Lehre von den Altertümern heißt Archäologie wörtlich. Sie ist kein boomendes Fach, doch die Archäologie kann aus dem Wissen um unsere Geschichte wertvolle Schlüsse für Gegenwart und Zukunft ziehen. Zwei Einblicke in eine Wissenschaft, die alte Quellen mit moderner Technik erschließt.
Text: Kathrin Ermert
Kühlschrankmagnete als Kulturvermittlung
„Ich bin der Magnet-Onkel“, erklärt Fabian Stroth der Mitarbeiterin des Ordinariats, die ihm die Tür zur Münsterbauhütte öffnet. In der Werkstatt selbst muss er sich nicht mehr vorstellen, hier ist der Wissenschaftler bekannt. Eigentlich ist er Archäologieprofessor und leitet den Lehrstuhl für Byzantinische Archäologie. Doch in den zurückliegenden Monaten hat er sich nicht nur mit dem östlichen Mittelmeerraum zwischen römischem Reich und Mittelalter beschäftigt, sondern auch mit dem Freiburger Münster, das er von seinem Schreibtisch im fünften Stock des Kollegiengebäudes III wunderbar im Blick hat, wenn nicht gerade ein Baugerüst die Aussicht stört.
Die Hälfte seines Büros gleicht derzeit einer Werkstatt: Neben dem Fenster arbeiteten 3D-Drucker gleichmäßig schnurrend. Düsen fahren über Druckbetten und bauen Schicht für Schicht kleine farbige Figuren auf. Die fertigen Hunde, Drachen und andere Wesen stapeln sich in Kartons. Es sind Miniaturen der Wasserspeier, die überall am Münster als fantasievolle Regenrohre dienten. Stroth und sein Team verwandeln innerhalb eines Kooperationsprojekts der Uni mit dem Münsterbauverein die steinernen Originale in bunte Kühlschrankmagnete.



Anfang Dezember brachte Fabian Stroth die erste Charge – fünf Modelle in je fünf Farben, insgesamt 250 Stück – in den Münsterladen. Nach 15 Minuten waren sie ausverkauft. „Wir hatten nicht damit gerechnet, dass es so abgeht“, sagt Stroth. Die Wochen vor Weihnachten waren alle Beteiligten damit beschäftigt, die Bestellungen, die das Verkaufsteam anfangs noch aufgenommen hatte, abzuarbeiten: Sie aktivierten 3D-Drucker im Kollegiums- und Bekanntenkreis, ließen sie rund um die Uhr laufen, Freunde und Familie schliffen und beklebten abends die Figuren. Dennoch war schnell klar, dass sie der großen Nachfrage nicht hinterherkamen. Sie stoppten den Verkauf vorerst, produzieren jetzt vor und wollen Anfang März einen zweiten Release starten. Insgesamt planen sie rund zwei Dutzend Figuren als Magnetminiaturen. Acht Modelle sind schon für den 3D-Druck aufbereitet.

„Wir digitalisieren das Gipsarchiv und schaffen damit forschungsrelevante Modelle. Die Kühlschrankmagnete sind nur ein Beifang.“ — Fabian Stroth
Zurück in der Münsterbauhütte. Im Keller hat Jakub Furs, ein freier Mitarbeiter der Uni, Beleuchtung, Stativ und Kamera aufgebaut und bewegt sich, mit Mütze und Schal gegen die Kälte gewappnet, knipsend um einen knapp mannshohen gipsernen Hund. Ständig drückt er auf den Auslöser, nimmt die Figur aus allen Perspektiven auf, nach mehreren Stunden Arbeit wird er um die tausend Bilder gemacht haben, aus denen anschließend in etlichen weiteren Arbeitsstunden ein digitaler Zwilling entsteht. „Structure from Motion“ (SfM) heißt diese Methode, um 3D-Informationen durch die Überlappung zeitversetzter Bilder zu gewinnen. Auf diese Art wollen Stroth und sein Team das komplette Magazin der Münsterbauhütte digitalisieren. „Wir übertragen das Gips- in ein Digitalarchiv und schaffen damit forschungsrelevante Modelle“, erklärt er. „Die Kühlschrankmagnete sind nur ein Beifang.“
Allerdings einer, der viel Zeit und Arbeit in Anspruch nimmt. Der Wissenschaftler agiert wie ein Firmengründer. „Wenn wir Apple wären, befänden wir uns noch in der Garage“, scherzt Stroth. Er lerne gerade, wie man eine Prozesslinie ins Laufen bringt. Vier Monate läuft das Projekt erst, ein Jahr war für den Aufbau eingeplant. Der vom Münsterladen gewünschte vorweihnachtliche Verkaufsstart sorgte für Zeitdruck und brachte es so ein gutes Stück voran. „Nachjustieren können wir immer, das geht an der Uni gut“, sagt Stroth.
