Klimaschutz und Nachhaltigkeit finden mitunter auch in Mülltonnen und gelben Säcken ihren Abschluss. Bei der Freiburger Abfallwirtschaft und Stadtreinigung GmbH beschäftigt man sich mehr denn je mit diesen Themen.
VON DANIEL RUDA
Folgende Situation: Mehr als 20.000 Menschen ziehen bei einer der größten Demonstration, die Freiburg je erlebt hat, durch den gesamten Innenstadtbereich. Und danach gibt es so gut wie keinen Müll aufzusammeln. Genau so geschehen ist das am 20. September beim großen Klimastreik. An solche Demonstrationen könnte sich Michael Broglin gewöhnen.
Der Geschäftsführer der ASF (Abfallwirtschaft und Stadtreinigung Freiburg GmbH) bezieht das aber weniger darauf, dass seine Leute dann halt nicht so viel Stress haben, sondern auf den womöglich langfristigen Effekt der aktuellen Bewegung rund um Greta Thunberg und Fridays For Future.
„Ich glaube, es gibt einen Bewusstseinswechsel in der Bevölkerung, man muss diese Zeit jetzt als Aufbruch nutzen“, sagt der 56-Jährige. Mehr Klimaschutz bedeutet im Umkehrschluss auch weniger Müll. Darum geht’s für Broglin in seiner Arbeit. Auftrag der ASF ist es, die Stadt sauber zu halten. Sei es, indem die Mülltonnen geleert werden, oder in der Innenstadt Zigarettenstummel einzeln aufgepickt werden.
„Wir müssen recyceln und die Dinge wieder in die Kreislaufwirtschaft zurückführen“
Der Geschäftsführer sieht diesen Sachzwang aber bei weitem nicht als einzigen Punkt auf der To-Do-Liste. „Wir müssen recyceln und die Dinge wieder in die Kreislaufwirtschaft zurückführen“, sagt Broglin. Und: „Wir müssen die Menschen zu einem besseren Mülltrennungsverhalten bewegen.“
Dabei funktioniert das Prinzip der Vermeidung und Trennung in Freiburg schon ganz gut. Rund 125.000 Tonnen Müll fallen aktuell jährlich an – rund ein Drittel davon ist gewerblich. Um anschaulich zu machen, wo die Großstadt mit ihren 230.000 Einwohnern damit steht, ist „die 91 für mich die entscheidende Zahl“, sagt Broglin.
In der Landesabfallbilanz des Umweltministeriums findet sich diese 91 für Freiburg in der Kategorie Jährliche Restmüllmenge in Kilogramm pro Einwohner – Platz eins in Baden-Württemberg. Zum Vergleich: Karlsruhe kommt auf 116, Mannheim auf 191, Stuttgart auf 161 Kilo Restmüll pro Einwohner. Nimmt man alle Abfallströme zusammen, liegt Freiburg pro Einwohner bei 390 Kilogramm, der Bundesdurschnitt liegt bei 465.

„Die Freiburger haben da schon immer ein anderes Bewusstsein gehabt“, auch das ausdifferenzierte Gebührensystem, mit dem der einzelne Haushalt bei wenig Restabfall mit geringeren Kosten belohnt wird, habe daran seinen Anteil. „Das, was wir haben, gibt es nicht oft in der Republik“, sagt der ASF-Geschäftsführer in nüchternem Ton. Recycling, Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung sind für Broglin Kernaufgaben.
„Den Anspruch habe ich schon immer“. Seit dem Start des kommunalen Unternehmens, das zu 53 Prozent der Stadt Freiburg und zu 47 Prozent dem Entsorger Remondis gehört, ist er Abfallchef. Als die ASF im Jahr 2000 gegründet wurde, waren 245 Mitarbeiter angestellt, heute sind es 410.
Mehr Platz für Müll und Wiederverwertbares
Der Jahresumsatz der ASF liegt bei rund 39 Millionen Euro. Der rund 40.000 Quadratmeter große Hof nahe der Messe stößt inzwischen an seine Grenzen. Aus der Not machen Broglin und sein Team eine Tugend. Aktuell wird auf dem Gelände deshalb ein Parkhaus gebaut, auf der dadurch andernorts freiwerdenden Fläche wird dann ein zweistöckiges Recyclingkaufhaus entstehen.
Darin sollen Dinge verkauft werden, die auf einem der drei Freiburger Recyclinghöfe oder dem Sperrmüll landen, aber zu schade sind, um plattgemacht zu werden. Das Thema Plastikmüll ist für Broglin ebenso ständig Thema. Dass ab nächstem Jahr Einwegplastik, zum Beispiel Röhrchen, verboten sein wird, bezeichnet er als einen ersten guten Schritt.
Von der Politik erwartet er sich in Zukunft weitere: „Man sollte viel stärker forcieren, dass Verpackungen in Umlauf gebracht werden, die einfacher recycelt werden können“. Nur noch Mono- und keine Mischkunststoffe sollte es im besten Fall geben. „Dann braucht es keine teuren Recyclingverfahren und alles kann wieder in den Stoffkreislauf zurückgeführt werden.“
Die Freiburger gelben Säcke, rund 5000 Tonnen sind es pro Jahr, werden zum größten Teil zur Firma Vogt Plastic in Rheinfelden gebracht, einem der größten Recycler der Region. Insgesamt landen rund 80.0000 Tonnen Kunststoff pro Jahr dort, angeliefert aus Freiburg, vom Schwarzwald bis zur Bodensee-Region. Bei Vogt wird alles sortiert, nach Kunststoffen getrennt und schließlich in Granulate verwandelt, die wieder in der Industrie landen.
