Albtraum Corona: Der Ferienhausvermittler Interchalet aus Freiburg musste tausende Stornierungen hinnehmen. Zwar ziehen die Buchungen inzwischen wieder an, doch der Lockdown hat Folgen. Wegen eines angekündigten Stellenabbaus werden einige der 240 Angestellten ihren Arbeitsplatz verlieren.
VON DANIEL RUDA
Zehntausende stornierte Buchungen gab es zwischen März und Mai, als die Coronakrise alles Touristische zum Erliegen brachte und Grenzen geschlossen wurden. „Die Krise hat bei uns voll eingeschlagen“, sagt Michael Figlestahler, Geschäftsführer des Freiburger Ferienhausvermieters Interchalet.
Der ist Teil der Holiday Home Division (HHD) des Schweizer Reisekonzerns Hotelplan. 330 Millionen Euro setzte die Unternehmensgruppe im vergangenen Jahr um, mit einem leichten Rückgang zum Vorjahr. Der Rückgang des aktuellen Geschäftsjahres wird alles andere als ein leichter sein. Der wirtschaftliche Schaden sei noch gar nicht absehbar, er müsse aber eher in Zehner- denn in Einserschritten auf der Millionenskala gezählt werden, sagt Figlestahler.
Er empfängt Mitte Juni in den verwaisten Büroräumen in der Freiburger Heinrich-von-Stephan-Straße, um über den Tourismus in der Coronakrise und die brutalen Folgen zu sprechen. Fast alle der 240 Interchalet-Mitarbeiter sind da noch in ihren Home Offices. Dass in den nächs- ten Monaten Stellen abgebaut werden müssen, könne er nicht ausschließen, sagt der 41-Jährige an jenem Tag noch sichtlich um Zurückhaltung bemüht.
Einige Tage später ist diese Zurückhaltung gewichen. „Wir müssen Personal abbauen, weil uns die Krise so massiv getroffen hat“, sagt Figlestahler am Telefon. Das sei nun leider Fakt.
„Wir müssen Personal abbauen, weil uns die Krise so massiv getroffen hat“
Geschäftsführer michael figlestahler
Interchalet gehört zum Schweizer Reisekonzern Hotel- plan Group – eine Tochter der Migros. Die Gruppe hatte nun öffentlich gemacht, dass voraussichtlich bis zu 425 Arbeitsplätze gestrichen werden. Davon 170 in der Schweiz.
Wie viele Arbeitsplätze in Freiburg wohl wegfallen wer- den, wird nicht kommuniziert. „Wir stehen jetzt am Anfang dieses Prozesses und werden zusammen mit dem Betriebsrat an einer möglichen Lösung arbeiten“, sagt Figlestahler.
Es ist eine bizarre Phase. Der Geschäftsführer spricht davon, wie die Mitarbeiter des Freiburger Standortes seit Mitte März von Zuhause die Situation angenommen haben. „Es ist beeindruckend, was seither geleis- tet wird“, die Bearbeitung der tausenden Stornierungen, die Umbuchungen und inzwischen auch die vielen Neubuchungen. Denn seit den Lockerungen ziehen die Buchungen wieder enorm an. Umso bitterer ist der anstehende Stellenabbau.
„Die Ankündigung kam überraschend“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Dieter Wahl im Gespräch mit netzwerk südbaden kurz vor den ersten Verhandlungsgesprächen mit der Geschäftsführung und einer Mitarbeiterversammlung in der Messe Freiburg. Dort ist genügend Platz, um die Abstandsvorgaben in Corona-Zeiten einzuhalten.
Den drohenden massiven Stellenabbau bezeichnen die Arbeitnehmervertreter als „wirtschaftlich nicht gerechtfertigt“, so Wahl. Zwar sei entgegen des Trends der Umsatz im vergangenen Jahr etwas zurückgegangen, doch das Unternehmen habe über Jahre gut gewirtschaftet und der Markt für Ferienwohnungen sei sehr stabil.
