E-Mobilität beeinflusst immer mehr den Gebäudebau. Der Ausbau öffentlicher Ladestationen läuft aber zu langsam für den Boom der E-Autos. Der Staat drückt aufs Pedal und fördert das Stromzapfen im Eigenheim. Was dabei zu beachten ist!
VON CHRISTINE WEIS
Die Anzahl fahrender Stromfresser steigt rasant an. Bis 2030 sollen in Deutschland laut Klimaschutzprogramm der Bundesregierung sieben bis zehn Millionen Elektrofahrzeuge zugelassen sein und so die CO2-Bilanz des Verkehrssektors verbessern. Der Staat vergibt Kaufprämien für E-Autos. Damit einher geht ein höherer Bedarf an Ladestationen. Öffentliche Schnellladezapfstellen reichen bei weitem nicht aus. Lobbyisten vom Verband der Automobilindustrie (VDA) rechnen in ihrem aktuellen E-Ladenetz-Ranking für Deutschland aus, dass das vorgegebene Ziel bis 2030 nur zu erreichen sei, wenn wöchentlich rund 2000 neue öffentlich zugängliche Ladepunkte installiert werden, aktuell liegt die Zahl bei rund 200.
Förderung von Wallboxen
Damit die E-Fahrzeuge zu Hause oder beim Arbeitsplatz betankt werden können, unterstützt der Bund seit November 2020 auch den Einbau von Ladestationen (Wallboxen) für Privatpersonen, Wohnungseigentümergemeinschaften, Wohnungsunternehmen, Wohnungsgenossenschaften und Bauträger. Der Zuschuss liegt bei 900 Euro pro Ladepunkt. Die Förderung gibt es nur, wenn der Strom zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien kommt und die Station nicht zur Überlastung des Stromnetzes führt. Gesetzliche Neuverordnungen für Gebäude forcieren zudem den Ausbau der Ladestruktur: Bei Neubau und Renovierung von Wohngebäuden mit mehr als zehn Stellplätzen, müssen künftig alle Stellplätze mit Schutzrohren für Elektrokabel ausgestattet werden. Für mindestens jeden fünften Stellplatz gilt das bei Nicht-Wohngebäuden, wobei ein Ladepunkt mindestens vorhanden sein muss.
Seit Inkrafttreten des reformierten Wohnungseigentumsgesetzes (WEG) am 1. Dezember 2020 ist es übrigens jedem Wohnungseigentümer – auch in Mehrfamilienhäusern – erlaubt, eine Lademöglichkeit für ein Elektrofahrzeug einzubauen, die Kosten dafür muss er freilich selbst zahlen.
Die Neuerungen zeigen Wirkung: „Der Beratungs- und Informationsbedarf im Bereich Lademöglichkeiten ist riesig und nimmt natürlich auch durch die Fördermöglichkeiten weiter zu“, heißt es von Seiten des Energiedienstleisters badenova. Derzeit arbeite man mit „Hochdruck an einem Angebot für Wohnungseigentümer-Gemeinschaften, damit sie E-Mobilität rechtssicher und unter Abwägung verschiedenster Bedürfnisse umsetzen können“, sagt badenova-Sprecherin Yvonne Schweickhardt. Das Thema ist komplex, so klären etwa die Fachberater von badenova mit den Kunden, wie viele Ladepunkte notwendig sind, ob die Kapazität der Anschlüsse ausreichend ist, oder wie eine transparente und faire Abrechnung bei mehreren Nutzern garantiert werden kann.
E-Mobilität als Bestandteil der Gebäudeplanung
Bauträger, Konstrukteure, Gebäudeentwickler, Architekten und Bauunternehmen müssen sich auf diesen Wandel einstellen. Der Bedarf an Lademöglichkeiten wird überall dort wichtiger, wo es lange Aufenthalte gibt: Zuhause, bei der Arbeit, in Einkaufszentren oder Restaurants. Für eine Jobzusage oder die Wahl eines Restaurants kann es ausschlaggebend sein, ob der Arbeitnehmer oder Gast sein Fahrzeug vor Ort aufladen kann. Auf die veränderten Bedürfnisse sollten die Bauherren rechtzeitig mit cleverer E-Infrastruktur reagieren, das kann auch Wettbewerbsvorteile geben.
Tankstelle auf dem Dach – Ladestation im Keller
Einer, der die Vernetzung von Elektro-Mobilität mit energieeffizientem, nachhaltigem Bauen und Wohnen umsetzt, ist der Architekt Rolf Disch. Umdenken war schon immer seine Sache, er setzte bereits auf Sonnenenergie, als viele das Wort Klimawandel noch gar nicht kannten. Der Solararchitekt baut Plusenergiehäuser, die mehr Energie produzieren, als sie verbrauchen. In Schallstadt entstehen unter seiner Federführung und in eigener Bauträgerschaft gerade vier Klimahäuser. Grüner Strom aus der Photovoltaik-Anlage fließt in die emissionsfreie Tiefgarage zu den Ladestationen und füttert dort die Akkus der E-Autos- und E-Bikes, die sich die Bewohner am besten teilen sollen. Das Nachhaltigkeitskonzept sieht vor, dass für jede Strecke das passende Vehikel bereitsteht. Via App erfährt der Bewohner die Abfahrtzeiten von Bahn und Bussen und die Verfügbarkeit der E-Sharing-Fahrzeuge. Der flexible Mobilitätsmix stellt den zurückzulegenden Weg und nicht das Fahrzeug in den Fokus. Dazu passt Dischs Satz, den er gegenüber der Süddeutschen Zeitung äußerte, dass es eine der wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben sei, „dem Auto die Dominanz zu nehmen“.