Einer der typischen Vorsätze zu Beginn eines neuen Jahres: Mehr Sport machen. Wie blickt eigentlich ein ganzer Sportverein in die Zukunft? Nachgefragt bei der FT 1844 Freiburg, dem größten seiner Art in Südbaden.
VON DANIEL RUDA
Verstaubt. So bezeichnet Peter Gerspach das Image, das einem Sportverein oft anhaftet. Der 30-Jährige begegnet dieser Sichtweise als Geschäftsführer der Freiburger Turnerschaft (FT) immer wieder.
„Sportvereine müssen heute selbstbewusster auftreten“, fordert er. Ein qualifiziertes Angebot mit ausgebildeten Trainern in allen möglichen Sportarten und das zu einem vernünftigen Preis, dazu vor allem der hohe gesellschaftliche Wert eines Vereins, das komme bei vielen Menschen gar nicht an, sagt der junge Vorsitzende nüchtern. „Für uns Vereine ist es daher zukünftig wichtig, unsere Kompetenzen besser nach außen darzustellen“.
6600 Mitglieder und 125 Festangestellte hat die FT, die aus 19 Abteilungen besteht. In der Summe ergibt das den größten sogenannten Großsportverein Südbadens. Von Wettkampfsport wie American Football bis zu Breitensport wie Zumba reicht das sportliche Profil, dazu gibt’s noch Reha-Sport auf Rezept. Erst in Tuttlingen und Karlsruhe finden sich wieder vergleichbare Vereine. Zudem betreibt die FT mehrere Sportkindergärten und eine eigene Sportgrundschule. Das findet sich in dieser Form sonst nirgendwo.
Strukturen wie ein Unternehmen
Aufgrund seiner Größe hat der Verein, den er führt, Strukturen angenommen, die einem Wirtschaftsunternehmen ähnlich sind. Die Bilanzsumme liege im zweistelligen und der Umsatz im hohen einstelligen Millionenbereich. „Der Verein bleibt aber Verein“, betont Gerspach und verweist auf die Satzung und den ehrenamtlichen Vorstand als oberstes Organ. „Wir wollen etwas fürs Gemeinwohl leisten. Gleichzeitig muss ich aber keine Abstriche machen bei der unternehmerischen Qualität. Natürlich muss sich das hier alles rechnen und tragen, aber es geht eben nicht in erster Linie ums Wirtschaftliche.“
Wie ein Unternehmen brauche aber auch ein Sportverein Marketing. Mehr denn je sogar, findet Gerspach. „Einerseits wollen die Menschen ja immer individueller werden, jeder will sein eigenes Ding machen, andererseits haben die Leute heute so viele Freunde wie nie zuvor, wenn man auf die sozialen Medien schaut“, beschreibt er den Zeitgeist. Und irgendwo dazwischen muss ein Sportverein seinen Platz finden und den Menschen eine sportliche Heimat darin schmackhaft machen. Dass heutzutage gleichzeitig das ehrenamtliche Engagement schwinde, kann Gerspach nicht bestätigen. Wie eine Nachfrage beim Badischen Sportbund, der Dachorganisation von über 3200 angeschlossenen Vereinen, ergibt, darbt das Ehrenamt auch insgesamt nicht. „Die Bereitschaft ist ungebrochen, aber wir warten immer noch auf eine Verbesserung des Ehrenamtsstärkungsgesetzes“, sagt Geschäftsführer Volker Stark. So sollen beispielsweise die Pauschalen für Übungsleiter steigen.

Für einen Sportverein der Zukunft braucht es dazu vor allem „ein breites und modernes Angebot, das alle Altersklassen bedient“, so Gerspach. Womit die FT sich als stärkster Großsportverein Südbadens naturgemäß leichter tut als der Fußballclub vom Dorf. „Wir wollen unsere Mitglieder im besten Fall ein Leben lang begleiten und ihnen eine Heimat bieten, wo sie gerne Sport machen und die Leute kennen.“
So wichtig die Erzeugung eines Heimatgefühls auch sei, man müsse als Verein aber auch dahingehend offen sein, für Nicht- Mitglieder ebenfalls Angebote zu schaffen. „Viele Menschen werden immer mobiler und wollen nicht mitgliedschaftsgebunden Sport treiben. Das ist ein Thema, mit dem wir uns beschäftigen“, erzählt der Geschäftsführer, darum stehen einige Kurse auch Nicht-Mitgliedern offen.
