Personalnotstand zwingt Unternehmen längst zum Umdenken: Immer mehr regionale Firmen rekrutieren international. Ein Arbeitgeberforum in Freiburg zeigte, welche Wege funktionieren, wo Bürokratie zur Herausforderung wird und wie Integration gelingt.
Text: Christine Weis • Fotos: Santiago Fanego
Gerade in der Gastronomie, im Einzelhandel, in der Logistik und Pflege, bei Fahrdiensten oder im Handwerk fehlen Mitarbeitende. Der Bedarf ist hoch, der Mangel auf dem Arbeitsmarkt ebenfalls, und der demokratische Wandel verschärft das Problem weiter. Daher rekrutieren die Unternehmen gezielt im Ausland, vor allem in sogenannten Drittstaaten außerhalb des europäischen Wirtschaftsraums. Menschen von dort benötigen ein Visum oder eine Aufenthaltsgenehmigung, um in Deutschland arbeiten zu können. Die Verfahren sind nur ein Aspekt. Der wesentlichere ist, wie es gelingt, die Menschen in ihren Herkunftsländern zu gewinnen, sie hier gut zu integrieren und langfristig zu halten. Darum ging es beim Arbeitgeberforum „Gemeinsam für die Region!“ Mitte März in der Messe Freiburg. Wie relevant das Thema ist, zeigte sich an der guten Resonanz. Eingeladen hatten AOK, die Agenturen für Arbeit Freiburg und Offenburg, FWTM, Handwerkskammer Freiburg, IHK Südlicher Oberrhein, Südwestmetall, Fachkräfteallianz Südlicher Oberrhein sowie die Stadt Offenburg.
„Man braucht Geduld. Integration ist ein langer Weg.“ Musa Njie – Groß- und Außenhändler bei Stop & Go Maderabwehr
Statt grundsätzlicher Appelle dominierten praxisnahe Einblicke wie sie in der von Südwestmetall-Geschäftsführerin Iris Tauth moderierten Talkrunde gegeben wurden. Musa Njie berichtete, wie er es aus Gambia ins Markgräflerland geschafft hat. 2015 kam der heute 31-Jährige über die Balkanroute nach Müllheim, fand über einen Helferkreis zunächst ein Praktikum und dann einen Ausbildungsplatz bei Stop & Go Marderabwehr, wo er als Groß- und Außenhandelskaufmann beschäftigt ist. Sein Appell an Arbeitgeber wie Arbeitnehmer: Es gehe nicht allein um eine sprachliche Verständigung, sondern auch um kulturelles Verständnis. Er gab ein Beispiel: In seiner Heimat gelte es als respektvoll, einer Autoritätsperson nicht direkt in die Augen zu schauen, während das in Deutschland als unhöflich wahrgenommen werde. „Man braucht Geduld. Integration ist ein langer Weg“, sagte Musa Njie.
„Für die komplexen rechtlichen Verfahren haben wir eine eigene Abteilung.“– Kevin Stojmenov, Recruitingexperte beim Europa-Park
Wie entscheidend die kulturelle Dimension ist, betonte auch Kevin Stojmenov, Recruitingexperte beim Europa-Park. Gleichzeitig sei sie eine Herausforderung, nicht zuletzt wegen der Vielfalt: Der Freizeitpark beschäftigt Menschen aus mehr als 100 Nationen, rund 1000 Mitarbeitende stammen aus Drittstaaten. Der Europa-Park arbeite nicht mit Agenturen, sondern setzt auf eigene Rekrutierungsstrukturen und präsentiere sich als Arbeitgebermarke vor Ort, etwa über Bewerbertage. „Für die komplexen rechtlichen Verfahren haben wir eine eigene Abteilung“, sagte Stojemov. Doch auch jenseits der Bürokratie begleite man die Mitarbeitenden: Wohnraum, ein Welcome Center und Patenschaftsprogramme sollen den Einstieg erleichtern und die internationale Belegschaft langfristig binden.