Durch die Coronakrise werde sich diese Art des Urlaubens wohl eher noch verfestigen, erwartet der 66-Jährige, der seit Ende der Neunziger Betriebsratsvorsitzender ist. Seit März ist er eigentlich in Rente und wollte mit weniger Stunden weiterarbeiten. Wegen der Coronakrise und der traurigen Folgen für die Belegschaft laufe derzeit aber viel mehr Arbeit bei ihm auf. Es sei für alle eine unheimliche Situation, sagt Wahl. „Die Verunsicherung ist groß.“
Betriebsrat hofft auf gelungenen Sozialplan
Auch Wahl nennt keine Zahl, spricht aber immer wieder von einem „massiven Stellenabbau“. Der Betriebsratsvorsitzende hofft, dass es gelingt, einen Sozialplan mit der Geschäftsführung auszuarbeiten und dass nun keine überstürzten Entscheidungen getroffen werden. „Die Gespräche beginnen jetzt und sie werden lange andauern.“
Der Standort Freiburg, hier wurde Interchalet in den Siebziger Jahren gegründet, ist ein zentraler innerhalb der sogenannten Holiday Home Division des Schweizer Reisekonzerns. 122 Millionen Euro wurden hier zuletzt umgesetzt, etwas mehr als ein Drittel der Firmengruppe, die in 16 Ländern mit eigenen Gesellschaften aktiv ist.
In Freiburg wird vor allem der deutsche Reisemarkt gemanagt, in Bezug auf die Vermieterseite laufen hier auch europäisch viele Fäden zusammen. Mit Inhabern von Ferienhäusern und -wohnungen werden Verträge geschlossen, Vermietung und Gästebetreuung wird ihnen dann gegen eine Gebühr von mindestens 25 Prozent des jeweiligen Mietpreises abgenommen. 50.000 Ferienhäuser und Wohnungen finden sich im Portfolio der gesamten Gruppe.
Bei der HHD wird die eigene Stärke vor allem mit der Nähe zu den Vermietern beschrieben. Wer mit Interchalet einen Vertrag abschließt, wird eng betreut. Das gilt vor allem für die Vermieter, aber auch für die Gäste. In manchen Gegenden mit vielen Angeboten gibt es auch eigene Büros, die quasi wie eine Rezeption für die Ferienwohnungen funktionieren.
Airbnb ist Freund und Feind zugleich
Das Geschäftsmodell Ferienhaus und Wohnung ist ein sicheres, sagt Figlestahler. Auch er ist der Meinung, dass das paradoxerweise eine Erkenntnis aus der Coronakrise sein wird. „Man ist einfach für sich in einem Ferienhaus“. Der Markt wird indes vor allem von den beiden großen Playern Airbnb und „Booking.com“ dominiert. Als „Frienemy“ (Freundfeind) bezeichnet Figlestahler Airbnb, an diesem Anbieter gebe es kein Vor- beikommen für die Konkurrenz.
Stattdessen gibt es Kooperationsverträge, die Unterkünfte von Interchalet sind auch dort zu finden, ebenso auf „Booking.com“. Airbnb zum Beispiel komme hip daher und ist vor allem auf ein junges Publikum ausgerichtet. „Die Leute werden ja älter, gründen Familien, und damit werden sie mehr zu unserer Ziel- gruppe.“ Die entspricht etwa der klassischen Kleinfamilie: Vater, Mutter, ein bis zwei Kinder und vielleicht noch ein Hund.
Es gebe auch positive Tendenzen nach dem Lockdown, die gerade nicht vergessen werden dürfen, sagt Figlestahler, der seit 18 Jahren im Unternehmen und seit vergangenem Jahr Geschäftsführer ist. Etwa wie die Buchungszahlen seit den Lockerungen wieder richtig anziehen, wie die Produkte Ferienwohnung und Ferienhaus die Zukunft eines sicheren Tourismus in unsicheren Zeiten seien, wie alleine die rund 160 Ferienhäuser im Schwarzwald für diesen Sommer quasi aus- gebucht seien. Wie in ganz Deutschland der Binnentourismus aufblühe, weil es die Menschen nun eben nicht mehr unbedingt für den Urlaub ins Ausland ziehe. Auch in den anderen europäischen Märkten gehe es bergauf.
Der finanzielle Schaden durch den Lockdown werde aber noch lange nachwirken. „Umstrukturierungen wären in Zukunft zwar angestanden, aber nicht unbedingt in diesem Maße und mit dem Druck, wie es die Krise jetzt beschleunigt und fordert.“