Anders als ursprünglich geplant, bestreitet der SC Freiburg doch noch einige Spiele an der Schwarzwaldstraße. Wie es mit dem alten Standort weitergeht, sobald der Verein ins neue Stadion umgezogen ist, bleibt derweil unklar. Die Stadt lässt auf Antworten warten.
VON DANIEL RUDA
Eigentlich sollte es ja die Abschiedssaison aus dem Schwarzwaldstadion werden. 17 letzte Dates waren angesetzt, bei denen Mannschaft und Fans des SC Freiburg noch einmal gemeinsam möglichst schöne Stunden an der alten Spielstätte (v)erleben sollten.
Daraus ist so bekanntlich nix geworden. Denkwürdig wurde die Saison ja aus ganz anderen Gründen, die 17 Dates schrumpften auf nur zwölf zusammen. Wegen Corona musste der SC die letzten fünf Heimspiele vor leeren Tribünen austragen. Der emotionale Abschied vom alten Stadion fiel erstmal aus.
In der anstehenden Saison geht es im Schwarzwaldstadion aber zunächst mit einer begrenzten Anzahl an Zuschauern weiter. Rund 3200 Fans dürfen beim ersten Heimspiel gegen Wolfsburg ins Stadion. Wann der SC zum ersten Mal am Flugplatz kickt, wo sich die Bauarbeiten länger ziehen als geplant, das ist noch ungewiss.
Ähnlich unwissend ist man in Freiburg, wenn es um die langfristige Zukunft des Schwarzwaldstadions geht. Dabei braucht es hier ja keine Hoffnung auf einen Impfstoff, und so plötzlich wie Corona im Frühjahr eingeschlagen hat, hat es sich mit der Nachricht, dass der SC ein neues Stadion bekommt und es dementsprechend Pläne für die Nachnutzung des alten braucht, nicht verhalten. Im Jahr, in dem (eigentlich) das neue Stadion eröffnet werden sollte, liegt trotzdem noch immer kein Konzept vor, wie es mit dem alten weitergeht. Es gibt nicht einmal einen Vorschlag von der Stadt als Eigentümerin.
Dabei gibt es nicht nur den Sportclub als bisherigen alleinigen Mieter, der das Stadion beziehungsweise das Areal gerne (weiter) nutzen möchte. In der direkten Nachbarschaft an der Dreisam haben die beiden Vereine PTSV Jahn und die Freiburger Turnerschaft längst großes Interesse angemeldet, weil sie für ihr Breitensportangebot mehr Flächen brauchen.
Langes Warten auf die Stadt
Das Thema kam aber bislang aus den turnusgemäß wenigen Sitzungen des Sportreferats nicht heraus, obwohl ein erster Antrag, es im Gemeinderat auf die Tagesordnung zu setzen, schon Ende 2017 von den Fraktionen SPD, Freie Wähler und damals noch der FDP gestellt worden war. Mehr als zweieinhalb Jahre später ist daraus noch nichts geworden.
Stefan Schillinger, der für die SPD im Sportausschuss sitzt und den Antrag damals mit unterschrieb, sieht die Verantwortung dafür vor allem bei Finanz- und Sportbürgermeister Stefan Breiter. Der habe das Thema zu lange links liegen lassen, kritisiert der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende und zeigt ein Schreiben vom Oktober 2019, in dem „unsere Verzweiflung über das Nichtstun deutlich wird“. Darin findet sich ein zeitlicher Abriss der Bitten Breiters und der Verwaltung, das Thema immer wieder auf die jeweils nächste Sitzung zu verschieben. Als Reaktion darauf sind die Worte „unverständlich“ und „inakzeptabel“ am Ende des Briefs unterstrichen.