Der Verein als Heimat fürs Leben
Die Möglichkeit, solche Angebote zu schaffen, ist für die FT seit ein paar Wochen gewachsen. Der vereinseigene etwas in die Jahre gekommene FT-Sportpark, wo Mitglieder auf Beachvolleyballplätzen, im Hallenbad oder auf der Kegelbahn unterwegs sind, hat Zuwachs bekommen. Im November, als Highlight des 175-jährigen Vereinsjubiläums, ist die neue Dreifeld-Sporthalle eingeweiht worden. Die modern ausgestattete Sportstätte „ist für die Zukunft des Vereins unglaublich wichtig“, sagt der in Grenzach-Wyhlen aufgewachsene Hobbyfußballer. 2009 begann er mit einem dualen Studium bei der FT, machte im Anschluss den Master im Sportmanagement und arbeitete bis zu dessen Rente als Assistent seines Vorgängers Walter Hasper.
Der Verein sucht derzeit noch einen Sponsor für den Namen der Halle. 25.000 Euro kosten die Namensrechte für fünf Jahre. Ausreichend Sponsorengelder zu akquirieren, um den Betrieb am Laufen zu halten, sei für Sportvereine immer eine mühsame Angelegenheit, gerade wenn es im Leistungssportbereich nicht um König Fußball geht. „Die restlichen Sportarten müssen richtig krebsen“, sagt Volker Stark vom Badischen Sportbund.
Sieben Millionen Euro kostete die neue Halle. 2,8 Millionen davon finanziert der Verein selbst, drei Millionen Euro kamen von der Stadt, den Rest übernahmen das Land und der Badische Sportbund.
Die neue Halle ist eröffnet
Die Volleyballer, Hockey- und Handballmannschaften der FT, dazu der Schulsport haben jetzt mehr Fläche als in der alten Burdahalle zur Verfügung, die gerade saniert wird. Parallele Trainingseinheiten sind in der neuen Halle möglich und die Umkleidekabinen sind modern. So etwas macht einen Sportverein attraktiv. Auf das geräumige Foyer, an das ein moderner Tagungsraum andockt, wurden zudem noch zwei Gymnastikräume gesetzt, wodurch auch der Freizeitsport in der barrierefreien Halle zum Zug kommt.
Für das Jahr 2020 hat sich Gerspach gemeinsam mit Co- Geschäftsführer Thomas Fischer, der für Personal, EDV und Technik zuständig ist, das Thema Digitalisierung auf die To-Do-Liste geschrieben. Neue Software soll her, Arbeitsprozesse optimiert, und die digitale Infrastruktur auf den Stand gebracht werden.
Die Hoffnung Schwarzwaldstadion
Vor allem aber liegt der Fokus auf dem Thema Schwarzwaldstadion, das an der Sportachse der Dreisam in der Nachbarschaft steht. Wie es nach dem Auszug der Profifußballer vom SC Freiburg weiter geht, ist noch nicht entschieden. Der Sportclub will seine Frauenfußballabteilung hierher umsiedeln. Die FT hat, neben anderen Vereinen, auch Bedarf angemeldet. Den eigenen Rasenplatz, auf den Gerspach von seinem Büro aus blickt, teilen sich rund 600 Sportler. „Wir brauchen einfach mehr Fläche“, sagt er, der sich in diesem Thema betont zurückhaltend gibt. In diesem Jahr soll es eine von der Stadt als Stadion- Eigentümerin initiierte Arbeitsgruppe geben „Ich hoffe, dass wir gemeinsam eine Lösung finden, die für alle positiv ist.“
An den Wänden der Katakomben der neuen Halle prangen meterhohe Schwarz-Weiß-Fotos aus der Plakataktion: Hockey-Spielerinnen im Duell um den Ball, schmetternde Zweitliga-Volleyballer, die das sportliche Aushängeschild des Vereins bilden und nun hier ihre Heimspiele austragen. „Mir ist wichtig, dass wir mit dieser Halle Identifikation schaffen“, kommentiert Gerspach die großen Fotos im Vorbeigehen. Weil an manchen Stellen noch Handwerker der Halle den letzten Feinschliff verpassen, entschuldigt sich Peter Gerspach beim Rundgang fast: „Da ist es halt noch etwas staubig“. Verstaubt ist aber anders.