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Papierrestaurierung: Für eine langer Dauer

  • 8. April 2026
Wappenbrief aus dem 17. Jahrhundert
Wappenbrief aus dem Stadtarchiv Augsburg
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Anna Coulon pflegt und bewahrt Dokumente, Kunstwerke und Bücher – von historischen Wappen­briefen über das Firmenarchiv von Maggi bis zu Zeichnungen von Otto Dix. Ein Besuch im Atelier für Papierrestaurierung in Windenreute.

Text: Christine Weis • Fotos: Santiago Fanego

Im Treppenhaus, auf dem Weg hinunter ins Atelier im Hanggeschoss, hängen zwei gerahmte Fotografien mit Detailansichten einer Grafik von Picasso. „Das ist eine Zustandsdokumentation einer meiner Arbeiten im Vorher-Nachher-Modus“, erläutert Anna Coulon. Einmal mit braunem Rand, einmal gereinigt ohne Verfärbung. Damit wird schon vorab bildhaft angedeutet, was ein paar Stufen tiefer im Arbeitsraum passiert. Das Atelier ist im Wohnhaus der Familie Coulon im Emmendinger Ortsteil Windenreute integriert. Ein kleines Schild an der Straße weist auf die seltene Disziplin hin. Papier, Pergament und Leder sind die Materialien, auf die sich Anna Coulon spezialisiert hat. Auf ihrem großen Werkstatttisch stapeln sich mehrere Kartons. Darin sorgfältig verpackt rund zwanzig restaurierte Wappenbriefe aus dem Stadtarchiv Augsburg. Coulon öffnet eine der speziellen Archivkartonagen. Zum Vorschein kommt eine untertassengroße, runde Holzkapsel, in die ein Wachssiegel mit Prägung eingebettet ist.

Frisch restauriert: ein Wappenbrief samt Siegel aus dem 17. Jahrhundert.

„Eigentlich hatte das Siegel noch einen Holzdeckel, der ist leider nicht mehr erhalten“, erklärt die 42-Jährige. Die Wachsschicht war an drei Stellen gebrochen, das konnte sie zügig beheben. Die größere Arbeit aber galt dem zugehörigen Wappenbrief aus dem 17. Jahrhundert. Solche Urkunden wurden von Kaisern, Königen oder Kirchenfürsten zur Verleihung eines Wappens oder als Zeichen der Erhebung in den Adelsstand ausgestellt. Die Restauratorin präsentiert das aufwendig gestaltete Exemplar mit Schriftverzierungen und farbig gezeichnetem Wappen. Das wertvolle Dokument besteht aus einem Einband mit Samtbezug und Pergamentseiten, also Tierhaut.

„Das Entscheidende in der Restaurierung ist, wenn möglich, mit denselben Materialien zu arbeiten, die früher verwendet wurden.“ – Anna Coulon

„Das Entscheidende in der Restaurierung ist, wenn möglich, mit denselben Materialien zu arbeiten, die früher verwendet wurden“, erklärt die Restauratorin. Welche das sind, muss erstmal herausgefunden werden. Dafür analysiert sie das Werk zunächst akribisch, ehe sie Hand anlegt. Das Siegelwachs etwa besteht aus einer Wachsmischung mit roten Erdpigmenten. „Man darf auf keinen Fall etwas einbringen, was dem Objekt langfristig schaden würde“, sagt Coulon. 500 Jahre Haltbarkeit sind Verpflichtung genug. Auch bei Verpackungen achtet sie auf reinste und zertifizierte Materialien, damit keine chemischen Prozesse das innenliegende Werk schädigen.

Für die Reinigung des Schriftstückes benutzt sie einen speziellen Latexschwamm, mit dem sie vorsichtig über die Oberfläche wischt. Die aufgeschäumte Struktur erzeuge einen leichten Unterdruck, der Schmutzpartikel von der Oberfläche löse, erklärt Coulon.

Das Kräuterbüchlein aus dem 16. Jahrhundert ist eine Rarität, aber in keinem guten Zustand.

Vom Rheinland über Augsburg nach Südbaden

Die Wappenbriefe werden demnächst ins Stadtarchiv Augsburg zurückgebracht: Anna Coulons letzter Arbeitgeber. Dort leitete sie mehrere Jahre die Restaurierungswerkstatt, bevor sie sich 2022 selbstständig machte. Ins Badische kam sie mit ihrer Familie aus privaten Gründen. Studiert hat sie an der Technischen Hochschule Köln, am Institut für Restaurierungs- und Konservierungswissenschaften, Fachbereich Grafik, Schriftgut und Buchmalerei. Danach war sie stellvertretende Leiterin der Restaurierungswerkstatt im Archivamt des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe in Münster.

