Im Januar vor vier Jahren reisen drei junge Männer vom Bodensee nach Nigeria, um eine nachhaltige Cashew-Produktion aufzubauen. Knapp fünf Jahre später vertreibt ihr Unternehmen fairfood von Freiburg aus jährlich über 40 Tonnen Nüsse, Kerne und Trockenfrüchte.
VON LISA SORAVIA
Seit Oktober stehen ihre Produkte deutschlandweit bei Alnatura. Wachsen wollen sie dennoch bewusst langsam. Und denken dabei durchaus – wirtschaftlich. „Das ging schon fast zu easy.” Wenn Geschäftsführer Amos Bucher über den Deal mit Alnatura spricht, klingt der 31-jährige noch immer überrascht.
Anfang des Jahres bittet der Bio-Supermarkt in einer knappen Mail um Produktproben. Kurz darauf folgt die persönliche Einladung. „Die haben dann einfach gesagt: Gut, wir wollen euch listen! Ihr habt uns komplett überzeugt. Geschmacklich und mit der ganzen Story dahinter.“
Die „Story” beginnt 2014. Amos Bucher ist als Ingenieur am Bodensee tätig und lernt bei der Arbeit Okey Ugwu kennen, der zehn Jahre zuvor aus Nigeria nach Deutschland geflohen war. Neben der Arbeit gibt es schnell nur noch ein Thema: Cashew-Kerne.
Verrückt nach Cashew-Kernen
Buchers Bruder ist damals “verrückt nach Cashews” und Okey Ugwus Heimatregion reich an Cashew-Bäumen. Aus Ugwus Erzählungen erfährt der Kollege: Für Arbeitsplätze oder gar Wohlstand in Nigeria sorgen die Cashew-Vorkommen nicht.
Afrika ist der größte Cashew-Produzent der Welt, aber nur ein kleiner Teil wird vor Ort verarbeitet. 95 Prozent der rohen Kerne gehen dafür nach Fernost. Dort ist das Know-how hoch, die Technik gut und die aufwändige Verarbeitung entsprechend günstig. Auf der Strecke bleiben, wie so oft, die Herkunftsländer.
„Wir hatten sofort den Impuls: Das muss auch anders gehen!“ Gemeinsam mit Cousin Julian Bletscher entsteht die Geschäftsidee: vor Ort eine sozial nachhaltige Produktion aufbauen, die Ware zu einem fairen Preis abnehmen und durch Direktvertrieb wettbewerbsfähig bleiben.
Sie gründen die Cashew4U UG (heute: fairfood Freiburg) und kurz darauf sitzen der studierte Elektrotechniker Ugwu, Lehramtsstudent Bletscher und Amos Bucher im Flieger nach Nigeria. Im Gepäck: jede Menge Idealismus, kleine Privatkredite und gesammeltes Geld von Familie und Freunden.
Buchstäblich aus dem Nichts bauen sie in Aku, auf dem alten Hof von Okey Ugwus Eltern, eine Cashew- Produktion auf. Zurück in Deutschland sind die ersten 200 Kilo innerhalb weniger Tage ausverkauft.
Ein soziales Projekt wird zum Unternehmen
Heute bietet die Cashew4U International 30 einheimischen Frauen einen sicheren, Arbeitsplatz. Das nigerianische Unternehmen ist komplett eigenständig aufgestellt. Die Produktion könnte jederzeit auch an andere Kunden verkaufen.
Aktuell ist das kein Thema. fairfood Freiburg nimmt die gesamte Ware ab, zahlt ungewöhnlich gut und finanziert jede Produktion vor. Dabei stand das Projekt durchaus schon auf der Kippe. Zum Beispiel als sich 2016 der Benzinpreis in Nigeria und damit auch der Preis der rohen Cashews innerhalb von zwei Wochen verdreifacht und schließlich der Hafen monatelang bestreikt wird.
„Da haben wir uns schon gefragt: was machen wir hier eigentlich? Aber dann haben wir uns freigestrampelt.” Entscheidend dafür: die Sortimentserweiterung. 2016/2017 lässt sich fairfood Bio und Fairtrade zertifizieren, in einem kraftraubenden Prozess auch durch den Dachverband der Weltläden.

Das eröffnet ihnen Zugang zu Kooperativen in der ganzen Welt und in den Biofachhandel. Heute bezieht fairfood weitere Cashews und getrocknete Mangos aus Burkina Faso, Mandeln aus Palästina, Paranüsse aus Bolivien, Datteln aus Tunesien und Erdnüsse aus Usbekistan.
Jeweils aus ökologisch und sozial nachhaltigen Kooperativen, die ihren Standards entsprechen. Amos Bucher erklärt: „Für uns ist Voraussetzung, dass im Anbauland verarbeitet wird. Und ganz wichtig, dass wir jederzeit vor Ort sein dürfen. Wir wollen eher Kooperativen mit kleineren Strukturen, wo alle Wege genau nachvollziehbar sind.”
Die Zusammenarbeit läuft gut, die jungen Deutschen genießen dank ihres Projekts in Nigeria einen großen Vertrauensvorschuss.
Erst zu Ende denken, dann wachsen
Neben neuen Produkten kurbeln vor allem die eigenen Nussröstungen mit Gewürzen und Kräutern den Umsatz an. Geröstet wird seit 2018 in der Günterstalstraße in Freiburg: Dort teilt sich fairfood Profiküche und Lagerräume mit der Feinkost Manufaktur Hakuna Matata.
Das Team zählt mittlerweile rund 20 Mitarbeiter. Und statt in der WG arbeitet man seit diesem Jahr im großen Büro in der Wiehre. Lager und Produktionsräume sind schon fast wieder zu klein. Genau die richtige Zeit zu expandieren?
