Der SC Freiburg erfreut sich auf seiner Jahreshauptversammlung prächtiger Zahlen und gerät in eine konstruktive Mitbestimmungsdiskussion – eine Woche später trifft ein krachendes Gerichtsurteil mit Fehlern den Stadion-Neubau.
VON RUDI RASCHKE
Bei der Versammlung mit 840 der mehr als 22.000 Vereinsmitglieder im Freiburger Konzerthaus Mitte Oktober konnte noch keiner das kurze Gewitter ahnen, das sich über dem Stadion-Neubau in der Nähe des Freiburger Mooswalds zusammen braute: Vermutlich lauter als erlaubt schlug ein Urteil des Verwaltungsgerichtshofs Mannheim in Freiburg ein – ein Richter hatte erst entschieden, dass die Profis des Sport-Club Freiburg im Neubau ab 20 Uhr und sonntags von 13 bis 15 Uhr nicht spielen werden können. Lärmschutz.
Wenige Stunden später kam dann aus Kreisen von Regierungspräsidium und städtischem Rechtsamt die Information, dass dieser Gerichtsbeschluss auf veralteten Grenzwerten beruhe. Für mehrere Stunden hatten Sport-Club und Stadt Freiburg bundesweit wie Idioten dagestanden: Als die Pressemitteilung des Gerichts im Umlauf war, konnten zunächst die Kläger aus dem benachbarten Stadtteil Mooswald leise die Sektkorken zischen lassen.
Der 3. Senat in Mannheim hatte Beschwerdenvon Anwohnern am 2. Oktober teilweise stattgegeben, nachdem diese beim Verwaltungsgericht Freiburg zunächst erfolglos waren. Am 23. Oktober war der teilweise Eilrechtsschutz gegen die Baugenehmigung bekanntgegeben worden. Der Sport-Club Freiburg stand da wie ein Verein, der seine Hausaufgaben nicht gemacht hat und eine nicht mehr bundesligataugliche Spielstätte durch einen ebensolchen Neubau ersetzt.
Eine Rüge für Mannheim
Noch am Abend stellte sich dann bei den betroffenen Behörden in Freiburg heraus, dass die Richter schlicht mit einer überholten Fassung und veralteten Lärmgrenzwerten gearbeitet hatten. Jetzt war das Gericht blamiert. Das Regierungspräsidium teilte mit, eine „Anhörungsrüge“ in Mannheim einzulegen.
In der vom Verwaltungsgerichtshof versendeten Pressemitteilung hierzu fällt auf, dass eine „eingehende Prüfung“ angekündigt wird, ob tatsächlich mit nicht-aktuellen Werten gearbeitet wurde und ob dies überhaupt Auswirkungen auf die „teilweise Nutzungsuntersagung“ hätte.
Der SC steht also dank der skurrilen Wendung noch keineswegs auf der sicheren Seite in Sachen Neubau. Dem Gericht ist in seiner neuerlichen Mitteilung auch eine gewisse Übersäuerung anzumerken, dass das Regierungspräsidium auf dem „Wege der Presseerklärung“ unterwegs war, um den offenkundigen Fehler des Mannheimer Gerichts darzulegen.
Beim RP selbst dürfte man ebenfalls nicht sehr amüsiert darüber sein, dass die Richter mit der fehlenden Expertise dem Regierungspräsidium am Rande des Beschlusses auch noch eine Art Kungelei mit der Stadt attestierten, die an anderer Stelle des 44-seitigen Beschlusses verzeichnet ist.
Die Antragssteller aus dem einen halben Kilometer entfernten Mooswald (die Südtribüne am alten Standort grenzt 50 Meter an die nächsten Häuser der Schwarzwaldstraße) haben nach erfolglosen Einwänden zum Umweltschutz, zur Flugverkehrssicherheit und anderem nunmehr den Lärmschutz als Hebel gewählt, um das Stadion noch zu verhindern.
Es ist angesichts der Aufregung um die Fehler des Gerichts ein wenig übersehen worden, dass es hier längst nicht mehr um die jeweiligen Klageinhalte geht. Aus Kreisen der „Anwohner“ trat der inzwischen ins Dreisamtal gezogene Kristian Raue vor eine Kamera des SWR im Mooswald – im Hintergrund war der arg klein und entfernt wirkende Bau als vermeintliche Lärmquelle zu sehen.
Kein Frieden in Sicht
Allen Handreichungen des Vereins zum Trotz nutzt eine kleine Gruppe sämtliche Klagewege, nachdem sie einen demokratischen Bürgerentscheid verloren hatte. Ihr gutes Recht. Aber die Auswirkungen auf die Stadtentwicklung, auf einen nachhaltigen Arbeitgeber mit fast dreistelligem Millionenumsatz, auch auf das Lebensgefühl in der Region sind dieser Gruppierung egal.
Es dürfte sich in ihrem Auftreten um die destruktivste Initiative handeln, die bisher in der an Initiativen nicht armen Region vorstellig wurde. Die Denunziation des Leistungssports beim mittelständischen Unternehmen SC Freiburg als beinahe-satanisches Ritual an 20 Tagen im Jahr – sie dürfte noch einige Jahre andauern.
