Wer Hafen hört, denkt an Schiffe und Meer, an Container, an Hamburg, Kiel und frische Brise. Aber auch der Süden hat Häfen. Über den Rhein bringen Containerschiffe wichtige Massenwaren bis ganz nach „oben“ in die Nordschweiz oder von dort runter nach Rotterdam. Der Kehler Binnenhafen ist Südbadens größter, 3600 Schiffe legen hier jährlich an. Ein wichtiger Versorger für die Region.
VON ANNA-LENA GRÖNER
Das Frachtschiff „Mark Hardi II“ liegt ruhig im Wasser, direkt gegenüber hat die „Wilhelmina IV“ angelegt. Wildgänse sitzen auf der Kaimauer, dahinter liegt das Firmengelände von Herrenknecht, auf dem riesige Tunnelbohr- Teile zur Verladung warten.
Es ist ein sonniger Julimorgen und beim Blick vom Balkon der Kehler Hafenverwaltung kommt tatsächlich ein wenig große-weite-Welt-Gefühl auf. LKWs mit deutschen, polnischen oder bulgarischen Kennzeichen schnaufen die Hafenstraße runter, um Ware aufzuladen. Akustische Rückfahrsignale und das Klacken der großen Krananlagen untermalen das geschäftige Konzert.
120 Jahre existiert der Binnenhafen Kehl, viele Unternehmen haben sich hier angesiedelt, die vom Rhein als Transportweg profitieren. Was es bedeutet, einen Hafen am Laufen zu halten, erklärt Hafendirektor Uwe Köhn. Der gelernte Jurist ist seit 2016 Geschäftsführer der Hafenverwaltung Kehl, ein landeseigenes Unternehmen mit 70 Mitarbeitern.
Ein Gelände, so groß wie 520 Fußballfelder
Seine Aufgabe: den Betrieb des Rheinhafens sichern, die Infrastruktur in Stand zu halten sowie die landeseigenen Grundstücke auf dem Hafengelände zu vermieten und verpachten. 80 Prozent des insgesamt 370 Hektar, knapp 520 Fußballfelder großen Geländes gehören dem Land, der Rest ist in Privatbesitz. Neben Miet- und Pachteinnahmen macht das Unternehmen Hafenverwaltung Umsatz durch Ufergeld, „eine Umschlagsgebühr, bei der jede Tonne, die bei uns über die Kaimauer geht, berechnet wird“, erklärt Köhn. Da die Verwaltung Herr der großen Hafenmaschinen ist, spielt auch der weitere Warenumschlag auf dem Gelände Geld in die Kassen. Rund 13,8 Millionen Euro Umsatz wurden 2018 erzielt (neuere Zahlen liegen nicht vor).
„Viele denken bei Hafen immer nur ans Wasser, dabei steckt so viel mehr hinter dem ganzen Betrieb“, sagt Uwe Köhn. Um einen besseren Eindruck vom „mehr dahinter“ zu bekommen, führt der Hafendirektor auf einen der vier gigantischen Portalkräne, mit denen sowohl Container als auch lose Ladungen be- und entladen werden.

Über schmale Gitterstufen geht es in 26 Meter Höhe. Oben angekommen, weht der Wind durch Haare und Klamotte, der Blick schweift über das gesamte Areal. Im Norden führen die drei Hafenbecken in den Rhein, im Süden sieht man die Stadt Kehl mit ihrer weißen Trambrücke, die über den Rhein nach Straßburg führt.
Von hier fällt auf: der Hafen ist mit einem guten Schienennetz erschlossen. 42 Kilometer insgesamt. Die Verwaltung besitzt eine eigene Lok, hauptsächlich zum Rangieren der Ware. „Das bedeutet, dass wir auch ein Eisenbahnverkehrsunternehmen sind und damit fallen wir unter dieselben Regularien“, sagt Uwe Köhn mit einem Seufzen im Höhenwind, das erkennen lässt: es ist kompliziert.
42 Kilometer langes eigenes Schienennetz
Doch die Schienen sind wichtig, über sie geht die meiste Ware aus dem Hafen hinaus, über den Rhein kommt der Großteil an (60,7 Prozent). Auch während der Niedrigwasserlage im Rhein vor zwei Jahren war das Schienennetz für den Hafen von Vorteil, „dadurch konnten wir die Verkehre gut umdisponieren.“
Ohnehin sei der Kehler Hafen ein Nachhaltigkeits-Hafen, so Köhn. Einmal, was den Verkehrsträgerwechsel auf ressourcenschonende Transportmöglichkeiten wie Bahn und Schiff angehe, zum anderen sind im südbadischen Rheinhafen zwei Recycling-Unternehmen angesiedelt. Viele andere arbeiteten mit Recyclingmaterialien oder stellten Produkte mit hohem Nachhaltigkeitsfaktor her.