Eben das macht fairfood nicht: „Wir haben aktuell die Zahlen, die wir brauchen, stehen recht stabil. Jetzt wollen wir erst ein paar wichtige Themen zu Ende denken.” Eins davon ist das Thema Verpackung. Seit Oktober sind die Nussmuse auf dem Markt, im Pfandglas.
Das kommt gut an. Warum also nicht alle Produkte auf ein Mehrwegsystem umstellen? Die Motivation war von Anfang an da. Schon mit den ersten Cashews spricht fairfood gezielt Unverpackt-Läden an. Davon gibt es 2015 in Deutschland gerade mal eine Handvoll, mittlerweile sind es über 200.
fairfood Freiburg beliefert sie fast alle. „Die Zero-Waste-Szene ist unglaublich schnell gewachsen. Das haben wir so nicht kommen sehen”, erzählt Vertriebsleiter Mark Schwippert, „Bio, fair, vegan, das war klar. Aber dass die Welle Plastikvermeidung so groß wird? Das ist ein Wahnsinns-Effekt. Für die Umwelt und für uns.“
Gemeinsam mit einigen Unverpacktläden haben die Wahlfreiburger ein Pfandsystem entwickelt. Die Ware wird lose in Eimern geliefert, die fairfood zurücknimmt und wiederver wendet. Jetzt soll das gesamte Sortiment auf Mehrweg umgestellt werden. Geplant sind Pfandgläser. Die machen nur Sinn, wenn sie unkompliziert zurückgegeben werden können.
Deshalb schließt sich fairfood an das bestehende Milch-Mehrwegsystem an, Joghurtgläser. Vorsichtshalber ist man im Gespräch mit Alnatura, damit alle Filialen die Rücknahme garantieren. Für fairfood bedeutet die Umstellung auch: ein neues Design, mehr Lagerkapazitäten und voraussichtlich Mehraufwand für Versand und Lieferung.
Ein Aufwand der sich lohnt? „Die Verpackungsumstellung rechnet sich im ersten Moment nicht. Aber natürlich denken wir nicht nur idealistisch, sondern auch wirtschaftlich, weil das Thema zero waste immer stärker kommt.
Mit dem Mehrwegsystem generieren wir auch Wachstumschancen.” Klingt alles gut. Nachhaltig und verantwortungsvoll. Stellt sich die kritische Grundsatzfrage, wie nachhaltig es eigentlich ist, exotische Produkte aus aller Welt zu verschiffen? Amos Bucher sieht das Dilemma, aber die Rechnung geht für ihn anders: Der Markt und die Nachfrage für die Produkte seien ohnehin längst da.
fairfood sorge dafür, dass mehr Menschen zur bio-fairen Alternative greifen, statt zur konventionellen. Und es gehe eben nicht nur um die ökologische, sondern auch um die soziale Nachhaltigkeit. „Es ist in jedem Fall sinnvoll, Armut und Fluchtursachen zu bekämpfen, indem man vor Ort Arbeitsplätze mit guten Bedingungen schafft.” Nachhaltigkeit ist für ihn nicht eindimensional.
Positiver Domino-Effekt
Das junge Freiburger Team will nicht nur Gewinn machen, sondern einen Unterschied – den Markt positiv verändern. Ohne den Anspruch, immer sofort perfekt zu sein. „Manches kann man sich schon leisten, anderes muss noch warten”, sagt Geschäftsführer Bucher. „Als wir losgelegt haben, stand das Soziale im Mittelpunkt.
Dann wurde klar, wir wollen auch Bio sein, dann verpackungsfrei, unsere IT klimaneutral aufsetzen und immer so weiter.” Ein positiver Domino-Effekt, der ständig neue Herausforderungen und Ziele schafft. Für die sorgt fairfood Freiburg von ganz allein.
Denn neben Nüssen und Kernen werden vor allem Ideen produziert, eine davon im Bereich Unverpackt. Mit einem Starter-Kit aus Ladenausstattung, Produkten, Marketingmaßnahmen und vor allem Know-How wollen sie Läden den Einstieg in ein verpackungsfreies Angebot erleichtern.
„Wir verhandeln keine Preise, wir zahlen, was es eben kostet. Weil wir mit dem Projekt keinen Profit machen wollen und zum Glück auch nicht müssen.” Amos Bucher, Gründer fairfood
Allen voran: den Weltläden. Die waren mal die erste Adresse für fair gehandelte Produkte, kämpfen aber seit einigen Jahren mit einem angestaubten Image, alternden Kundenstrukturen und Umsatzeinbußen. Statt zu erzwungener Jugendlichkeit und Digitalisierung rät fairfood zur Konzepterweiterung auf ein Unverpackt-Sortiment.
Ziel für kommendes Jahr: Gemeinsam mit dem Fair Trade Pionier El Puente 100 Weltläden mit einer Verpackungsfrei-Ecke ausstatten. Und als bislang größte Investition setzt fairfood gerade den neuen Online Shop um, der ebenfalls 2020 live geht.
Das alles sind für 2020 erst mal genug Themen, oder? „Eigentlich ja”, sagt Amos Bucher lachend, „aber wir sind mit der GIZ gerade mitten in den Verträgen für ein soziales Projekt in Ruanda. Wir fliegen im Januar hin und werden dort eine Produktion aufbauen für Macadamianüsse.”
Wie bei den Cashews und Nigeria? „Ja, nur größer und mit mehr Erfahrung im Gepäck. Wir werden 150 Farmer vor Ort schulen, Bio zertifizieren und eine stabile Kooperativenstruktur aufbauen. Nach allen Hürden und dem Lehrgeld in Nigeria kann das nur leichter werden.”