Künstliche Intelligenz in den menschlichen Körper bringen. Daran arbeitet das Freiburger Medizintechnik-Unternehmen CorTec. Die Experten für Neurotechnologie wollen mit aktiven Implantaten fürs Gehirn neue Therapieansätze ermöglichen.
VON DANIEL RUDA
Hyperkomplexe Dinge auf einfache Sätze herunterzubrechen, ist Jörn Rickert als Biologe gewohnt. Als Geschäftsführer eines Medizintechnik-Unternehmens, das aktive Implantate entwickelt, längst auch. „Unsere Technologie ermöglicht die Kommunikation mit Gehirn und Nerven“, sagt der 45-Jährige, wenn es zu erklären gilt, um was es bei CorTec in Freiburg geht.
Jene aktiven Implantate sollen für Patienten mit neurologischen Erkrankungen neue Therapien möglich machen. Eingesetzt werden soll ein Implantat rund um das menschliche Nervensystem, drahtlos verbunden mit einer komplexen externen Systemeinheit, die alles steuert. „Es ist ein absoluter Zukunftsmarkt“, sagt Rickert über diesen Bereich der Neurologie. 60 Mitarbeiter arbeiten für CorTec, das als eines der innovativsten Häuser im Bereich der Medizintechnik Deutschlands gilt.
„Brain Interchange System“ (BIC) heißt das System, das der Kern des Unternehmens ist und möglichst bald Marktreife haben soll. Es verbindet Gehirn und Technik, was die Kommunikation mit dem Nervensystem mit den Mitteln der künstlichen Intelligenz ermöglicht. Daraus werden dann die Lösungen abgeleitet, die beispielsweise Menschen mit Epilepsie oder Parkinson sowie Schlaganfallpatienten einmal helfen sollen.
Elektroden werden auf die Oberfläche des Gehirn implantiert
Das soll geschehen, indem Elektroden auf der Oberfläche von Gehirn oder Nerven implantiert werden und die dabei in Echtzeit gesammelten elektrischen Signale herausgefiltert, digitalisiert und nach außen an ein kleines Computersystem gesendet werden, das der Patient mit sich führt. Das schickt dann wiederum elektrische Impulse an die implantierte Elektronik zurück. Im Brain Interchange System funktioniert das alles in einem geschlossenen Kreislauf, als sogenannntes Closed-Loop System. „Bei einem Epilepsiepatienten könnte so beispielsweise ein drohender Anfall erkannt werden. Die dann erzeugte Stimulation sorgt dafür, dass es gar nicht erst zum Anfall kommt“, erklärt Marketingleiterin Carolina Remke die Wirkung des Komplettsystems.
Bislang sind nur einzelne Komponenten des BIC-Systems wie etwa Elektroden auf dem Markt, sie werden auch schon operativ erfolgreich bei Patienten eingesetzt. Andere Teile sind in der prä-klinischen Forschung. Das Komplettsystem soll bald in ersten klinischen Studien getestet werden, die Vorbereitungen dafür laufen.

In der Medizintechnik dauere alles etwas länger, sagt Jörn Rickert. Das liege nicht nur an der komplexen Entwicklung an sich, sondern auch an bürokratischen Hürden. In den zehn Jahren Firmengeschichte wurden die gesetzlichen Regularien etwa schon mehrfach verschärft, erzählt er. „Die Entwicklung und Testung wurde aufwendiger und komplizierter, was für uns als kleines Unternehmen eine große Herausforderung ist.“ Wann die Marktreife für das Brain Interchange System erreicht ist und neue Therapien für Patienten verfügbar sind, sei daher schwierig abzuschätzen.
Die aufwendigen Regularien sind auch ein Grund, weshalb das Unternehmen neue Therapien nicht selbst auf den Markt bringen wird. CorTec ist positioniert als Technologiepartner und Zulieferer für Forscher und Unternehmen weltweit, die neue Therapien im Bereich von neuronalen Erkrankungen entwickeln und die finanziellen Mittel für eine Markteinführung eines spezifischen Systems haben. Die Kunden – sowie Konkurrenz – sitzen vor allem in den USA, „Deutschland ist in diesem Bereich leider noch nicht so innovativ“, sagt Jörn Rickert.
“ Es ist ein absoluter Zukunftsmarkt.“
CEO Jörn Rickert
„Es ist ein absoluter Zukunftsmarkt“, das mache CorTec auch als Arbeitgeber interessant. Hinzu kommen die flachen Hierarchien, mit ihm als CEO seien die Angestellten per Du, die Unternehmensphilosophie ist vor allem auf Teamarbeit ausgerichtet.