Sicher, ein Hafen ohne Diesel funktioniere nicht, sagt der Hafendirektor. Dass die frisch gewählte Grüne Oberbürgermeisterin von Straßburg, Jeanne Barseghian, in ihrer Stadt den Klimanotstand ausgerufen hat und unter anderem ein Dieselfahrverbot aussprechen möchte, sei laut Köhn für den Nachbarhafen in Straßburg schier unmöglich.
Allein 170.000 Liter des Kraftstoffs benötige die Hafenverwaltung Kehl jährlich, um alles am Laufen zu halten. Zum Ausgleich hat man seit einiger Zeit auf GTL Diesel gewechselt, ein synthetischer Dieselkraftstoff aus Erdgas, mit weniger Emissionen. Trotz Diesel könnten Häfen bei den Themen Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung und Klimaschutz eine wichtige Rolle spielen, sagt Köhn. Immerhin kann ein Schiff 3000 Tonnen Ladung transportieren, das entspricht 150 LKWs. Um diese Masse an Waren lagern zu können und auf weiterführende Transportmittel umzuladen, brauchen Häfen vor allem mehr Fläche. Im Kampf gegen Wohnraum ziehen sie dabei meist den Kürzeren, zumal das Planungsrecht bei der Kommune liegt.
111 Unternehmen bieten hier 4513 Arbeitsplätze
„Die verdrängen uns“, sagt Uwe Köhn. „Da geht es nicht um die Frage, wer zuerst da war, sondern es geht um die Wertigkeit der Nutzung.“ Auch der Kehler Hafen ist Flächen-bezogen ausgewachsen. Bei der stärkeren Wohnbebauung am nahegelegenen Yachthafen sei man „aufmerksam“ und würde mit der Stadt in engem Kontakt stehen, um weiterhin friedlich koexistieren zu können.
Köhn steht ganz vorne am Geländer des blauen Riesenkrans (Kosten 4,5 Millionen Euro), deutet auf einzelne Unternehmen und erklärt aus der Vogelperspektive ihre Bedeutung für Hafen und Region. Die Badischen Stahlwerke belegen die größte Fläche, sind größter Arbeitgeber für den Hafen und wichtiger Lieferant für die hiesige Bauindustrie.
Fast nebenan steht das graue Gebäude der Koehler Paper Group. Für 300 Millionen Euro wurde der Standort im vergangenen Jahr erweitert, seither entstehen hier Lebensmittelverpackungen, die ohne Plastik auskommen. Die Zellulose für das grüne Verpackungsgeschäft kommt übers Wasser, im vergangenen Jahr gut 224.267 Tonnen.

Insgesamt bieten 111 Unternehmen hier 4513 Arbeitsplätze. Etwa 19 Prozent kommen aus dem benachbarten Elsass. Während des Corona-Lockdowns fehlten sie für einige Wochen in den Hafenunternehmen. Der Betrieb sei in dieser Zeit langsamer gelaufen, doch „momentan sind wir, gemessen am Umschlag und trotz Corona, auf Vorjahresniveau“, sagt Uwe Köhn. Zurück auf dem Hafenboden, wird das Gelände aus der Geschäftswagen-Perspektive begutachtet: Entlang der insgesamt 16 Kilometer langen Hafenstraße sind neben Industrie- und Logistikunternehmen unter anderem auch Kultureinrichtungen, Gastronomie, eine Kaffeerösterei und ein Tanklager ansässig.
Über die äußere Hafenmauer, die den Rhein von den Hafenbecken trennt, geht es an Köhns Lieblingsplatz, den „Molenkopf“: „Hier trifft alles aufeinander, was den bewirtschafteten Rhein ausmacht“, sagt Köhn und deutet auf den links fließenden Rhein, die von rechts kommende Kinzig und die drei Kehler Hafenbecken.
Anfang nächsten Jahres wechselt Uwe Köhn den Arbeitsplatz, nach fünf Jahren geht es für den gebürtigen Stuttgarter in gleicher Funktion an den Mannheimer Binnenhafen. Gleiche Arbeit mit neuen Aussichten.