Die in Freiburg erscheinende „Badische Zeitung“ feiert dieses Jahr ihr 75-Jähriges. BZ-Chefredakteur Thomas Fricker über die Zukunft des Mediums, sauberes Handwerk, Beilagen von Rechtsextremen – und was „Kolumbus“ bei der BZ sucht.
INTERVIEW: RUDI RASCHKE
Wie fühlt sich Zeitungmachen aktuell gerade an, was Ihre Motivation in Pandemiezeiten angeht?
Zeitungmachen ist wichtiger denn je. Nicht nur in Pandemiezeiten, aber hier besonders. Das Thema Corona erfordert, dass wir noch besser verstehen, worüber wir berichten. Zugleich gilt es, die Arbeit von 150 Redakteuren zu organisieren. Es ist für uns schwierig, dass wir alle auch als Privatleute unter der Situation leiden, während das Unternehmen zugleich wie andere Betriebe auch mit der wirtschaftlichen Situation kämpft. Zugleich ist es von der Taktzahl so fordernd wie nie.
Was ist aktuell die größte Herausforderung für einen BZChefredakteur – das Blattmachen mit fehlenden Lokalterminen oder Kulturinhalten? Das ständige Justieren von analog und digital, von regionalen und internationalen Themen, die Vertriebsprobleme oder die große Verlagspolitik?
Die größte Herausforderung ist diese Kombination, das ist richtig. Aber wenn die Chefredaktion sich jeden Tag diese Liste vornehmen würde, könnte sie nach Hause gehen. Natürlich steckt die Branche in einem Transformationsprozess, die Leser müssen an Orten erreicht werden, wo sie früher nicht anzutreffen waren. Aber an vielen Konzepten hatten wir schon zuvor gearbeitet und waren nicht unvorbereitet, als vor einem Jahr die Pandemie losbrach. Corona hat dies beschleunigt. Wir haben regionale Newsblogs eingerichtet und die Lokalredaktionen arbeiten heute viel digitaler.
Gibt es eine Re-Regionalisierung durch Corona?
Die Krise ist einerseits global und trifft andererseits jeden Ort. Das prägt unsere Arbeit, es war aber auch schon in der Flüchtlingskrise so, dass mit der Geopolitik zum Beispiel in Ortsteilen von Bad Krozingen gerungen wurde. Dass Themen heute meistens global UND lokal sind, macht die Arbeit nicht einfacher, aber es macht sie wichtiger.
Warum beschreibt die BZ manchmal selbst so wenig diesen Reiz des Regionalen, die Unmittelbarkeit, Lesernähe und Schnelligkeit?
Ich glaube nicht, dass wir das unterverkaufen, vielleicht nehmen wir es aber als Selbstverständlichkeit wahr. Was das Jubiläum angeht, haben wir sehr viele Ideen, wir wollen nach außen gehen und uns Diskussionen stellen. Die große Frage wird sein, was man aktuell realisieren kann. Generell merken die Leute hier aber, dass wir vielleicht die wichtigste relevante Stimme in Südbaden oder Baden sind. Wir haben alles in allem print und digital mehr zahlende Nutzer als vor einem Jahr.
Die Publizistin Carolin Emcke beklagt die Pro-und-Contraisierung der Wirklichkeit und fordert, das man in einer Welt voll erfundener Fakten nicht sinnvolle gegen unsinnige Aussagen aufeinandertreffen lassen kann. Wie schätzt die Regionalzeitung solche Debatten für sich ein?
Das ist eine wichtige Frage. Es ist nicht pauschal festzulegen, sondern einzeln abzuwägen: Ist etwas noch diskutabel oder nicht mehr? Wir haben diese Diskussion oft. Wir wollen nicht überall pro und contra anbieten, aber dazu beitragen, dass das Gemeinwesen munter diskutiert.
