18 Jahre lang lag das Berghotel Kandel im Tiefschlaf. Jetzt könnte ein ambitioniertes Projekt dem Schwarzwälder Berg neues Leben einhauchen – wenn die gegebenen Herausforderungen gemeistert werden.
VON ANNA-LENA GRÖNER
Bagger, Bauzäune und Bauschutt vor einer traumhaften Kulisse, an diesem Tag mit Blick bis zu den Vogesen. Die Baustelle an der Spitze des 1241 Meter hohen Kandels dürfte für viele eine echte Freude sein. Endlich tut sich etwas. 18 Jahre lang konnten Bergbesucher dem Zerfall des Kandelhotels zuschauen. Der Glottertäler Metzgermeister Ulrich Reichenbach wollte das nicht länger hinnehmen.
Schon 2015 kaufte er das Hotel, anfangs mit dem Plan, es zu sanieren. Aber schnell zeigte sich: die Kosten wären zu hoch, die Umsetzung zu aufwändig, Abriss und Neubau sind der günstigere Weg. Also entwickelte Reichenbach gemeinsam mit seinem Freund Michael Gschwander und zusammen mit unterschiedlichen Experten einen anderen Plan für die exponierte Lage. Heraus kam das Projekt „Bergwelt Kandel“.
Mit einem Investitionsvolumen von fünf Millionen Euro soll das einstige Dornröschenobjekt in einen Magnet für Einheimische und Touristen verwandelt werden. Im September 2018 wurde die Kandel Bergwelt GmbH gegründet. Ulrich Reichenbach gehören 58 Prozent, den Rest teilen sich die am Bau beteiligten Unternehmen. Für sie soll es ein Leuchtturm für eine vorbildliche Schwarzwälder Baukultur werden, ein Aushängeschild, von dem andere Bauherren lernen sollen.
Der Abriss des maroden Gebäudes startete bereits im September 2019, im März geht es mit den Betonarbeiten los, im Juli sollen die Holzarbeiten am Neubau beginnen. Die nötigen Bauteile aus Weißtanne liefert die Firma „Holzbau Fluck“ aus Blumberg im Schwarzwald. „Danach haben wir etwa ein Dreivierteljahr Zeit für den Innenausbau. Im Frühjahr 2021 soll der Betrieb losgehen“, sagt Bauherr Reichenbach. Mit der „Bergwelt Kandel“ möchte der gebürtige Glottertäler seinen Hausberg wieder beleben und im besten Fall ein Vorzeigeobjekt für die Höhengastronomie im Schwarzwald schaffen.
Den Kandel wiederbeleben
Der Holzbau soll sich in die Landschaft einfügen, große Glasfronten zur Westseite ermöglichen Sicht in die Rheinebene und die hier startenden Gleitschirmflieger. Gut 50 vergleichbare Bauten hatten sich Reichenbach und Projektleiter Michael Gschwander zuvor in Österreich, Deutschland und der Schweiz angeschaut. Die Objekte des österreichischen Architekten Michael Jenewein haben sie überzeugt, er wurde mit der Umsetzung der Kandel-Bergwelt beauftragt.
Die Bauplanung übernimmt die Faller3 GmbH aus Breitnau. Wasser und Wirtschaftlichkeit Besonders zwei Herausforderungen gilt es zu meistern: die Wasserproblematik auf dem Berg und die Wirtschaftlichkeit einer Höhengastronomie. Am höchsten Punkt des mittleren Schwarzwaldes herrscht Wasserknappheit, richtiges Haushalten mit der natürlichen Ressource ist essenziell. Die Kooperation mit der Stadt Waldkirch wird besonders wichtig.
„Wir dürfen fünf Quellen nutzen, die alle auf Waldkircher Gelände liegen“, erklärt Reichenbach. „Das Wasser bekommen wir zur Verfügung gestellt, dafür haben wir die Quellen saniert.“ Die „Bergwelt Kandel“ bekommt einen völlig autarken Wasserkreislauf. Für die Herausforderung Berggastronomie sind maximale Vorbereitung und minimaler Personalaufwand ausschlaggebend.
Das bedeutet auch: Flexibilität in der Küche, um schnell auf die Gegebenheiten reagieren zu können. Bei schlechtem Wetter fallen die Tagesgäste aus, bei Sonnenschein pilgern alle auf den Berg. „Wenn du hier keinen guten Plan im Sack hast, dann machen dich die Betriebskosten kaputt“, sagt Ulrich Reichenbach.

Wenn das Wetter mitspielt könnte diese Terrasse zum neuen Schwarzwald-Hotspot werden.
Foto: Architekt Dipl.-Ing Michael Jenewein, www.vra.atDer Plan für die Tagesgastronomie mit dem Namen „Aufwind“: gehobene Selbstbedienung mit regionalen Produkten, die weitestgehend zubereitungsfertig geliefert werden. Das Fleisch bringt der Metzger Reichenbach aus dem Tal. So sind Küche und Service mit wenig Personal zu stemmen, die Qualität ist gewährleistet. Eine erfahrene Betreiberfamilie (der Name bleibt noch geheim), die in der „Bergwelt Kandel“ einziehen soll, übernimmt diese Aufgaben.
Kombiniert wird das Gastronomiekonzept mit Übernachtungsmöglichkeiten und einer Mietlocation für Veranstaltungen und Tagungen. 50 Betten verteilt auf Einzel-, Doppel- und Mehrbettzimmer sowie Appartements sollen später nicht nur die ideale Schlafmöglichkeit für Veranstaltungsgäste sein, sondern auch Ausflüglern und Urlaubern eine Auszeit auf dem Kandel ermöglichen. Im großen Eventraum können bis zu 200 Gäste feiern oder seminieren.
Die Kombination Hochzeitslocation in der Natur mit Kapelle vor Ort könnte durch die Decke gehen. Während die künftige Bergwelt-Betreiberfamilie für die Tagesgastronomie und die Übernachtungsgäste verantwortlich ist, übernimmt Reichenbach selbst die Eventlocation. Noch eine gute Aussicht fürs Kandel-Projekt: eine Seilbahn von Waldkirch auf den Hausberg könnte durch neue Fördermöglichkeiten umgesetzt werden.
Der aus der Region stammende Bundestagsabgeordnete Peter Weiß weckte jedenfalls kürzlich per Pressemitteilung die Hoffnung „den Kandel als einen der markantesten Schwarzwaldberge auch über eine Seilbahn zu erschließen“. Ulrich Reichenbach freuen solche Pläne. „Für uns wäre das klasse. Auf dem Schauinsland und dem Belchen haben sie es schließlich auch gemacht.“