In Sexau verwandelt das Familienunternehmen Biehrer jahrhundertealtes Eichenholz in maßgefertigte, groß dimensionierte Dielen und in Interieur-Elemente für anspruchsvolle Architektur von Südbaden bis in die Südsee. Ein Werkstattbesuch.
Text: Christine Weis • Fotos: Alex Dietrich
Die mächtigen Baumstämme sind nicht zu übersehen. Sie wirken wie ein markanter Standorthinweis, dass man hier richtig ist bei Biehrer, dem Hersteller von Holzfußböden und Interior-Elementen. Ein Gabelstapler hievt an diesem Nachmittag Ende Januar gerade einen der Stämme auf die Säge. An der Schnittfläche zeichnen sich die Jahresringe wie feine Linien einer sehr langen Lebensgeschichte ab. Die Eichen, die zu Dielen oder Tischen verarbeitet werden, sind zwischen 100 und 250 Jahre alt.
„Den Bereich in der Mitte nennen wir Blume, er soll beim Sägen möglichst zentrisch bleiben. Dafür braucht es viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl“, erklärt Alice Biehrer beim Rundgang durch den Betrieb im Sexauer Gewerbegebiet „Untere Ziel“. Die 31-Jährige bildet zusammen mit ihrem Vater und Firmeninhaber Anton Biehrer (65) die Doppelspitze der Geschäftsführung des Familienunternehmens, das 18 Mitarbeitende zählt. Ihr Bruder Marcel Biehrer (29) verantwortet Einkauf und Produktion. Mutter Verena Biehrer (58) managt Buchhaltung und Personal.
„Die Qualität der Stämme lässt sich an der Rinde ablesen. Äste, Verwachsungen, Verletzungen hinterlassen dort ihre Spuren.“ Marcel Biehrer
Ein- bis dreimal pro Woche liefert ein Spezialtransporter für Langholz Nachschub aus einem Zwischenlager. 35.000–40.000 Quadratmeter Fußbodenoberflächen stellt Biehrer jährlich nach individuellen Maßen her. „Wir sind Weltmarktführer für lange Dielen“, sagt Alice Biehrer. Je nach Holzart sind bis zu 20 Meter möglich. Diese Einzelstücke in Übergröße finden sich in entsprechend exklusiven Immobilien von Davos bis Hawaii sowie in Museen, beispielsweise dem Zentrum Paul Klee in Bern, dem Neuen Museum in Berlin oder dem Wallraf-Richartz-Museum in Köln. Während Alice Biehrer erzählt, dass sie häufig zu Kundschaft nach USA oder Australien reist, richtet ein Mitarbeiter den Eichenstamm auf der Säge mit dem Greifarm des Staplers genau aus, bevor dieser erst entrindet und dann zu Lamellen gesägt wird.



Weiter geht es in die Produktionshalle. Meterhoch stapeln sich Holzbretter, Lüftungs- und Absaugrohre ziehen sich wie Adern durch die hohe Decke. Man hört Maschinengeräusche und Stimmengewirr. Es riecht nach Harz und frischen Holzspänen. Bevor die Bretter bearbeitet werden, kommen sie in den Trocknungsofen. In den einzelnen Abteilungen schaffen die Mitarbeiter an Maschinen oder von Hand. Hobeln, Bürsten, Beizen, Pressen, Schleifen: Schritt für Schritt nimmt das Material Textur und Farbe an.
„Wer sich für einen bestimmten Holzboden entscheidet, möchte häufig auch andere Oberflächen im gleichen Look.“ Alice Biehrer
„Unser Herzstück sind die Dielen“, sagt Alice Biehrer. Diese seien besonders stabil, dafür hat ihr Vater ein Fertigungsverfahren mit Dreischichtaufbau entwickelt. Wie genau es funktioniert, bleibe Betriebsgeheimnis, sagt sie augenzwinkernd. Kerngeschäft seien Böden. Architektur und Design setzten verstärkt auf Einheitlichkeit. „Wer sich für einen bestimmten Holzboden entscheidet, möchte häufig auch andere Oberflächen im gleichen Look“, sagt Alice Biehrer und zeigt dabei auf verschiedene Musterauslagen. „Wir haben verschiedene Finishes mit unterschiedlichen Texturen, Farben und Haptiken, die jeweils einen eigenen Charakter ausstrahlen.“



Nische statt Serie
Im Verwaltungsgebäude passen demnach Besprechungstisch, Sitzhocker und Dielenboden stilecht zueinander. „In diesem Haus hat früher Opa gewohnt“, erzählt Alice Biehrer. „Unser Elternhaus ist ein paar Schritte weiter hinter der Werkstatthalle. Mein Bruder und ich sind hier aufgewachsen. Firma und Familie waren schon immer eins.“ Zum weiteren Gespräch kommen die Eltern Anton und Verena Biehrer und ihr Bruder Marcel Biehrer hinzu. Fast scheint es logisch, dass die beiden Kinder das Unternehmen in die nächste Generation führen.
Doch Alice Biehrer schlug beruflich zunächst einen anderen Weg ein. Sie studierte International Business in Freiburg und Mannheim, hatte einen Job im Management von Mercedes-Benz in Stuttgart. Der Entschluss, zurück in die Heimat zu kommen, sei ein Bauchgefühl und kein kalkulierter Entschluss gewesen. Anders als bei ihrem Bruder: „Ich hatte es schon im Kopf, dass ich mal in den Elternbetrieb einsteigen werde, zunächst wage und mit der Zeit wurde es konkreter“, sagt er. An der Rheinisch Westfälischen Technischen Hochschule Aachen studierte der 29-Jährige zunächst Produktionstechnik und Management, dann an der Dualen Hochschule in Horb am Neckar Wirtschaftsingenieurwesen. Er sammelte Berufserfahrung in einem externen Betrieb, eher er Anfang 2025 ins Familienunternehmen kam.