Manchmal hat man das Gefühl, dass die BZ durchaus ein wenig mehr mitgestalten könnte, was das Gemeinwesen angeht. Sie ist ein örtlicher Player. Als Leser wünscht man sich manchmal, dass sie etwas mehr Position zur kommunalen Entwicklung bezieht.
Auch das ist schwierig. Manchmal bin ich so bescheiden zu sagen, dass wir unser Handwerk gut machen sollen und Themen gut aufbereiten. Unsere Aufgabe ist zuallererst, dafür zu sorgen, dass ein Gemeinwesen informiert diskutieren kann. Ich sehe Medien weniger in einer aktiven Rolle bei der Stadtgestaltung. Wir wollen unterschiedliche Möglichkeiten aufzeigen und auch pointiert Stellung beziehen. Erst dann kommt das, was Sie vielleicht vermissen, dass wir Themen selbst setzen und Agenden bestimmen. Manchmal sind wir darin besser, manchmal schlechter. Wir tun unser Möglichstes.

Wie kommt die BZ aus dem Ärger um eine Beilage der AfD-Gemeinderatsfraktion im Dezember heraus? Mit einer Vielzahl von Abo-Kündigungen? Mit Erkenntnisgewinn, wie so etwas künftig zu kommunizieren ist?
Natürlich haben wir hier Fehler gemacht, aus denen wir gelernt haben. Am Schluss stand die Redaktion am Pranger für eine Beilage, die wir nicht zu verantworten hatten. Es ist aber so, dass wir das zum Anlass genommen haben, im ganzen Haus wirklich heftig zu diskutieren, woran es lag und was schieflief. Wir müssen genauer hingucken, wo der Bogen überspannt ist. Wo müssen Polemik und Hetze politischer Akteure dann zur Ablehnung von Beilagen oder Anzeigen durch uns führen?
Was haben Sie geändert?
Wir haben unsere Richtlinien überarbeitet. Wir hatten speziell, das haben Verleger Wolfgang Poppen und ich ja auch erklärt, die Figur Mandic in dieser Situation einfach zu harmlos eingeschätzt und dann gesehen, dass es einer ist, der sich selbst außerhalb des demokratischen Spektrums stellt. Wir haben inzwischen im Impressum einen Zusatz, wir werden außerdem bei politischen Anzeigen einen Hinweis machen, der darauf hinweist, dass wir uns die Ablehnung von Veröffentlichungen vorbehalten.
Das ist inzwischen auch mehrfach passiert. Sollte die Gesamt-AfD vom Verfassungsschutz als Verdachtsfall eingestuft werden, wird es gar keine AfD-Anzeigen mehr bei uns geben. Was die Kündigungen angeht: Jede einzelne ist nicht schön, es waren aber nicht so viele. Wir haben gelernt, wir haben Konsequenzen gezogen, wir sind da mit uns im Reinen.
Zeitungen stellen ständig Transparenzforderungen an Wirtschaft und Politik. Als Betriebe lösen sie diese selbst nur bedingt ein. Von Ressortveränderungen beim „Spiegel“ erfährt man ausschließlich auf den Medienseiten der „Süddeutschen“ und umgekehrt. Von ihren internen Diskussionsprozessen erfährt man in Zeitungen nur bedingt, auch in der BZ.
Mit der Transparenz ist es ein bisschen so wie bei der Frage, ob ich zu allem ein pro-und-contra machen muss. Klar ist, dass wir unsere Arbeit viel intensiver erklären wollen, als wir das früher gemacht haben, das ist ein Muss. Wir sind mit BZhautnah schon vor Jahren über Land gefahren und haben Leser dazu eingeladen.
Trotzdem muss ich schauen, wie ich meine Hauptarbeit erledigt kriege, und da lässt sich eben nicht immer alles erklären, was ich gerade mache und wie ich recherchiere. Wir wollen Transparenz in diesem Jahr verstärkt in den Vordergrund stellen, aber wir werden sehen, was wir im Pandemie- und Wahljahr davon umsetzen können.