Stojmenov (Europa-Park)
Aller Anfang ist schwer
Der Supermarkt- und Bäckereibetreiber Beckesepp aus St. Peter rekrutiert seit drei Jahren gezielt Auszubildende im Ausland. „Wir gehen den Weg über Sprachschulen, etwa in Vietnam und Madagaskar“, sagte Benjamin Deges, Personalreferent des Unternehmens. Es freue ihn immer wieder zu erleben, wie motiviert die jungen Leute für die Berufe im Fachverkauf sind, für die sich hierzulande kaum jemand interessiert. Beckesepp nehme die Azubis in der Anfangsphase an der Hand, unterstütze sie in beruflichen und alltäglichen Dingen. „Woher soll jemand aus Usbekistan auch wissen, dass man für die Bankkontoeröffnung eine Steueridentifikationsnummer braucht?“, sagte Deges. Auch um Wohnraum kümmert sich das Unternehmen, angesichts des angespannten Wohnungsmarkts sei das jedoch eine Herausforderung. Entsprechend groß sind die Erwartungen an das neue Azubiwohnhaus im Freiburger Stadtteil Landwasser, das im Sommer eröffnen soll.
„Woher soll jemand aus Usbekistan auch wissen, dass man für die Bankkontoeröffnung eine Steueridentifikationsnummer braucht?“ – Benjamin Deges, Personalreferent bei Beckesepp
Auch Natalija Kirkosvskas Arbeitgeber, die Freiburg International Academy (FIA), half ihr zunächst mit einer Unterkunft, bis sie selbst eine Wohnung fand. Die 31-jährige Mazedonierin kam 2022 nach Freiburg, sie arbeitet seitdem als Sprachlehrerin und in der Verwaltung der Bildungseinrichtung. Die größte Hürde war für sie jedoch weder die Job- noch die Wohnungssuche, sondern die Bürokratie. „Ich musste mehrfach identische Unterlagen erneut einreichen, weil sie in der Verwaltung nicht mehr auffindbar waren“, sagte Kirkosvska. Schließlich wandte sie sich mit ihrem Ärger direkt an Oberbürgermeister Martin Horn. Wie wenig digital die Verfahren aus ihrer Sicht noch sind, zeigt für sie ein Detail, das banal klingt, aber viel sagt: der Briefkasten. „Mir war nicht bewusst, wie oft er in Deutschland noch genutzt wird“, sagte sie. In ihrem Herkunftsland gebe es keine Briefkästen mehr, alles sei längst digitalisiert, hier dagegen hänge noch vieles an der analogen Zustellung.
„Ich musste mehrfach identische Unterlagen erneut einreichen, weil sie in der Verwaltung nicht mehr auffindbar waren.“ – Natalija Kirkosvska, Sprachlehrerin bei der FIA
Damit die bürokratischen Abläufe schneller werden, gibt es seit einem Jahr die Landesagentur für die Zuwanderung von Fachkräften (LZF) mit den beiden Standorten in Karlsruhe und Stuttgart. Patricia Deutsch, eine der 45 Mitarbeitenden, stellte die neue Behörde beim Arbeitgeberforum vor. Die LZF richtet sich an Unternehmen in Baden-Württemberg, die Fachkräfte oder Auszubildende aus einem Drittstaat beschäftigen wollen. Die Anlaufstelle sei seit April 2025 aktiv und habe seitdem 2850 Anträge bearbeitet und 1400 Vorabzustimmungen, mit denen eine Fachkraft bei der zuständigen Auslandsvertretung ein Visum beantragen kann, erzielt, berichtete Deutsch.






Pinguine finden Pinguine
Den wissenschaftlichen Input lieferte Armin Trost, HR-Experte, Professor an der Business School der Hochschule Furtwangen und früherer SAP-Recruiting-Verantwortlicher. Ein positives Bewerbererlebnis entstehe laut Trost vor allem durch die drei Faktoren Geschwindigkeit, Wertschätzung und Transparenz. Anhand zahlreicher Beispiele zeigte er, wie Unternehmen diese Prinzipien auch für ausländische Arbeitskräfte umsetzen können – etwa durch persönliche Einblicke ins Unternehmen, direkte Kontakte zu aktuellen Mitarbeitenden, die Einbindung von Lebenspartnern und Familie oder sprachlich verständliche Arbeitsverträge. Dabei seien die Kommunikation auf Augenhöhe, flexible Bewerbungsmodalitäten und schnelle Rückmeldungen entscheidend.


Zudem plädierte Trost für den Aufbau von Netzwerken und formulierte die Vorteile augenzwinkernd: „Pinguine finden Pinguine.“ Grundsätzlich gehe es aber auch um die Haltung im Recruiting. Viele Unternehmen dächten noch zu stark vom eigenen Bedarf her und suchten gezielt nach dem vermeintlich perfekten Profil. Tatsächlich gehe es in vielen Fällen aber weniger um bereits vorhandene Kompetenz als um Entwicklungspotenzial.


Alexander Merk, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Freiburg, betonte, dass Fachkräfte aus dem Ausland eine echte Chance für Unternehmen sind.
„Geht es der Wirtschaft gut, profitiert auch das Gesundheitssystem“, sagte Wolfgang Schweizer, Geschäftsführer des Bezirks Südlicher Oberrhein bei der AOK Baden-Württemberg.