Aus dem Rathaus heißt es auf Nachfrage, dass das Sportdezernat derzeit die Bedarfe ermittle, sich einen Überblick verschaffe und bei den Planungen für ein Konzept auch das gesamte Umfeld vom Sandfangweg bis Ebnet im Blick habe. Es gelte jetzt, den neuen Flächennutzungsplan und die Ergebnisse des Sportentwicklungsplans abzuwarten, an dem gerade gearbeitet werde. Darin soll die gesamte sogenannte Sportachse Ost einbezogen worden, an der das Schwarzwaldstadion liegt. Die Sache sei also in der Mache. Nichts Genaueres sagt man nicht. Fünf Jahre nach dem Bürgerentscheid fürs neue Stadion ist über die Zukunft des alten Stadions nichts Öffentliches bekannt.
Der SC Freiburg will vor allem seine erfolgreiche Frauenabteilung hierher verlagern, die seit Jahren unter suboptimalen Bedingungen im Schönbergstadion im Freiburger Westen untergebracht ist.
Dazu soll die Regionalligareserve der Männer künftig hier ihre Heimspiele austragen und die sozialen Sportprojekte des Vereins sollen hier angesiedelt werden. „Für die über 25.000 überwiegend jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer jedes Jahr benötigen wir Räumlichkeiten und Freiflächen“, sagt der SC-Finanzvorsitzende Oliver Leki.

Auf der anderen Seite stehen eben die Bedürfnisse der Nachbarn direkt an der Dreisam. Bei der FT etwa, Südbadens größtem Sportverein mit rund 7000 Mitgliedern, ist die Belastung der eigenen Flächen enorm. Den Rasenplatz müssen sich rund 700 Aktive, darunter vor allem Kinder und Jugendliche, teilen. Und es werden immer mehr. Man sei längst an die eigenen Grenzen gestoßen, schildert FT-Geschäftsführer Peter Gerspach die Situation. Er habe schon das Szenario vor Augen, wegen des Platzmangels zukünftig neue Mitglieder abweisen zu müssen. „Wir brauchen wirklich mehr Fläche.“
Auch beim PTSV Jahn „reicht das Gelände schon seit Jahren nicht mehr aus“, sagt der 1. Vorsitzende Matthias Heitzmann. Die Fußballabteilung, die größte innerhalb des 2400-Mitglieder-Vereins, arbeitet in der Jugend schon mit Wartelisten, weil sich die Nachfrage und das Platzangebot nicht anders vereinbaren lassen.
Die Hoffnungen, dass das Thema nach der Sommerpause von städtischer Seite an Fahrt aufnimmt, herrscht derweil überall. Die Signale dafür seien da, es habe auch schon ein Gespräch samt Begehungstermin mit den Vereinen auf Einladung von Sportbürgermeister Breiter gegeben, aber das Warten dauert an.
Herbert Mayer, lange Jahre Leiter des Sportreferats und als solcher mit dem Thema befasst, ist gerade in Ruhestand gegangen. Im vergangenen Jahr empfing er netzwerk südbaden noch in seinem Büro und betonte, dass nicht der Eindruck entstehen dürfe, als sei die Entscheidung für den SC als alleiniger zukünftiger Nutzer schon gefallen. Er stellte zur Debatte, ob es nicht eine Lösung für verschiedene Partner geben könne Seine Nachfolgerin Ulrike Hegar will sich erst detailliert zum Thema äußern, wenn konkrete Vorschläge erarbeitet sind.
Dass der SC Freiburg seine Frauenabteilung umsiedeln kann, ist sehr wahrscheinlich. Es soll dazu erste lose Vereinbarungen geben. Der Verein gibt sich auch selbstbewusst. „Die einzige Fläche, die wir noch erweitert nutzen könnten, ist der Parkplatz hinter der Haupttribüne. Wir wollen hier einen Kunstrasenplatz bauen, den wir für einen vernünftigen Trainingsbetrieb auch benötigen. Gleichzeitig würden bei Blau-Weiß Wiehre an der Basler Straße Kapazitäten frei werden, weil wir diese nicht mehr nutzen. Diese Flächen wären durchaus passend für den Breitensport.“, sagt der SC-Vorsitzende Oliver Leki.