Was fehlt Ihnen als Chefredakteur am meisten an der eigenen Zeitung, wo wären Sie gern besser oder schon weiter?
Ich glaube, als Chefredakteur ist man nie ganz zufrieden. Unsere Arbeit könnte immer noch besser, noch handwerklich sauberer sein: Die Arbeit an den Texten, das Rückfragen, das Besprechen eines Themas bezüglich der Richtung der Recherche und der wichtigen Fragen, die die Leute interessieren. Oft genug schränken Alltagszwänge unsere Möglichkeiten ein. Aber es bringt nichts, sich davon erdrücken zu lassen.
Wie sieht diese Arbeit mittelfristig aus, auch bezüglich weiterer Entwicklungen und Produkte? Wo hält die BZ noch ein wenig Kreativlabor-Charakter bereit im Rahmen ihrer Möglichkeiten?
Unser Labor verstehen wir so, dass wir unsere Relevanz nicht nur halten, sondern erhöhen wollen. Ohne bevormundend zu sein. Dass wir bei wichtigen Themen in der Region die sind, die nachrichtlich-journalistisch den Ton angeben. Daran gibt es ja keine Zweifel. Es muss immer wieder neu intensiv erarbeitet werden. Wir müssen es schaffen, Leute für unsere Inhalte zu interessieren, die sich heute noch woanders aufhalten als in der klassischen Zeitung.
Wir müssen an Präsentationsformen arbeiten, wissen, was digital funktioniert, wo die Unterschiede zu Print liegen. Ermutigend ist, dass wir auch digital mit den Texten am erfolgreichsten sind, die wir journalistisch überzeugend finden, wo Aufwand und Recherche dahinter liegen. Das ist das große Gesamtkunstwerk, das über allem steht. Eine einzelne super gemachte schöne Geschichte, ein schönes Magazin, was prima ist oder eine Weiterentwicklung des Layouts sind wichtig, aber stehen nicht im Zentrum.
Wie sehr erkennt die Zeitung Themen vor der Haustür? Es fällt auf, dass die Seite 3 – vielleicht auch Corona-bedingt – sich verstärkt regionalisiert. Wie groß ist Ihr Wunsch, dass hier dauerhaft ein Schaufenster der gesamten Region angeboten wird?
Wir geben hier seit geraumer Zeit mehr Gas. Das ist sicher der Trend, der uns als Alleinstellungsmerkmal auch auszeichnet. Wir versuchen das zu verstärken. Je schlanker ich die eigentliche Zeitung produziere, umso eher habe ich jemand, der den Aufwand leisten kann, mehrmals an den Feldberg hochzufahren oder sich Sprungschanzen im Schwarzwald anzuschauen. Und wir müssen sicher sein, dass durch eine Vorne-Platzierung von lokalen Themen der Lokalteil selbst nicht zum „Gemeinderatsausschuss- Berichterstattungsfriedhof“ wird. Auch hier nimmt der Absprachebedarf zu.
Auf dem Land trifft die BZ auf gewandelte Milieus. Dem Mitglied von Kirchenchor und Zunft stehen die Bio- Familien gegenüber, die aus der Stadt herziehen. Wird auch an sie als Leser gedacht?
Ja. Vor allem aber ist es auf dem Land so, dass das Zunftmitglied nicht nur den Text von der Hauptversammlung im Sportverein haben will. Sondern in nicht-Corona-Zeiten mindestens einmal im Jahr nach China oder Sri Lanka reist und aus diesen Ländern Berichterstattung will, die seinem Kenntnisstand entspricht. Auch hier sind Weltpolitik und Dorf zusammengewachsen.
Jungen Menschen sind Angebote zu machen, auch wenn sie die Zeitung nicht nutzen, Älteren wird man nicht zu viel vorsetzen können, was sie nicht mehr verstehen. Wie sehr deckt die Tageszeitung noch unterschiedliche Altersgruppen ab?