„Die CorTec“, wie sie intern genannt wird, entstand vor zehn Jahren aus einer kleinen Forschergruppe an der Uni Freiburg heraus. Rickert ist der Gründer des einstigen Start-ups, dessen Ausgründung damals auch dank Fördermitteln zustande kam. Mithilfe von inzwischen sechs Investoren, die sich in bislang vier Finanzierungsrunden beteiligt haben, ist man auf die Größe eines Mittelständlers angewachsen.
Zuletzt hat sich die in der Branche bekannte Investorengruppe Strüngmann mit 13 Millionen Euro beteiligt. Weil CorTec im Begriff sei, „eine zentrale Rolle in diesem wachsenden Markt zu spielen“, hieß es bei der Verkündung im vergangenen Jahr. Zählt man Fördergelder und Investorenmittel zusammen, flossen damit bislang über 30 Millionen Euro in das Unternehmen. „Wir sind auf Wachstum gepolt“, beschreibt CEO Rickert nicht zuletzt deswegen die weiteren Ziele. In den nächsten Jahren soll die Mitarbeiterzahl wachsen. „High-Tech-Entwicklungsschmiede“ für Innovationen im Bereich Neurotechnologie zu sein, das ist Selbstverständnis und Anspruch zugleich.

In den vergangenen beiden Jahren wurde CorTec in die Bestenliste der innovativsten Unternehmen Deutschlands aufgenommen, zudem als einziger Medizintechniker aus dem Regierungsbezirk Freiburg in der Liste vom Wirtschaftsmagazin brandeins und der Datenbank Statista. Vor allem durch den Umzug im vergangenen Jahr hat alles an Fahrt aufgenommen. War man zuvor noch auf ein paar Büror.ume beschränkt, die Entwicklung sowie Produktion fand in angemieteten Laboren der Uni statt, hat das Unternehmen nun in einem modernen Bürogeb.ude nahe der Freiburger Messe eine komplette Etage angemietet. 1000 Quadratmeter Bürofl.chen und vor allem ein 400 Quadratmeter großer Reinraum mit Laboreinrichtungen bilden nun das Herz des Unternehmens.
Einen Blick hinein gewährt CorTec aktuell nicht. Schon seit Februar gelten wegen der Coronakrise strenge Auflagen. Besuche sind untersagt, die meisten Mitarbeiter im Home Office. Im Reinraum, in dem die Konzentration luftgetragener Teilchen sehr geringgehalten wird, geht die Arbeit unter Vorsichtsmaßnahmen weiter.
Nach Umzug viel mehr Kapazitäten
„Wir schätzen, dass wir eine ungefähr zehnfach höhere Kapazität haben, bei besserer Qualität“, sagt Jörn Rickert über das gesteigerte Potenzial durch den neuen Standort. Einzelne Elektroden verkauft CorTec bislang zum Preis zwischen 200 und 5000 Euro. Die jährliche Stückzahl liegt aktuell im Tausenderbereich. BIC soll in der Zukunft als Implant-System höhere Preise erzielen. Zurzeit kosten Implantate zur Neurostimulation zwischen 20.000 und 30.000 Euro pro Stück.
„Mit der neuen Infrastruktur haben wir die Kapazität, unsere Erlöse auf zehn oder zwanzig Millionen Euro zu erhöhen“, so Rickert. Dafür soll vor allem der Vertrieb im Hauptmarkt USA weiter ausgebaut werden. Auch an den Aufbau eines eigenen Standorts dort wird auf lange Sicht nachgedacht.
Nun müsse es aber erst einmal gelingen, die Produktion in Freiburg ins Laufen zu bekommen. Bis die Produktion für alle Produkte im neuen Reinraum qualifiziert ist, wird es noch bis weit in das nächste Jahr dauern. „Am Ende ist das ein fast dreijähriger Prozess vom Einzug bis zur vollständigen Produktion“, erklärt Rickert.
Auch die Coronakrise wird wohl für weitere Verschiebungen sorgen. Einige prä-klinische Forschungen werden von Kunden verschoben, Aufträge zurückgestellt und auch Lieferengpässe gebe es, erzählt Rickert. „Da haben wir zu kämpfen, aber wir arbeiten weiter und es geht voran.“ Immer in Richtung Zukunftsmarkt.