Gibt es wirklich familiäre Strukturen von hochorganisierter „Clankriminalität“? In Südbaden jedenfalls nicht, sagt das LKA Baden-Württemberg. Wir haben mit dem Clanforscher Mahmoud Jaraba von der Universität Erlangen-Nürnberg über Ursachen, Prävention und das Problem der Stigmatisierung gesprochen.
Text: Julia Donáth-Kneer
Massenschlägereien zwischen Männergruppen, der Juwelendiebstahl aus dem Dresdner Grünen Gewölbe oder der Raub der 100-Kilo-Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum – filmreife Kriminalfälle wie diese machen immer mal wieder Schlagzeilen und liefern Beispiele für die sogenannte Clankriminalität. Aber was meint dieser Begriff und ist er überhaupt haltbar? „Nein, ist er nicht“, sagt Clanforscher Mahmoud Jaraba und schüttelt entschieden den Kopf. „In der öffentlichen Debatte werden Clans als Einheit dargestellt. Als würde sich die gesamte Großfamilie kennen, zusammenhalten und möglicherweise gemeinsam kriminell aktiv sein. Das ist falsch und existiert in dieser Form nicht.“

Der 45-Jährige ist einer der bekanntesten Clanexperten Deutschlands und einer der wenigen, der das Phänomen wissenschaftlich begleitet. Beim Gespräch mit Netzwerk Südbaden schaltet sich Jaraba per Video aus seinem Büro an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg zu, wo der promovierte Politikwissenschaftler am Forschungszentrum für Islam und Recht in Europa beschäftigt ist. Seine zentrale These: Die Großfamilien, von denen immer wieder die Rede ist, wenn es um Clankriminalität geht, sind keine zusammenhängende homogene Gruppe. „Heute kennen sich die meisten Familienmitglieder untereinander nicht. Somit gibt es auch keine zentrale Führungsperson im jeweiligen Clan“, sagt er.