Dort werden sie zu Eimern und Kisten, die man im Baumarkt kaufen kann; zu Rohren und Dosen für die Bauindustrie; oder zu Kleiderbügeln und anderen Dingen, die sich in fast jedem Haushalt wiederfinden. 250 Mitarbeiter hat die Firma, die sich seit den 80er Jahren mit dem Thema Recycling beschäftigt.
Veränderung, auch in der Industrie
Geschäftsführer Andreas Vogt erinnert sich an das Weltwirtschaftsforum vor drei Jahren in Davos, als eine alarmierende Studie präsentiert wurde, wonach bis zum Jahr 2050 mehr Plastikmüll als Fische in den Weltmeeren schwimmen werde, sollte es so weiter gehen. 40 globale Konzerne verpflichteten sich daraufhin, weniger und umweltfreundliches Plastik zu verwenden.
Seither werde auch von Industrieseite bewusster mit dem Thema umgegangen, ist Vogts Eindruck. „Bis dahin musste alles immer so billig sein wie möglich“, auf Recycling hatten also die wenigsten Lust. „Wir sind froh, dass sich das gedreht hat und wir weiter existieren.“
China hat im vergangenen Jahr den Import von Plastikmüll gestoppt, ein neues Verpackungsgesetz fordert in Deutschland eine höhere Recyclingquote (2021 soll sie bei 63 Prozent liegen – laut Umweltbundesamt liegt sie aktuell bei rund 50 Prozent), und auch die Verschiffung von solchem Müll etwa nach Asien – als Hotspot gilt Malaysia – wird stärker eingeschränkt. Wie Broglin spricht auch Vogt von kleinen Schritten, „aber wir stehen noch am Anfang, das ist alles nur Vorgeplänkel“.
Nun müsse die Industrie dafür sorgen, den Kreislauf immer mehr zu schließen. Im Meer landet jedenfalls kein Müll aus Freiburg, betont Michael Broglin. Wie die Firma Vogt, die im vergangenen Jahr 63 Millionen Euro Umsatz einfuhr, sind alle Partner und Abnehmer des Freiburger Mülls zertifizierte Betriebe.
So auch die Müllverbrennungsanlage TREA im Gewerbepark Breisgau in Eschbach. Dort landet der Restmüll aus der grauen Tonne und dem Sperrmüll, der nicht recycelt werden kann und folglich verbrannt wird.
Insgesamt 21.000 Tonnen sind das pro Jahr. Daraus entsteht beim Verbrennungsprozess Schlacke, die wieder in Freiburg als Baumaterial für die ehemalige Deponie Eichelbuck genutzt wird. Anfang der Siebziger eröffnet, wurde sie vor 2005 geschlossen. Seither wird sie rekultiviert, kein Oberflächenwasser darf mehr eintreten.
Unten pfui oben hui
Rund 6,5 Millionen Kubikmeter Abfall, „alles, was man sich vorstellen kann“, so Broglin, liegt im Deponiekörper. Von Mülltrennung war damals in den ersten Jahren noch keine Rede. Im nächsten Jahr soll der 15-jährige Rekultivierungsprozess abgeschlossen sein. Während unten abgedichtet wird, ist die Deponie nach oben hin parallel zum Energieberg geworden.
Eine große Photovoltaikanlage, die die sonnige Südwestlage ausfüllt, kann die Stromversorgung von mehr als 1100 Haushalten stemmen. Dazu gibt es eine Speiseresteverwertungsanlage, die zu Gärsubstrat für Biogasanlagen wird, sowie eine Anlage, die Pflanzenkohle aus Schnittgut herstellt, welches wiederum in der Landwirtschaft als „Bodenverbesserer“ zum Einsatz kommt.
Ein Brunnen erfasst das Gas, das der Deponiekörper noch immer erzeugt, und leitet es bei genügend Qualität ins Blockheizkraftwerk der Badenova, womit zu großen Teilen der Stadtteil Landwasser mit Strom versorgt wird.
In so gut wie jedem Bereich findet sich bei der ASF der Klimaschutzgedanke wieder. Auf dem Hof der ASF stellt Broglin beim spontanen Rundgang die Fahrzeuge mit alternativen Antriebstechniken vor: Eine vollelektrische Straßenkehrmaschine oder von der Post gekaufte Streetscooter mit Pritschen.
Weitere E-Fahrzeuge, die „im Schnitt das Dreifache kosten“, sind bestellt. „Im nächsten Jahr soll der komplette Innenstadtbereich emissionsfrei gereinigt werden“, gibt Broglin als Ziel aus. Auch bei den großen Müllfahrzeugen gibt es ein Umdenken.
„Wir beschäftigen uns sehr mit dem Thema Brennstoffzelle“, im nächsten Jahr sollen zwei große Müllfahrzeuge mit diesem Antrieb auf dem Hof stehen. Bislang koste ein Müllfahrzeug etwa 230.000 Euro. „Mit Brennstoffzelle wird es bis zu vier Mal so teuer.“
Etwas abseits auf dem Betriebshof in einer kleinen Halle zeigt Broglin noch die hauseigene Aufbereitungsanlage für Styropor. In schwere Briketts gepresst, wird es wieder in den Produktionskreislauf zurückgegeben. „Richtiges Recycling“, sagt Michael Broglin. „Darum geht’s.“