Die Entwicklung bei Frauen und Mädchen sei, dass den Verein seit Jahren regelmäßig die besten Spielerinnen verlassen. „Wir können nur deutlich machen, was wir brauchen, um Frauenfußball auf hohem Niveau sowohl in der Spitze als auch in der Breite zu betreiben. Wenn wir diesen Schritt jetzt nicht gehen können, dann wird es auf Sicht keinen Bundesliga-Frauenfußball bei uns mehr geben.“
Im Gemeinderat soll die Stimmung dahin tendieren, dass auch der Breitensport und damit die anderen Vereine vom Areal des Schwarzwaldstadions profitieren sollten. Es wäre auch schwierig zu vermitteln, den SC alle Schlüssel der alten Heimat behalten zu lassen, während an der Messe eine neue moderne Arena entsteht, und die anderen Vereine mit ihrem Breitensportbedarf außen vor zu lassen.
Nicht alle Bedürfnisse werden bedient
Dass alle Bedürfnisse erfüllt werden können, ist aber ausgeschlossen. Das sagt auch Gundolf Fleischer, Präsident des Badischen Sportbundes und Vorsitzender des Olympiastützpunkts. Schon nach dem Bürgerentscheid für das neue Stadion vor fünf Jahren hatte er erste Gespräche initiiert und ist seither in den Prozess involviert. Weil der Bedarf der FT und vom PTSV Jahn so groß seien, habe der Olympiastützpunkt seine eigenen Wünsche zurückgezogen, erzählt Fleischer, der in den Sechzigern für drei Jahre Präsident des SC Freiburg war und heute Ehrenmitglied des Vereins ist. „Die gemeldeten Bedarfe werden nicht alle gedeckt werden, aber ich hoffe, dass Lösungen gefunden werden, die Kindern und Jugendlichen an der Sportachse zu Gute kommen“, sagt der 77-Jährige.
Je nachdem, mit wem man spricht, sind die unterschiedlichsten Kombinationen zu hören, wie das Areal einmal aussehen kann. Sehr wahrscheinlich ist, dass die Ost- und Nordtribüne zu einem großen Teil rückgebaut werden, um Flächen zu schaffen. Im noch bis zum Sommer 2021 laufenden Mietvertrag soll auch verankert sein, dass der SC nach dem Auszug der Bundesligamannschaft für solch einen Rückbau verantwortlich wäre. Im Inneren der Südtribüne werden Räume frei, womöglich werden noch mehr gebaut und ein richtiges Gebäude daraus. Auch hier hätte die FT Interesse an einer Mitnutzung, an der Sportachse betreibt sie gerade einen Sportkindergarten und hat dafür Container im Einsatz. Thematisiert wird zudem, ob aufgrund der großen Bedarfe auch auf der anderen Seite der Dreisam weitere Wiesenflächen zu Sportplätzen umfunktioniert werden könnten, bislang gibt es dort nur einen von der Universität. Ökologische Gründe könnten aber dagegen sprechen.
Ende des Jahres lasse sich vielleicht mehr absehen, heißt es noch aus dem Rathaus. Im November soll das Thema im Sportausschuss wohl wirklich behandelt werden, im Dezember könnte im Gemeinderat vielleicht schon ein Beschluss gefasst werden. So sieht es zumindest der geplante Beratungslauf der Verwaltung vor.
Die Corona-Situation sowie der sich verzögernde Stadionneubau an der Messe hat der Thematik sowas wie eine Nachspielzeit ermöglicht. Vielleicht könnte das Thema darin doch noch zeitig einen Abschluss finden, damit die nötigen Umbauarbeiten für eine wie auch immer geartete Nachnutzung nach dem letzten Spiel der Mannschaft von Christian Streich zügig angegangen werden können.
Einen emotionalen Abschied von der alten Heimat, an der man so tief verwurzelt ist, wird der Sportclub in jedem Fall noch feiern, das hat der Trainer schon vor Monaten betont. „Mit Leut“, zumindest ein letztes Date steht also noch an.
Dieser Artikel erschien in der September 2020-Ausgabe unseres Printmagazins