Wie Corona das gesellschaftliche Leben verändert. Die Soziologin Nina Degele, Professorin an der Uni Freiburg, über Solidarität, Polarisierung, Systemrelevanz, Ungleichheit – und Umdenken.
INTERVIEW: CHRISTINE WEIS
Die Pandemie beeinflusst alle Lebensbereiche. Welche gesellschaftlichen Veränderungen ruft das hervor?
Am Anfang von Covid-19 wurde immer deutlicher, dass die Care-Arbeit der eigentliche Kernbereich ist, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Damit sind all jene Tätigkeiten gemeint, die Sorge für das Leben und dessen Erhalt tragen. Etwa Pflegekräfte, Erziehungspersonal und all jene Menschen, die im Lebensmittelbereich arbeiten. Sie erhielten plötzlich Wertschätzung und Applaus. Aber der Applaus ist verebbt und die Wertschätzung zahlt sich nicht in steigenden Gehältern aus. Die systemrelevanten, aber schlecht bezahlten Care-Berufe werden hauptsächlich von Frauen ausgeübt, die zudem mit Erziehungsarbeit und Beruf oft doppelt belastet sind. Viel Geld fließt in andere wirtschaftliche Bereiche, so werden etwa Milliarden für die Rettung der Lufthansa ausgegeben. Hier wäre mit der Corona-Krise eine Umverteilung möglich gewesen, insofern wurde diese Chance verpasst.
Eine weitere Entwicklung sehe ich in der zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft. Der erste Lockdown sah anfangs aus wie ein Frühling der Solidarität. „Wir schaffen das gemeinsam“ war der Konsens. 75 Prozent der Bevölkerung zeigte sich mit den staatlich verordneten Maßnahmen einverstanden. Das ist heute anders, nur noch etwa die Hälfte akzeptiert die Einschränkungen. Es entstehen zwei Lager und mit den Querdenkern ist eine neue Form von Extremismus aufgetreten, der das Vertrauen in staatliche Institutionen angreift. Das beobachte ich mit Sorge.
Das Virus hat die Gesellschaft also erst zusammengebracht und dann wieder gespaltet. Ist das eine Folge von falscher Politik und mangelnder Kommunikation?
Beides. Die Politik hat zwar Handlungsfähigkeit bewiesen, gerade nach dem ersten Lockdown. Das ist im Grunde eine gute Erfahrung und beweist: der Staat kann große Krisen managen. Es gibt aber noch eine viel größere Krise zu bewältigen, die Klimakatastrophe. Und da bremst die Politik, wenn nämlich Klimaschutzmaßnahmen wirtschaftliches Wachstum bremsen. Das ist nicht gewollt. Es ist nach meiner Einschätzung keine Frage der Kommunikation, sondern eine Frage der Haltung – in der Politik wie bei Einzelnen. Wenn es hier einen Richtungswechsel geben sollte, dann kommt er zuerst einmal von der Straße, von denjenigen, die sich dem Dogma Wachstum und Konsum verweigern. Wenn das in großem Maßstab passiert und politisch unterstützt wird, hätte das Klima schon eine Chance. Anders und weniger produzieren, weniger verschwenden und konsumieren bedeutet einen kompletten Kulturwandel. Ich bin skeptisch, ob dieser möglich sein wird.
Keine Reisen, kein Feiern, Kontaktbeschränkungen und stattdessen Home-Office und Home-Schooling. Manche machten zum ersten Mal die Erfahrung, dass Lebensmittelregale leer und Medikamente nicht verfügbar sind. Hat das zum Umdenken geführt?
Schon, es gibt Tendenzen hin zum nachhaltigen Verhalten, aber ich bin trotzdem nicht optimistisch. Es ist letztlich nicht eine Sache der Erkenntnis. Alle wissen doch, was nicht gut ist und machen es trotzdem. Verhalten ändert sich nur durch permanente Übung. Wenn die Leute dieses Jahr tatsächlich anders gelebt haben, andere Erfahrungen machten, daraus dann die Konsequenz ziehen, dass das gut war und so bleiben soll, dann wird das nur durch permanentes Wiederholen verinnerlicht und umgesetzt. Aber vermutlich – das ist meine Befürchtung – wird die Mehrheit wieder in ihre alten Verhaltensmuster zurückkehren. Auch das ist eine verpasste Chance.