Sechs Tage vor der Nachricht aus Mannheim, auf der Mitgliederversammlung des Sport-Club Freiburg im Freiburger Konzerthaus, schien die Fußballwelt nicht nur wegen der jüngsten sportlichen Ergebnisse noch intakt: Der scheidende Präsident Fritz Keller, der in gleicher Funktion zum Deutschen Fußball-Bund gewechselt ist, wurde mit Ovationen überschüttet und musste die Mitglieder dabei bremsen („Ich geb nur de Schlüssel ab, nit de Löffel“).
Von den Gremien des Vereins, allen voran Aufsichtsratschef Heinrich Breit, wurde er auf aufrichtige Weise verabschiedet, Breit erinnerte an gemeinsame „21 Jahre Streitkultur für den Club“. Ein Nachfolger für Keller wurde an diesem Abend aufgrund dessen kurzfristiger Abgabe des Amts noch nicht gewählt.
Finanzlage
Die Frage, ob die Aufstellung eines oder mehrerer Kandidaten zur Präsidentenwahl nun eine außerordentliche Versammlung nach sich zieht oder aber erst in zwölf Monaten stattfindet (und damit eigentlich beinahe überflüssig wird) beantwortete an diesem Abend niemand. Finanzvorstand Oliver Leki gab stattdessen die Zahlen des bilanzierten Geschäftsjahres zu Protokoll und konnte einen Umsatz von 96,1 Millionen Euro (Vorjahr: 100,3 Mio. Euro) bei einem Überschuss von 6,9 Millionen Euro (Vorjahr: 11,1 Mio Euro) ausweisen.
Grund für die leichten Rückgänge sind angesichts gestiegener Medien- (45,2 Mio. Euro) und Sponsoringeinnahmen (14,3 Mio. Euro) vor allem die Rückgänge im Bereich „Sonstiges“ (25,7 Mio. Euro, im Vorjahr: 32,6 Mio. Euro). Hier spielen weniger die ebenfalls hier verzeichneten Fanartikel-Umsätze eine Rolle als die Transfererlöse.
Ökonom Leki hob allerdings auch die Vorzüge hervor, Spieler nicht „auf Gedeih und Verderb“ abgeben zu müssen. Leki zeigte im Vergleich der Umsatzzahlen und der aufgewendeten Gehälter, dass der Verein tatsächlich mit Liga-Konkurrenz aus Mainz und Augsburg mithalten kann und für den Anschluss an mittlere Größen wie Werder Bremen noch etwas brauchen wird.
Am Beispiel der opulenten Zahlen des VfB Stuttgart belegte er allerdings auch, dass selbst hohe Umsätze und Gehälter nicht automatisch die Liga sichern. Für den Stadion-Neubau im Freiburger Westen konnte Leki bekanntgeben, dass bereits 75 Prozent der VIP- und Sponsoring- Pakete verkauft seien. Die Nutzung des alten Standorts sei dagegen noch nicht geklärt, für den Verein gilt die Priorität dort der Frauen-Bundesliga.
Etwas verschwörerisch klang Vorstand Leki, als er den professionellen Frauenfußball in der Stadt als „nicht anerkannt genug“ einschätzte. Wenig kollaborativ klang es, wie er die Erwartungshaltung anderer Vereine wie der FT 1844 kritisierte, die ebenfalls die Mit-Nutzung des SC-Geländes erhofft.
Kritik der Mitglieder
Sein fürs Sportliche zuständiger Mit-Vorstand Jochen Saier fasste die guten Ergebnisse der abgeschlossenen Spielzeit zusammen und sprach von einem „Topwert“, als es um die am Standort ausgebildeten Profis ging. Insgesamt steht der Verein mit seiner Bilanz alles in allem sehr sorglos da, gerade im Vergleich mit anderen Schauplätzen der Ersten bis Dritten Liga.
Kritik von Mitgliederseite gab es zu Mitbestimmungsthemen im Club: Der Ehrenrat des Vereins, neben dem Präsidenten das einzige Organ, das die Mitglieder wählen dürfen, präsentiere sich wie der Aufsichtsrat als recht statisch und wenig repräsentativ, was den Anteil von Frauen, vor allem aber den Altersdurchschnitt angeht.
Wie zum Beleg wurde der Ehrenrat, der sich auch an diesem Abend eher als „Schorle-Gremium“, denn als ernstzunehmendes Vereinsorgan präsentierte, an diesem Abend dann auch von 12 auf neun Mitglieder verkleinert, als dürrer Grund wurde aus dem Aufsichtsrat genannt, dass die Neun „eine gute Zahl“ sei. Eine Wahl der Ehrenräte, die jüngsten sind 59 Jahre, findet ohnehin nur alle fünf Jahre statt.
Eine Auffrischung war nicht vorgesehen. Entsprechend nachvollziehbar wurde dann aus Kreisen der Initiative „Einzigartiger Verein“ der Wunsch laut, Mitglieder nicht nur einmal jährlich in großem Rahmen, sondern auch in kleineren Foren zu beteiligen. Angesichts der beachtlichen Diskussionskultur innerhalb des Clubs sollte dies kein allzu schweres Unterfangen sein. Für den SC einfacher, als die Arbeitsweise von Mannheimer Richtern einschätzen zu können.