der Firma aus Sexau.
Die Wurzeln des Unternehmens liegen im Ortskern von Sexau. Dort bewirtschafteten die Großeltern von Anton Biehrer ein kleines Gehöft mit Kühen, Hühnern und Schweinen zur Selbstversorgung. Den Lebensunterhalt verdiente der Großvater in einer Spinnerei in Waldkirch. Ihr Sohn Friedolin Biehrer lernte Zimmerer und richtete sich zwischen Stall und Scheune die Werkstatt ein. 1960 gründete er die Firma und im selben Jahr wurde sein Sohn Anton geboren. Anfangs war der Betrieb eine Zimmerei, bald schon siedelte er um ins Gewerbegebiet und entwickelte sich zu einem Bauunternehmen, das zeitweise bis zu 80 Beschäftigte hatte.
Anton Biehrer machte seine Lehre im elterlichen Betrieb, absolvierte die Meisterschule und ist zudem Holzfachwirt. Während sein Vater Ende der 1960er-Jahre auf serielle Massiv-Herstellung setzte, war er am individuellen Mehrschichtaufbau interessiert. Ab Ende der 1980er-Jahre brachen die Preise ein, weil osteuropäische Wettbewerber auf den Markt drängten. Die Firma war in wirtschaftlichen Schwierigkeiten, als Anton Biehrer 2004 das Geschäft übernahm. „Das Familienunternehmen aufzugeben, kam für mich nicht infrage”, sagt er. Sein Weg war die Spezialisierung auf raumlange Dielen: „Bei 2,5 Metern, wo in der Regel die industrielle Fertigung endet, fangen wir erst an.“
Aus dem Wald bis ins Wohnzimmer
„Eiche ist ideal und macht rund 90 Prozent unserer Produktion aus“, sagt Marcel Biehrer. Der Rest sind andere Holzarten wie Ahorn, Douglasie, Esche, Nussbaum und Weißtanne. Das Material kommt ausschließlich aus forstwirtschaftlichen Waldflächen in Deutschland – wegen der Nachhaltigkeit. „Hier wird nur einmal im Jahr geschlagen, und zwar ausschließlich Bäume, die die Förster dafür freigeben“, erklärt Anton Biehrer. Die Herkunft präge die Struktur des Holzes. Eine Eiche vom Bodensee wirke anders als eine aus Mitteldeutschland oder dem Schwarzwald.



Marcel Biehrer ist seit Kurzem für den Einkauf zuständig. Gerade ist Hochsaison. Die Eichenstämme werden auf sogenannten Submissionen zwischen November und April angeboten, verkauft wird nach Höchstgebot. Die Mitbietenden sind Küfer aus Frankreich, die Holz für Weinfässer suchen, und Furnierhersteller, berichtet Marcel Biehrer und ergänzt: „Die Qualität der Stämme lässt sich an der Rinde ablesen. Äste, Verwachsungen, Verletzungen hinterlassen dort ihre Spuren. Und der Baum sollte über 100 Jahre alt sein.“ Warum so alt? „Eine Eiche braucht Zeit. Erst nach rund 100 Jahren gilt sie als ausgereift. Zudem hat der Baum dann schon lange als wertvoller CO2-Speicher seine Dienste geleistet“, antwortet Anton Biehrer.

„Vor solchen Naturgiganten habe ich Ehrfurcht.“ Anton Biehrer
„Vor solchen Naturgiganten habe ich Ehrfurcht“: Fasziniert erzählt der Seniorchef vom ältesten und größten Exemplar in der Firmengeschichte, einer 230 Jahre alten, über 15 Meter langen Eiche aus der Nähe von Bern, die ein Sturm entwurzelte. „Ich habe erst kurz gezögert, als ich angerufen und mir der Baum angeboten wurde.” Nicht wegen des Preises, sondern weil der Transport des Stamms von der Schweiz nach Sexau alles andere als ein Spaziergang sein würde. Alice Biehrer fand, dass dieser Baum und sein Weg eine eigene Geschichte verdient hätten. Und so entstand der 15-minütige Film „Grenzgaenger“. Der Streifen dokumentiert den Prozess von dem besagten Telefonat bis zum Einbau der aus der Eiche gefertigten 15,18 Meter langen und 1,13 Meter breiten Flächendiele in einem Restaurant in Zürich. Die Staufener Firma Cinegrapher produzierte den Film. Die Dreharbeiten an den unterschiedlichen Stationen von Transport, Fertigung und Einbau zogen sich über rund zweieinhalb Jahre. Gemessen am Alter der Eiche: ein kurzer Moment.