von hier aus per Skype mit seinem Management-Team in Fernost zu kommunizieren. Das hat er zu einem Großteil aus seinem früheren Job mitgenommen, es sind rund zwölf Leute, denen er vertraut. Kommuniziert wird in Englisch.
Als er vor ein paar Wochen digital einen Vertrag über Exporte unterschrieben hat, wurde daraus ein Beitrag fürs chinesische Fernsehen. Schaut, unsere Geschäftsbeziehungen ins Ausland gehen weiter, war die Botschaft. Für den erfahrenen Neuunternehmer, was im Falle Wehrles kein Widerspruch ist, war das willkommenes Marketing und ein weiterer kleiner Schritt, um in China ein regionales Netzwerk aufzubauen und auch um den Kontakt zur dortigen Politik zu pflegen. Dort will Tisto in Förderprogramme aufgenommen werden. In ihrem ersten Jahr hat die Firma im Tausenderbereich verkauft, das muss sich schnell ändern, sagt Wehrle. Indem die Kapazitäten hochgefahren und neue Märkte angegangen werden.
Das Etablieren auf dem deutschen Markt
In Freiburg ist er nun direkter als vorgesehen in den Aufbau der neuen operativen Firmenzentrale involviert. Acht Leute arbeiten hier seit ein paar Wochen mit ihm daran, die Marke Tisto in Deutschland und dann Europa bekannt zu machen. Der neue Vertriebsleiter ist seit wenigen Wochen im Einsatz und fährt deutschlandweit Händler ab, bis Ende des Jahres soll es Tisto-Elektroroller bei mindestens 40 Shops deutschlandweit geben. Zudem wird das eigene Online-Geschäft vorangetrieben. Gerade führt Wehrle auch Gespräche mit potenziellen Geschäftsführern für den Standort in Freiburg, wo Tisto seine Modelle direkt an Kunden verkauft. Aus China wird ausschließlich exportiert und im B2B-Geschäft gearbeitet.
Das Etablieren auf dem deutschen Markt steht ganz weit oben auf der Agenda. Das braucht es auch, „sonst funktioniert der Businessplan nicht“. Die ganzen Investitionen müssen wieder eingespielt werden. Ein kleines Beispiel: In Deutschland braucht es für jedes E-Modell – Tisto hat 32 – eine sogenannte EEC-Zulassung (Energy Efficiency Certification), die kostet jeweils rund 30.000 Euro.
„Elektroroller sind ein Zukunftsthema“, sagt Timo Wehrle im Hinblick auf die viel zitierte Verkehrswende. „Ich glaube, dass der E-Roller gerade in der Stadt ein Erfolg werden kann.“ Die Modelle von Tisto haben Namen wie Dolphin, Thor, Luna, Eagle oder Fox. Es gibt ein altes Vespa-Design, sportliche Schnitte oder auch praktische Ausführungen wie etwa den Pegasus, der als Liefermobil konzipiert ist.
Im Vergleich zum Verbrennermotor surrt der E-Roller bei der Testfahrt leise, das Fahren ist mehr ein Gleiten. Das hat schon was. Die Roller reichen vom simplen Modell mit 25 Stundenkilometern bis zum ausgeklügelteren mit 75 Stundenkilometern. Zudem gibt es auch noch Motorräder, die auf Geschwindigkeiten von bis zu 150 Km/h kommen. Alles angetrieben von Lithiumbatterien, die herausnehmbar sind und an der Steckdose wieder aufgeladen werden können.
Je nach Zusammensetzung, ob mit einer oder zwei Batterien, kann man so mit einem Roller bis zu 140 Kilometer weit fahren. 1800 Ladezyklen sind garantiert. Bis ein Akku ausgetauscht werden muss, vergehen so mindestens sechs Jahre oder mehr. „Ein guter Roller muss unter 2000 Euro liegen, das ist unser mittelfristiges Ziel“, sagt Timo Wehrle. In diesem Preissegment geht es aktuell mit einem kleinen Modell schon los.
In Deutschland entwickle sich der Trend Elektroroller langsam aber sicher, auch die großen Player aus China wie etwa die Marke NIU werden diesen Markt in den nächsten zwei bis drei Jahren erobern wollen, ist sich Wehrle sicher. „Bis dahin wollen wir hier tief im Markt verankert sein, damit wir auch langfristig mithalten können.“