Es ist auf jeden Fall ein Spagat und Thema intensiver Diskussion. Zeitung ist ein Medium für ältere Leser, man darf sich auch im Digitalen nichts vormachen, auch hier sind viele Nutzer über 40 oder 50 Jahre. Natürlich kann es aber nicht das Ziel sein, nur eine älter werdende Leserschaft zu bedienen. Ich würde mich aber verheben, wenn ich eine Zeitung vorwiegend machen würde für die 20- bis 25-jährigen hippen Leute in der Stadt.
Die würden mich im Zweifel vielleicht ein wenig toller finden, aber die Badische Zeitung trotzdem nicht lesen. Unsere Linie ist es, zumindest erreichbare Gruppen anzusprechen. Das heißt nicht, jemanden auszuschließen, aber wir wollen auch nicht nach den Sternen greifen.
Trotz aller Erfolge zur Zeit: Wo liegt allgemein die Zukunft des Mediums? Überlebt die Zeitung als teures Liebhaberprodukt, wie die Vinylschallplatte? Gibt es print nur noch zum Wochenende und unter der Woche nur digital?
Ich glaube, dass es noch sehr lange eine tägliche Zeitung gibt, auch eine gedruckte, viel länger als es sich die ganzen Digitalexperten vielleicht vorstellen. Gerade wegen der erfolgreichen Digitalisierung bin ich viel optimistischer als vor fünf Jahren. Wir haben im Jahresvergleich eine gut steigende Zahl von Menschen, die unsere Produkte gegen Zahlungen beziehen. Knapp ein Drittel der Leser nutzt schon Digital-Angebote. Was wir auch anbieten werden, sind Spielarten aus Digital-Abo und gedruckter Wochenendzeitung.
Die BZ-Anzeigenzeitung „Der Sonntag“ wurde im Jahr nach ihrer 20-Jahr-Feier nahezu aufgegeben. Gibt es noch mehr solcher Produkte, wo Sie fragen, ob es Zukunft hat oder wegkann? Das online-Medium „fudder“ feierte eben 15-Jähriges, tut sich aber offenkundig schwer mit Inhalten zwischen BZ-Blaulicht-Meldungen, Valentinstag-Promotion und Späti-Jugendkultur.
„Der Sonntag“ hätte es heute extrem schwer. Durch die Integration in die BZ kann er gut weiterleben. Die jüngste Entwicklung hat kostenlose Anzeigenprodukte massiv in die roten Zahlen gebracht. Jetzt sind die Sonntags-Kollegen glücklich als neue BZ-Redakteure und wir sind froh, dass wir sie haben. Wenn das eine Baustelle war, ist sie perfekt fertig gebaut. Und „fudder“ ist weiterhin Talentschuppen und Spielwiese, aber natürlich kämpfen sie auch, weil seit einem Jahr keine Veranstaltungen stattfinden.
Bei der BZ gibt es ein Entwicklungsprojekt namens „Kolumbus“, über das man draußen wenig erfährt. Wird es hier eine Beteiligung der Leser geben? Oder wird eines Tages einfach ein Vorhang runtergerissen und etwas ganz Neues enthüllt?
Für uns ist es ein großes Redaktionsprojekt, das schon lange läuft. Wir haben anhand veränderter Lesergewohnheiten die Lokalausgaben umgestellt, wir haben nach einzelnen Regionen Schreiber und Produzenten getrennt, um Freiraum für Beiträge zu schaffen. Auch Verlagsleute sind beteiligt. Vieles betrifft interne Organisationsstrukturen, die für Leserinnen und Leser nicht relevant sind. Die neue Ausgabenstruktur haben wir den Lesern erklärt, und das ist auch intensiv diskutiert worden. Es wird aber keine neue Badische Zeitung herauskommen.