Das Kurzfilmfestival Shorts in Offenburg fand bereits zum 27. Mal statt. Was als kleines Projekt begann, ist inzwischen ein wichtiges kulturelles Ereignis, das jungen Filmschaffenden aus Frankreich, Deutschland und der Schweiz eine Bühne bietet.
Text: Julia Donáth-Kneer • Fotos: Santiago Fanego
Noch lange bevor es dunkel wird im Saal 1, nehmen in den gut gefüllten Reihen im Offenburger Forum-Kino ein paar Studierende Platz. Yanik, Julian und Chiara sind in einer Gruppe gekommen. Die jungen Männer studieren Medien und Kommunikation, Chiara ist angehende Maschinenbauerin. Was sie erwartet, wissen sie bisher noch nicht, es ist ihr erstes Mal bei den Shorts.
Das Kurzfilmfestival in Offenburg zeigt jährlich studentische Produktionen junger Filmschaffender aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Begonnen hat das Filmfestival 1999 in wesentlich kleinerem Rahmen, erzählt Kai Wißmann, der von Anfang an dabei ist. Er bildet mit Sabine Burg de Sousa Ferreira und Ania Berger die Festivalleitung. Fast ein Jahr lang haben sie gemeinsam mit Studierenden und anderen Engagierten das viertägige Event geplant. Unter anderem musste eine Vorjury aus rund 620 Einreichungen 72 Filme auswählen, die während des Festivals im Forum-Kino laufen werden.
Wie entscheidet man das? „Natürlich geht es um die Qualität der Filme, um Technik und Handwerk“, sagt Kai Wißmann. Noch wichtiger sei jedoch der persönliche Ausdruck der Filmschaffenden. „Wir sind auf der Suche nach einer Haltung, die im Film deutlich wird.“ So entstünden die Themen, über die es sich zu diskutieren lohne. „Durch die gezeigten Perspektiven und Ausdrucksformen ist direkt erlebbar, was die Studierenden aktuell bewegt.“ Die Kernidee hat sich in all den Jahren nicht groß verändert, bestätigt Sabine Burg de Sousa Ferreira, Professorin für Drehbuchentwicklung, Dramaturgie und Filmkonzeption an der Hochschule Offenburg: „Wir wollen Studierenden eine Plattform bieten, sich beruflich zu vernetzten und sich über ihre Filme auszutauschen.“




Wißmann war selbst an der Hochschule Offenburg und erinnert sich an die Anfänge: Es begann mit langen Reihen einfacher Holzstühle, auf denen Kommilitoninnen und Kommilitonen Platz nahmen, damit der Abschlussjahrgang seine Filme im größeren Rahmen präsentieren konnte. „Wir wollten nicht nur für die Augen der Profs drehen“, sagt Wißmann. Heute sind die Shorts als trinationales Festival eine feste Größe im Offenburger Kulturleben. In Summe werden Preise in Höhe von 10.000 Euro vergeben.
Insgesamt laufen in 13 Wettbewerbsblöcken von jeweils rund zwei Stunden thematisch kuratierte Filme zwischen sechs und etwa zwanzig Minuten, die Genres reichen von Animations-, Dokumentar- oder Experimentalfilm bis zu kinoreifen Kurzgeschichten. Sie werden in den Kinosaal gestreamt, neben der Leinwand begleitet eine Liveband das Geschehen, Wißmann führt als Moderator durch die einzelnen Blöcke. Viele der Nachwuchsregisseurinnen und -regisseure, Produzententeams und Kameraleute haben den Weg nach Offenburg gefunden und kommen zwischen den Beiträgen für kurze Interviews auf die Bühne. „Das Format ist ganz besonders“, schwärmt Wißmann. „Wo sonst hat man Livemusik und Filmvorführungen mit direkter Einordnung durch die Macherinnen und Macher?“
Gegen die Regeln
Besonders freut sich Sabine Burg de Sousa Ferreira über das Rahmenprogramm, das von Jahr zu Jahr vielfältiger werde. Neben den Vorführungen sind das in diesem Jahr Film- sowie Hintergrundgespräche, Seminare und Installationen. Unter anderem finden ein Singer-Songwriter-Frühstück und ein Rooftop-Event im Technologiezentrum Flow1986 statt. Und mit dem Radio Gaga Socialclub haben die Shorts eine Festivallocation mitten in der Stadt, in der die ganze Zeit über Programm ist.
Im Kern geht es dabei natürlich immer um Film. Beim Wettbewerbsblock „Against the rules“ sind Familiengeschichten zu sehen. Mal heiter, mal dramatisch, tiefsinnig und hintergründig, farbenfroh und anarchistisch. Sieben Produktionen werden gezeigt, zwei der Crews sind vor Ort. Darunter Mira-Belle Rose Bryld von der Hochschule für Fernsehen und Film München, deren Festivalbeitrag „Engine of Love“ eine Hommage an ungewöhnliche Frauen und starke Mutterschaft ist. Begleitet wird der 21 Minuten lange Film von Liedern der Musikerin Alice Rose. Rose ist die Mutter der Regisseurin – und die bewegende Geschichte über eine unkonventionelle Mutter-Tochter-Beziehung zu großen Teilen wahr. Am Ende gewinnt Bryld nicht nur den Publikumspreis im Kinosaal, der am Ende jedes Blocks per Onlineabstimmung ermittelt wird, sondern auch in der Kategorie „Bester Kurzfilm“.

Insgesamt sind Ania Berger, Sabine Burg de Sousa Ferreira und Kai Wißmann sehr zufrieden mit dem 27. Shorts Kurzfilmfestival. Finanziell steht das Festival solide da, die Stadt ist als Sponsor dabei, ebenso wie verschiedene Firmen aus der Privatwirtschaft und in diesem Jahr zum ersten Mal das baden-württembergische Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst. „Das ist ein wichtiges Zeichen gerade in diesen Zeiten, in denen bei Kultur immer mehr gekürzt wird“, sagt Burg de Sousa Ferreira. Dennoch müsse man immer eng kalkulieren: „Wir sind genauso groß, wie das finanziell möglich ist.“
Besonders erfreulich sei die große Resonanz der Filmschaffenden aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz. „Ein großes Thema bei uns ist daher, deren vielfältige kreative Leistung einem möglichst breiten Publikum zugänglich zu machen“, sagt Kai Wißmann. 2026 sind mehr als 40 Teams mit ihren Produktionen nach Offenburg gekommen – so viele wie nie zuvor. Für die jungen Regisseurinnen und Regisseure sei das oft ein ganz besonderer Moment. Viele hätten ihr Werk noch nie auf so großer Leinwand in exzellenter Tonqualität gesehen.
Für die Studierenden in Kino 1 hat sich die Hochschule Offenburg längst einen guten Ruf in Sachen Film- und Medienproduktion erarbeitet. Vom Festival erhoffen sie sich Inspiration, aber auch ein paar Kniffe für Kameraführung, Sound und Schnitt. Dass sie gutes Handwerk an der Hochschule lernen können, davon sind sie überzeugt. Julian (22) kam aus Karlsruhe in die Ortenau, der 23 Jahre alte Yanik ist fürs Studium sogar aus Jena nach Offenburg gezogen. Ihr Ziel: Eines Tages ihren eigenen Film auf der großen Leinwand sehen.