Ohnehin sind die Münstermagnete ein Vorzeigeprojekt moderner akademischer Öffentlichkeitsarbeit. Es ist interdisziplinär, nutzt Kompetenzen verschiedener Fakultäten wie Materialwissenschaften, und es schafft neue Perspektiven für Geisteswissenschaften: die praktische, alltagstaugliche Vermittlung von Kulturerbe jenseits von klassischer Forschung und dem Verfassen wissenschaftlicher Texte. „Das Projekt positioniert sich bewusst an der Schnittstelle von Denkmalpflege, Forschung und Stadtöffentlichkeit und erprobt neue Modelle kultureller Teilhabe“, erläutert Stroth.
Dass er sich als Archäologe mit Münsterfiguren beschäftigt, liegt am Auftrag der Uni, ein 3D-Lab aufzubauen, für das er die Drucker anschaffte. Weil die archäologischen Objekte, die er damit zunächst reproduzierte, ihn nicht überzeugten, suchte er nach Alternativen – und kam so auf die Münsterspeier. In dem Seminar „Von Drachen und Dämonen“ im jetzt endenden Wintersemester entwickelte Stroth das Projekt zusammen mit Studierenden weiter. „Wir haben ihren Blick verändert, wollen sie aber nicht von klassischer Geisteswissenschaft wegbringen“, sagt der Professor, der die sogenannte Employability, also die Beschäftigungsfähigkeit keinesfalls als alleinigen Zweck akademischer Bildung sieht. Digitale Kompetenz und praktische Projekte könnten die Attraktivität des Studiums steigern, dürften alte Qualitäten aber nicht verdrängen.
Rund 1000 Magnetfiguren pro Monat planen Stroth und sein Team zu produzieren. Falls die Nachfrage größer ist, wäre Outsourcing eine Option. Schließlich sollen auf den 3D-Druckern mittelfristig nicht nur Miniatur-Wasserspeier entstehen.
Grabungen als Dienstleistung
Andreas Hanöffner muss sich erst wieder aufwärmen, nachdem er den ganzen Tag bei Temperaturen um den Gefrierpunkt auf einer Baustelle in Heilbronn verbracht hat. Dort begleitet er gerade den Aushub einer Baugrube für vier Mehrfamilienhäuser. Weil dies unweit eines alten Römerkastells geschieht, hat das Landesamt für Denkmalschutz eine archäologische Baubegleitung angeordnet, die eine sachkundige Person leisten muss, jemand wie Andreas Hanöffner aus dem Emmendinger Ortsteil Windenreute.
Der 53-Jährige hat in Regensburg und Freiburg Archäologie, Ur- und Früh- sowie Kunstgeschichte studiert, zu einem urgeschichtlichen Thema promoviert und schon an vielen Grabungen teilgenommen. In Deutschland sind das hauptsächlich sogenannte Firmengrabungen. „Vor allem bei großen linearen Bauprojekten wie Bahnstrecken oder Energietrassen sind häufig Archäologen involviert“, erklärt Hanöffner. Anders als Forschungsgrabungen, die eher langfristig mit besseren Rahmenbedingungen geplant werden, finden Firmengrabungen meist unter Zeitdruck statt, sind häufig räumlich beengt und klimatisch herausfordernd, weil sie, wie jetzt in Heilbronn, auch im Winter laufen.



