Das Freiburger Medizintechnikunternehmen Resuscitec hat eine mobile Herz-Lungen-Maschine entwickelt. Sie erhöht die Überlebenschancen bei außerklinischem Herzstillstand. Weitere Forschungen laufen in den Bereichen Transplantationsmedizin, Krebstherapie sowie Organtransport.
Text: Christine Weis
Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand zählt jede Minute. Bereits nach fünf Minuten ohne ausreichende Durchblutung und Sauerstoffversorgung drohen schwere und womöglich tödliche Organ- oder Gehirnschäden. Jährlich erleiden rund 60.000 Menschen in Deutschland außerhalb des Krankenhauses einen solchen Herzstillstand und werden reanimiert. Laut Bundesgesundheitsministerium überleben bislang rund zehn Prozent der Betroffenen, und nur wenige davon ohne Folgeschäden. Das Freiburger Unternehmen Resuscitec will diese Quote verbessern – mit Carl. Die Abkürzung steht für „Controlled Automated Reperfusion of the WhoLe Body“ und bezeichnet eine mobile Herz-Lungen-Maschine. Vereinfacht erklärt wird das komplexe Gerät über zwei Kanülen in die Leistenschlagader des Patienten oder der Patientin angeschlossen und stellt den Blutfluss im gesamten Körper wieder her.
Carl wurde von einem Freiburger Forscherteam um Georg Trummer, Professor für Herz- und Gefäßchirurgie an der Uniklinik Freiburg, und Christoph Benk, Professor für Medizintechnik, entwickelt. „Mit Carl beginnt die Behandlung nicht erst im Krankenhaus, sondern bereits während der Reanimation am Unfallort, im Rettungswagen oder im Helikopter“, erklärt Benk bei einem Besuch der Resuscitec-Räume im Biotechpark im Freiburger Industriegebiet Nord.
„Mit Carl beginnt die Behandlung nicht erst im Krankenhaus, sondern bereits während der Reanimation am Unfallort, im Rettungswagen oder im Helikopter.“ – Christoph Benk, Professor für Medizintechnik und CEO Resuscitec
Das aus mehreren Komponenten bestehende System misst und reguliert den Sauerstoffgehalt des Bluts, steuert weitere wichtige Parameter wie den Calciumspiegel und kann die Körpertemperatur auf etwa 33 Grad Celsius senken. „Durch diese therapeutische Kühlung wird der Stoffwechsel reduziert, der Sauerstoffverbrauch sinkt. So gewinnen wir wertvolle Zeit und die Wahrscheinlichkeit von Folgeschäden nimmt deutlich ab“, sagt Benk. Bei dieser außerklinischen Reanimation mit Carl liege die Überlebensrate bei rund 40 Prozent und damit um ein Vielfaches höher als mit den herkömmlichen Methoden wie Herzdruckmassage und automatisierten externen Defibrillatoren (AED). „Wir arbeiten zusammen mit der Uniklinik Freiburg und der Organisation Region der Lebensretter an der Rettungskette der Zukunft“, berichtet Benk. Dabei greifen mehrere Glieder ineinander: Über die Ersthelfer-App der Region der Lebensretter werden geschulte Helfende alarmiert, die mit der Reanimation mittels Herzdruckmassage und AED beginnen, bis der Rettungsdienst eintrifft. Dieser übernimmt – ausgestattet mit Carl – die weitere Behandlung bereits auf dem Weg in die Klinik, wo die Patientinnen und Patienten anschließend in der Notaufnahme versorgt werden.
In Freiburg wird Carl bereits sowohl in speziell ausgestatteten Reanimationsfahrzeugen als auch im Helikopter eingesetzt. „In Düsseldorf, Hamburg und Stockholm entstehen gerade ebenfalls regionale Rettungsnetzwerke“, berichtet Benk und ergänzt: „Unser System ist in zwölf europäischen Ländern im Einsatz, über 100 wurden ausgeliefert, mehr als 750 Patientinnen und Patienten behandelt.“




Vom Operationssaal zum Start-up
Die Idee zu Carl geht auf den Freiburger Herzchirurgen Friedhelm Beyersdorf zurück, den ehemaligen Ärztlichen Direktor der Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie an der Uniklinik Freiburg. In der Herzchirurgie ist es seit Jahrzehnten Standard, bei Herzoperationen das Organ vorübergehend stillzulegen. Währenddessen übernimmt eine Herz-Lungen-Maschine die Funktion und bringt das Herz anschließend wieder zum Schlagen. „Die Frage war: Wenn das am Herzen funktioniert, warum nicht auch für den ganzen Körper?“, erinnert sich Benk an den Ausgangspunkt der Überlegungen. Daraus entwickelte sich die Vision einer speziell für Notfallsituationen konzipierten, deutlich kleineren und mobilen Herz-Lungen-Maschine, die außerhalb der Klinik eingesetzt werden kann.