Restaurierung in ihrer heutigen, wissenschaftlich fundierten Form gibt es erst seit den 1970er-Jahren. „Es ist ein vergleichsweise junges Fach und Papier ein gesonderter Fachbereich neben Holz, Gemälden, Textil, Fotografie, Wand/Stein oder Metall“, sagt Coulon. Restaurator oder Restauratorin sei jedoch keine geschützte Berufsbezeichnung. „Theoretisch kann sich jede und jeder so nennen.“ Deshalb lege sie Wert auf ihre Hochschulausbildung. Es ärgert sie insbesondere, wenn sie Arbeiten in die Hände bekomme, die laienhaft behandelt worden sind. In den vergangenen vier Jahren hat sie sich ein Netzwerk aufgebaut. Zu ihren Auftraggebenden zählen etwa das Kreisarchiv, das Jüdische Museum, die Galerie Premium Modern Art in Emmendingen sowie das Museum Ritterhaus in Offenburg oder die Städtische Galerie in Villingen.

Abgeschlossene Arbeiten: Grafiken von Otto Dix und ein Druck von Joseph Beuys.

Schimmel, Schmutz, Feuchtigkeit

Anna Coulon restauriert und konserviert nicht nur Kunstwerke und historisches Kulturerbe. Das Spektrum reicht von Schallplattenhüllen über Comics bis zur Spieleschachtel. Ein weiteres Standbein sind Firmenarchive. So arbeitete sie etwa für den Würzehersteller Maggi in Singen. Zudem bietet sie Workshops und Beratung zur Bestandserhaltung an. Dabei geht es um die Themen Schadstoffe, Schädlingsbefall, Wasserschäden, Verschmutzungen, Neu- und Umverpackung. Gerade Wasserschäden gibt es häufig, etwa durch Leitungslecks oder Hochwasser. Die Restauratorin erinnert an den Einsturz des Kölner Stadtarchivs im Jahr 2009, verursacht durch Bauarbeiten am U-Bahnnetz. Damals sind auch riesige Mengen Archivgut in die Kanalisation gespült worden.

Und was macht man, wenn das Archiv absäuft? „Schnell alles einzeln in Folie packen und einfrieren, sonst hat man innerhalb von wenigen Tagen Schimmel in den Objekten“, antwortet sie. Ist Papier erstmal stark von Schimmel befallen, wird es weich, instabil und auch gesundheitsschädlich. Die Behandlung ist komplex und verläuft über mehrere Phasen: Trocken- und Nassreinigung, Bleichen, Trocknen, Leimung. Letzteres verhindert, dass Tinte ins Papier einsickert und verschwimmt, den Effekt kennt man von Löschpapier.

„Das ist ein Kräuterbuch aus dem 16. Jahrhundert, etwas ganz Besonderes.“ – Anna Coulon

Arbeitsutensilien im Atelier

Anna Coulon zieht eine Schublade auf und legt ein kleines ledergebundenes Buch auf den Tisch. „Das ist ein Kräuterbuch aus dem 16. Jahrhundert, etwas ganz Besonderes“, schwärmt sie, während sie vorsichtig durch die Seiten blättert. Bei den jeweiligen Beschreibungen der Kräuter sind diese mit einer Zeichnung illustriert, am oberen Rand finden sich teilweise handgeschriebene Seitenzahlen. Zwischen zwei Blättern liegt ein Kienspan, der zum Anzünden von Kerzen benutzt wurde, als Lesezeichen. Das Konvolut hat keine Schimmelschäden, aber es ist stark verschmutzt, es gibt Wasserränder, manche Seiten sind zerfetzt, vielleicht von einem Tier angeknabbert. „Ich werde es komplett auseinandernehmen, und jede Seite einzeln behandeln, erst trocken- und nassreinigen, anschließend glätten und alles wieder zusammenheften“, erklärt die Restauratorin. Ungefähr 40 Stunden reine Arbeitszeit werde sie dafür benötigen, so ihre erste Schätzung – je nachdem, was die Kundin wünscht und auch investieren möchte, auch mehr. Denn sie könnte auch den Schweinsledereinband und die kaputte Buchschließe wieder in Schuss bringen.

Anna Coulon (42) studierte am Institut für Restaurierungs- und Konservierungswissenschaften
an der Technischen Hochschule in Köln. Ihre Spezialgebiete sind Papier, Pergament und Leder.

Ein weiterer Auftrag, der fast fertig ist, sind elf Grafiken, die die Volksbank Trossingen restaurieren ließ und die demnächst dort wieder ihren Platz einnehmen werden. Darunter Drucke von Joseph Beuys und Zeichnungen von Otto Dix. Beide zählen zu den bekanntesten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Dix ist 1969 in Singen gestorben, also unweit von Trossingen. Vielleicht hängt eines Tages auch ein Vorher-Nachher-Foto eines seiner Werke im Treppenhaus des Papierateliers von Anna Coulon in Windenreute. Neben Picasso würde Dix gut passen.

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