Die Investoren wollen, dass es schnell geht, das Denkmalamt verlangt Gründlichkeit. In diesem Spannungsfeld agieren Grabungsfirmen wie Hanöffners Archäologischer Baustellen Service in Süddeutschland, kurz: ABSiS, den er 2017 gegründet hat, nachdem er viele Jahre im In- und Ausland für Unternehmen, Universitäten und Denkmalämter gearbeitet hatte. Nur etwa eine Handvoll weitere Firmen bieten in Baden-Württemberg Grabungsdienstleistungen an, beispielsweise E&B Excav aus Freiburg und Archaeo Task aus Engen im Hegau. Die Konkurrenz sei kollegial und übersichtlich, sagt Hanöffner: „Alle haben genug zu tun“. ABSiS beschäftigt nur zwei Festangestellte und sucht sich für größere Projekte externe Fachleute als Aushilfen. Es werde allerdings schwieriger, Leute zu finden. „Jeden Tag und bei jedem Wetter rausgehen: Das ist anstrengend, das muss man wollen. Und diejenigen, die das wollen, werden weniger.“

„Die Archäologie kann auch Annahmen korrigieren. Denn Schriftstücke sind oft einseitig und haben nichts mit dem alltäglichen Leben der einzelnen Menschen zu tun.“ — Andreas Hanöffner
Der rechtliche Rahmen der Bodendenkmalpflege ist kompliziert und fragmentiert. Es gibt kein bundeseinheitliches Gesetz, Denkmalschutz ist Ländersache, und jedes regelt ihn unterschiedlich. Bayern wendet beispielsweise das sogenannte Verursacherprinzip, dass also die Bauleute für eventuell notwendige Grabungen aufkommen müssen, auf alle Bauprojekte an, auch private. In Baden-Württemberg gilt dies nur bei gewerblichen und institutionellen Bauten. Entsprechend sind Hanöffners Auftraggeber meist Unternehmen oder Kommunen.
Doch wonach suchen Grabungsfirmen überhaupt? Im Unterschied zur Geschichtswissenschaft, die sich vor allem aus schriftlichen Quellen speist, setzt die Archäologie auf materielle Hinterlassenschaften: Haushaltsgegenstände, Werkzeuge, Waffen, Skelette, Münzen, Spielzeug wie die Tonfiguren, die jüngst bei einer Grabung in Freiburg zutage kamen, oder Teile alter Gebäude. In Deutschland sind die Funde meist weniger spektakulär als im Mittelmeerraum, man findet zum Beispiel statt Säulen Standlöcher von Pfosten, weil hier lange mit Holz gebaut wurde. Anhand archäologischer Funde lassen sich Rückschlüsse auf das alltägliche Leben in der Vergangenheit ziehen – oft besser als aufgrund schriftlicher Quellen. „Die Archäologie kann auch Annahmen korrigieren“, sagt Hanöffner. „Denn Schriftstücke sind oft einseitig und haben nichts mit dem alltäglichen Leben der einzelnen Menschen zu tun.“
Der Archäologe spricht begeistert von seiner Arbeit. Es ist ihm ein Anliegen, sie in ein positives Licht zu rücken, Menschen dafür zu sensibilisieren und Bauleute aufzuklären. „Es schadet der Archäologie, wenn die Leute Angst vor angeordneten Grabungen haben.“ Deshalb startet er demnächst an der Uni Bochum eine Lehrveranstaltung über Grabungsfirmen. Und er verschiebt den Fokus seiner eigenen Firma auf Dienstleistungen wie Beratungen oder Gutachten für Bauprojekte. Dafür muss er nicht graben, sondern historisches Wissen und neue Informationen wie Laserdaten der Erdoberfläche zusammentragen. „Alte Quellen und moderne Technik ergänzen sich sehr gut“, sagt Hanöffner, der wie alle Archäologen heute nicht nur Schaufeln und Pinsel, sondern auch Drohnen nutzt, beispielsweise für senkrechte Aufnahmen von Grabungsstätten. Früher musste man für das sogenannte Orthofoto auf hohe Leitern klettern.