Als Kardiotechniker stand Christoph Benk bei Hunderten von Herzoperationen und Transplantationen im OP. Dabei fungierte er als entscheidende Schnittstelle zwischen Patienten und Herz-Lungen-Maschine. „Die Forschungsarbeiten begannen dann Mitte der 2000er-Jahre“, sagt der 51-Jährige, der mehr als 20 Jahre an der Uniklinik Freiburg tätig war.
Um die Ergebnisse der Grundlagenforschung in eine marktfähige Technologie zu überführen, wurde Resuscitec 2010 aus dem Universitätsklinikum Freiburg heraus gegründet. „Der Beginn erfolgte bewusst als klassisches Deep-Tech-Start-up mit langer Entwicklungszeit, hohem Kapitalbedarf und ohne schnellen Marktzugang“, sagt Jörg Alexander Ronde, Finanzchef von Resuscitec und gemeinsam mit Christoph Benk Teil der Doppelspitze der Geschäftsführung.
Zunächst finanzierte sich das Projekt über Fördermittel des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Voraussetzung dafür war die Einbindung zusätzlicher Industriepartner. Diese fanden sich mit den Medizintechnikunternehmen KLS Martin aus Tuttlingen sowie Xenios, damals Teil des Zukunftsfonds Heilbronn der Dieter-Schwarz-Gruppe. „Über Jahre hinweg flossen die Mittel nahezu ausschließlich in Forschung, Entwicklung, Tests und regulatorische Prozesse, ehe schließlich ein Produkt in den Markt kam“, berichtet Ronde. Die sei durchaus üblich für Start-ups im Medizinbereich. Im Jahr 2014 begannen die technische Produktentwicklung und der Aufbau der Produktion am Standort Freiburg. 2020 folgte die CE-Zulassung nach europäischer Medizinprodukteverordnung (MDR).
Von Freiburg aus in die USA
„Der Markteintritt kam zu einem Zeitpunkt, der schwieriger kaum hätte sein können. Mit der Zulassung begann die Covid-Pandemie“, erläutert Benk. Kliniken waren überlastet, Intensiv- und Notfallmediziner arbeiteten am Limit. Neue Technologien hatten es schwer, Einzug in den Klinikalltag zu halten. Resuscitec musste die Finanzierung über Investoren ungeplant verlängern, denn die Fixkosten liefen weiter, das war eine harte Phase für das junge Unternehmen, resümiert Ronde. Doch man konnte die Investoren an Bord halten und die Produktion in Freiburg weiter ausbauen. „Wir haben in einem kleinen Büro mit wenigen Mitarbeitenden angefangen, heute sind es rund 70“, sagt der 57-Jährige.
Inzwischen ist das Unternehmen gut im europäischen Markt etabliert und expandiert in den arabischen und afrikanischen Raum. Aktuell läuft die Zulassung für die USA – einen der wichtigsten Märkte für Medizintechnik. Einziger Engpass sei derzeit der Fachkräftemangel in der Produktion: „Wir brauchen qualifiziertes Personal, gerne auch Quereinsteiger“, wirbt Ronde.
Der Erfolg von Carl blieb auch international nicht unbeachtet: Resuscitec wurde als Start-up mit einem der renommiertesten internationalen Preise der biomedizinischen Forschung ausgezeichnet. Die Freiburger setzten sich dabei gegen mehr als 50 Unternehmen aus 15 Ländern durch. Parallel dazu treibt das Unternehmen seine internationale Zusammenarbeit voran. Gemeinsam mit dem Walter Reed National Military Medical Center in Bethesda im US-Bundesstaat Maryland entwickele man spezielle Anwendungen im militärischen Bereich, insbesondere zur Versorgung von Verletzen mit massivem Blutverlust. „Wir stehen zudem im Austausch mit der Bundeswehr sowie mit mehreren europäischen Militärkrankenhäusern. Kürzlich haben wir zwei Carl-Systeme an die Ukraine gespendet, die in Kiew eingesetzt wurden“, sagt Geschäftsführer Jörg Alexander Ronde.
Doch bei der Reanimationstechnologie soll es nicht bleiben. Resuscitec arbeitet derzeit an weiteren Anwendungen: Im Fokus stehen Verfahren zur Organperfusion – der kontrollierten Durchblutung von Organen – für die Transplantationsmedizin, die Krebstherapie sowie für den Transport und die Erhaltung von Organen und Extremitäten.