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  • China 06/2019
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Titelthema: Vom Südwesten nach Fernost

  • 18. Juni 2019
netzwerk südbaden
Das von Zaha Hadid entworfene „Galaxy Soho“. Foto: Raj Eiamworakul/unsplash
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Den Weg nach China haben viele Unternehmen hier schon vor einigen Jahren angetreten – die Dynamik dort fasziniert auch in Südbaden weiterhin, sie erschreckt einen aber auch. Worum es in diesem Heft geht.

Von Rudi Raschke

Es gab früher ja mal die Rede vom sprichwörtlichen Sack Reis, der in China umfällt und uns nicht kümmern muss – zu weit weg, zu bedeutungslos, zu viele Säcke Reis überhaupt, das alles schwang da mit. Das hat sich sehr gewandelt: Es ist schwer, dem Thema „China und die deutsche Wirtschaft“ überhaupt aus dem Weg zu gehen. Auch nicht in Südbaden, wo in den vergangenen Monaten zu spüren war, wie das Thema uns beschäftigt.

China ist ein zentraler Gesprächsstoff, wenn sich Vertreter der örtlichen Wirtschaft treffen. Und China-Inhalte sind für Veranstaltungen ein Magnet, von dem sich derzeit viele angezogen fühlen. Eines dieser Podien hat uns Ende März auch zum Titel dieser Ausgabe gebracht: Christian Sommer, Chef des German Centre Shanghai, war als Gast des Walter-Eucken-Instituts in Freiburg. Sein Vortrag war eine dringende Empfehlung, eher ein Appell an Deutschland und Europa, sich vom Druck machenden China in Sachen Innovation und Weiterentwicklung ein paar Dinge abzuschauen.

Wort- und gestenreich stellte Sommer im brokatbehangenen, vollen Saal des Colombi-Hotels die Frage, ob dieses alte Europa überhaupt eine Strategie habe, wenn China in dieser Geschwindigkeit weiter macht. Er skizzierte die Abhängigkeit für Unternehmen wie VW, die fast 40 Prozent ihrer Autoverkäufe allein in der Volksrepublik tätigen. Und er zeichnete Szenarien, die künftig auch unsere Forschung und Entwicklung in China sehen könnten, nicht nur die Produktion.

Dazu ist zu sagen, dass es Sommers Job ist, beim German Centre derlei Ansiedlungen zu erleichtern und auch deutschen Mittelständlern die Tür zu öffnen, mit Unterstützung der Bayrischen und Baden-Württembergischen Landesbanken. Aber es gelingt ihm eben auch, die Widersprüche im deutsch-chinesischen Wirtschaftsverhältnis aufzuzeigen: Dass Deutsche zwar in China einen weit längeren 5er BMW produzieren lassen, dieser aber hierzulande nicht re-importierbar ist, nennt er einen „einseitig offenen Markt“.

Sommer wundert sich, warum Deutsche 2017 nur 3,4 Milliarden Euro in China investiert hatten, umgekehrt aber 12,1 Milliarden flossen. Und er nimmt ein wenig die wovor-auch-immer-Furcht, wenn von 732 deutschen Firmenübernahmen aus dem Ausland 2018 lediglich 40 Neu-Besitzer aus China kamen (USA: 129). Also noch „kein Grund fürs Nervös-Werden“, wie Christian Sommer sagt? Zwei Monate später ist es der Freiburger Wirtschaftsprofessor und -weise Lars Feld, den es beim Vortrag nach wenigen Minuten vom Standort Deutschland ebenfalls nach China verschlägt.

Was, wenn das Wachstum der chinesischen Wirtschaft nur noch im mittleren einstelligen Bereich landet, die Mittelschicht dort sich vom Autokauf abwendet? Und lohnt es sich für uns, eine Art Gegenprotektionismus gegen China aufzubauen? Die Antwort müsse sein, China mit Ansätzen in der Forschung zu begegnen, die Deutschen seien unter den Top5 beim Aufwand von Geld für Wissenschaft, aber leider weit abgeschlagen bei der Innovation, also dem Ummünzen von Wissen in Geld.

Die südbadischen Unternehmen, die in China tätig sind, stammen überwiegend aus forschungsnahen Hightech-Industriezweigen wie der Medizintechnik (beispielsweise Schölly) oder der Sensoren- und Messtechnik (Sick und Testo), teilt die wvib Schwarzwald AG mit. In diesem Unternehmensverbund für Baden und Nordschweiz arbeitet jedes siebte der 1000 Mitglieder mit einer Produktions- oder Vertriebsstätte in China. Nur ein Bruchteil der südbadischen Unternehmen, die dort beachtliche Erfahrungen sammeln dürfen, ist in dieser Ausgabe vertreten.

Ihnen allen, das sei an dieser Stelle auch gesagt, ist die Menschenrechtssituation in China keineswegs egal. Dies soll kein Heft sein, das die Umstände von Industrie, Handel und Dienstleistungen im Verhältnis mit China verklärt – es entsteht ziemlich genau 30 Jahre nach der brutalen Niederschlagung der Demokratie in Peking mit mehreren Tausend Toten. Es ist nicht absehbar, dass die deutsche Wirtschaft, darunter auch die vielen südbadischen Unternehmen, mit ihrer Präsenz einen Wandel durch Handel in China herbei führen, das zeigt die gegenwärtige Linie des Präsidenten Xi Jinping.

Die Digitalisierung hat eher dazu geführt, dass China einen Gegenentwurf zu allen westlichen IT-Innovationen aufbieten kann – es gibt ein chinesisches Amazon, ein Facebook, ein Google und Whatsapp, vieles davon fortgeschrittener entwickelt als bei uns. Und mit einer Überwachungskomponente. Auch das gehört zur unglaublichen Dynamik, mit der die hiesige Wirtschaft im Reich der Mitte konfrontiert ist.

Bei vielen unserer Gesprächspartner hat dies aber auch zu einer Sensiblisierung für demokratische Errungenschaften hierzulande geführt. Und damit die Hoffnung genährt auf eine Marktwirtschaft, die sich im Systemwettbewerb innovativ behaupten möge. Allein dafür lohnt der Blick nach China.

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