Arbeiten aus dem Home Office, Videokonferenzen statt Meetings, demnächst wohl auch eine App zur Eindämmung des Coronavirus: Ist die Pandemie ein Beschleuniger für die Digitalisierung? Ein Gespräch mit dem Freiburger Experten Stefan Stoll, der an der Dualen Hochschule in Villingen-Schwenningen zum Thema lehrt und Unternehmen in Sachen Digitalisierung berät.
Herr Stoll, wie sieht Ihr Arbeitsalltag derzeit aus?
Ich sitze im Home Office und halte meine Vorlesungen über den Video-Dienst Zoom. Derzeit nehmen circa 50 Studenten an den Online-Vorlesungen teil. Das funktioniert soweit ganz gut. Letztlich befinden wir uns als Hochschule wie die Gesellschaft insgesamt in einer Experimentierphase. Wir schauen, wo Digitalisierung funktioniert und wo vielleicht nicht. Grundsätzlich stehe ich für digitale Lösungen in allen Bereichen, aber ich freue mich auch wieder auf persönliche Treffen und Gespräche in der analogen, physischen Welt. In der Zeit nach Corona werden wir mehr darüber wissen, wie man das Beste aus beiden Welten kombinieren kann.
Denken Sie, dass diese Krise ein Beschleuniger für die Digitalisierung sein wird, oder ist sie das schon?
Es ist ja bisweilen zynisch, bei einer solchen Pandemie von Gewinnern zu sprechen. Aber für die Digitalisierung scheint die Krise so etwas wie ein Treibstoff zu sein. Grundsätzlich hängen wir Menschen gerne am Bestehenden. Wir machen die Dinge deshalb, weil wir sie immer schon so gemacht haben. Wie jede Krise fordert auch die aktuelle uns heraus und wirft Fragen auf. Können wir gewisse Dinge durch Digitalisierung für uns einfacher, anders oder besser machen? Wäre es besser, im Home-Office zu arbeiten? Können wir Geschäftsprozesse, Produkte oder Dienstleistungen aus der analogen in die digitale Welt überführen?
Ganz neu sind diese Fragen nicht.
Sie wurden aber sicherlich nicht mit so einer Dringlichkeit gestellt wie aktuell. In meiner praktischen Arbeit mit Unternehmen, habe ich immer wieder erlebt, dass die digitale Transformation nicht an technologischen Hürden scheitert, sondern oftmals am Verhalten der Menschen. Es gibt in den Unternehmen ein starkes dominantes Design.
Was verstehen Sie unter dominantem Design?
Die Digitalisierung stellt einen Angriff auf bestehende Strukturen, Prozesse und Denkweisen dar, die zusammen ein dominantes Design bilden. In jedem Unternehmen und jeder Branche hat man eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie das eigene Geschäftsmodell funktioniert. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich daher Prozesse, Strukturen, Denkweisen und Managementprinzipien entwickelt, die sehr erfolgreich waren und an denen bislang festgehalten wird.
Das dominante Design sollte aber regelmäßig hinterfragt werden?
Ja, und man muss da bei Null beginnen. Blicken wir ins Silicon Valley zu den digitalen Herausforderern, die interessiert das dominante Design nicht. Da werden ganze Branchen komplett neu gedacht. Elon Musk hat nie gefragt, wie ein V8-Benziner- Motor funktioniert. Airbnb hat keine Hotels gebaut, Uber besitzt kein einziges Taxi, Netflix fragte nie, wie öffentlich- rechtlicher Rundfunk funktioniert. Diese Unternehmen nutzen Vernetzung, Software, Sensorik und Daten, um ihr Geschäftsmodell zu betreiben.
Auch in Südbaden gilt: Die Unternehmen, die vor der Krise bereits in die Digitalisierung investiert haben, haben Glück im Unglück.
Auf jeden Fall. Wer bereits ein digitales Standbein hat, erreicht über diesen Kanal in Zeiten der Ausgeh- und Kontaktbeschränkungen logischerweise immer noch seine Kunden und Lieferanten und kann über diesen Weg mit ihnen Transaktionen abwickeln. Viele Unternehmen beschäftigen sich selbstverständlich schon länger mit dieser Thematik, auch Mittelständler bei uns in Südbaden. Auf der andren Seite wird es aber auch immer Branchen geben, die ein rein physisches Produkt beziehungsweise einen Service der analogen Welt anbieten, wie etwa Restaurants. Ihnen kann hier nur mittelbar geholfen werden, indem sie sich und ihre Dienstleistungen digital präsentieren.
In vielen Firmen hat es in den vergangenen Wochen einige technische Anstrengungen gebraucht, um auf Home Office umzustellen. Erleben Software-Häuser daher jetzt einen Boom?
Das könnte man meinen. Allerdings bedeutet die aktuelle Krise auch für die Softwarebranche, dass Kunden geplante Projekte in die Zukunft verschieben oder stornieren. Für Softwarehäuser eine nicht einfache Situation. Sie haben besonders in den für die Branche erfolgreichen letzten Jahren viel in die Erweiterung ihrer Kapazitäten investiert und sind daher jetzt auf diese Aufträge angewiesen.
Die Digitalisierung ist auch im Kampf um die Eindämmung des Coronavirus ein wichtiges Thema, wie nehmen Sie diesen Bereich wahr?
Mich hat es sehr gewundert, dass wir lange Zeit wenig bis nichts darüber hörten, wie man die Digitalisierung intelligent im Kampf gegen Corona einsetzten kann. Langsam scheint es voranzugehen, eine App mit dezentraler Datenhaltung auf dem eigenen Smartphone ist in der Entwicklung. Damit wird dem Virus quasi ein digitaler Zwilling gegeben. Hierdurch wird er für uns sichtbarer. Wenn wir anonymisierte Daten sammeln und aus entdeckten Infektions-Clustern ableiten, welche Menschen wir innerhalb eines Clusters schützen müssen, wäre das eine große Hilfe. Letztlich können wir mit Hilfe der Digitalisierung von einem Social Distancing in Richtung eines Smart Distancing kommen.
Abgesehen von Apps, wo sehen Sie weitere Potenziale für eine direkte Hilfe durch die Digitalisierung?
Ich würde mir wünschen, dass in den Kliniken und Praxen 3D-Drucker stehen würden, die dringend benötige Schutzkleidung und Masken produzieren. Wir müssen diese Möglichkeiten einfach besser nutzen.
Welcher Weg sollte in Zukunft eingeschlagen werden?
Entscheidend ist, wir brauchen Vielfalt. Ich setze da auf Dezentralität und die Kreativität von kleinen Startups, wie auch von großen Firmen. In unsicheren Zeiten können wir uns die Zukunft nur durch Experimente erschließen. Durch Versuch und Irrtum und entsprechende Lernprozesse werden wir herausfinden, was in der digitalen Welt funktioniert und was nicht. Die Corona-Krise zwingt uns auf gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Ebene förmlich zu solchen Experimenten. Darin sehe ich eine mögliche Chance für die Zukunft.
Interview: Daniel Ruda
Stefan Stoll, 55, ist Professor und Studiengangsleiter für Wirtschaftsinformatik, Business Engineering, Digital Management, Technologie und Innovationsmanagement an der Dualen Hochschule Baden Württemberg (DHBW) in Villingen-Schwenningen. „Betriebswirtschaftlich, technologisch und vom Mindset her“ begleiten er und sein Team seit 20 Jahren mit dem „Institut für digitale Technologie und Innovation“ mittelständische Unternehmen auf ihrem Weg in die digitale Welt.