Männer in Anzug und Krawatte dominieren immer noch die Bilder von Politikgipfeln und Wirtschaftskonferenzen. Dabei braucht es weibliche Sichtweisen, um die Probleme unserer Welt im Wandel zu lösen. Dazu will eine regionale Initiative beitragen: das vor knapp einem Jahr gestartete Female Leadership Lab.
Text: Kathrin Ermert
Einige Frauen aus der Region haben vor ziemlich genau einem Jahr die „Einladung zum Prototyp unseres Female Leadership Labs“ in ihrem Postfach gefunden. „Die Welt verändert sich rasant und mit ihr die Anforderungen an Führung“, heißt es in der Nachricht. „In Zeiten von Unsicherheit, Komplexität und ständigem Wandel braucht es neue Antworten. Und neue Stimmen. Wir sind überzeugt: Female Leadership spielt eine zentrale Rolle in der Transformation.“
Die Absenderinnen dieser Nachricht waren Anne Hegemann und Elena Schmidt. Hegemann (46) ist Geschäftsführerin der Badenova-Tochter Freibaden Transformation Consulting. Schmidt (39) berät und coacht Unternehmen und Führungskräfte zu den Themen Transformation, Führung und Geschlechtergerechtigkeit. Die beiden kennen sich seit ihrer gemeinsamen Zeit bei Sick und erleben bei ihren beruflichen Tätigkeiten immer wieder, dass weibliche Potenziale nicht ausreichend ausgeschöpft werden. „Vielfalt ist ein unabdingbarer Motor von Anpassungsfähigkeit und Innovation. Mehr Frauen in Führung sind deshalb kein Nice-to-have, sondern ein strategischer Hebel, um Wandel aktiv zu gestalten“, sagt Hegemann. „Die alten Ansätze passen nicht mehr“, betont Schmidt. Es brauche komplexe Skills, um die aktuellen Krisen zu bewältigen. Zum Beispiel emotionale Intelligenz, die Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen und in Netzwerken zu agieren.

„Die alten Ansätze passen nicht mehr.“
Elena Schmidt (39) ist Betriebswirtin und war viele Jahre in Führungspositionen tätig, unter anderem bei Sick. Stationen in China, Australien und Costa Rica prägten sie persönlich und beruflich. Seit fünf Jahren berät und coacht sie zu Transformation, Führung und Geschlechtergerechtigkeit
Genau das wollen Elena Schmidt und Anne Hegemann gemeinsam mit den Frauen, die sie angeschrieben haben, tun. Sie haben dafür ihre Kontakte durchforstet und Führungskräfte rausgesucht, die aus unterschiedlichen Gesellschaftsbereichen und Branchen, aus großen wie kleinen Organisationen und verschiedenen Positionen kommen: Geschäftsführerinnen, Gründerinnen, Personalchefinnen, Teamleiterinnen. Das Female Leadership Lab soll kein weiteres Netzwerk, sondern – wie der Name schon sagt – ein Labor sein, in dem die Frauen gemeinsam an Lösungen für heutige Führungsaufgaben arbeiten. Radikale Praxisorientierung lautet die Devise. „Wir wollten einen Raum schaffen, in dem Frauen sich verbinden, voneinander lernen und gemeinsam etwas bewegen können.“, erklärt Hegemann. Es gehe nicht um Frauenförderung im klassischen Sinn, die bei der Einzelnen ansetzt, damit sie in männlich dominierten Settings zurechtkommt. „Dabei werden die Systeme vernachlässigt“, sagt Schmidt und zitiert den Buchtitel der britischen Publizistin Laura Bates: „Fix the systems, not the women“.

„Female Leadership ist kein Nice-to-have, sondern ein strategischer Hebel, um Wandel aktiv zu gestalten.“
Anne Hegemann (46) hat Lehramt und HR studiert und in Personalabteilungen von Thyssenkrupp-Elevator, Sick sowie Badenova gearbeitet. Seit anderthalb Jahren ist sie Geschäftsführerin der Badenova-Tochter Freibaden Transformation Consulting.
Beim ersten Treffen im vergangenen Oktober konnten Hegemann und Schmidt 14 Frauen begrüßen, ähnlich viele kamen zur zweiten Runde Anfang des Jahres, nach den Sommerferien findet das dritte Meeting statt. Drei Teilnehmerinnen erzählen hier, warum sie beim Female Leadership Lab mitmachen, was es ihnen bringt und wie sie selbst versuchen, Veränderungen anzustoßen.
Eine Grundentspannung gespürt
Für Alma Spribille stand das Frauenthema zunächst gar nicht so im Fokus. Die Gründerin und Geschäftsführerin des nachhaltigen Freiburger Mobilfunkanbieters Wetell sagte vor allem zu, weil sie generell das Thema Führung interessiert und das Female Leadership Lab regional ist – in überregionalen Gruppen wie dem Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft und dem Wirtschaftsbeirats der Grünen Bundestagsfraktion engagiert sie sich bereits. Nach dem ersten Treffen mit Elena Schmidt, Anne Hegemann und den anderen Frauen merkte sie aber: „Trotz der sehr emotionalen und persönlichen Themen, an denen wir gearbeitet hatten, habe ich eine Grundentspannung verspürt. Offenbar weil die Geschlechterkommunikation ausgeklammert war.“ Das war einer der Gründe, warum sie wiedergekommen ist. „Für mich ist das Female Leadership Lab gerade eine der besten Sachen, die ich mache“, sagt Spribille. „Es ist krass intensiv.“

„Für mich ist das Female Leadership Lab gerade eine der besten Sachen, die ich mache.“
Alma Spribille (42) ist Wirtschaftsingenieurin und Mitgründerin von Wetell. Der nachhaltige Mobilfunkanbieter startete 2020, beschäftigt heute 23 Mitarbeitende und hat 2025 erstmals schwarze Zahlen geschrieben.
Das liegt auch an den kollegialen Fallberatungen, die ein fester Teil der Treffen sind und die Alma Spribille genutzt hat, um einen Konflikt aus ihrem Gründerteam zu besprechen. Dabei schildert jemand kurz sein Problem und hört sich dann die Einschätzung der unbeteiligten Zuhörerinnen an. „Der äußere Blick hat mir geholfen, meinen Anteil am Konflikt zu erkennen und zu verstehen, welche Grenzen ich ziehen muss“, berichtet Spribille. Und auch speziell das Feedback der Frauen sei wertvoll gewesen. Die meisten Freunde, mit denen sie sonst über unternehmerische Themen spricht, sind Männer. Der Konflikt habe sich mittlerweile im Guten gelöst – und das Lab viel dazu beigetragen.
Aus Erfahrung der anderen gelernt
Auch Despina Ioannidou hat sich beim ersten Treffen des Female Leadership Labs Feedback zu einem Problem geben lassen, und auch ihr hat die kollegiale Fallberatung geholfen, den Konflikt mit einem Mitarbeitenden zu bewältigen. Die Atmosphäre in ihrem Team habe sich deutlich verbessert. Überhaupt profitiere sie vom Austausch mit anderen Führungsfrauen – das war der Hauptgrund, warum sie sich beteiligt. Ioannidou hat nach langer Zeit beim Pharmariesen Pfizer vor zwei Jahren eine Führungsposition beim Medizinproduktehersteller Nemera in Neuenburg übernommen. „Als Vorgesetzte habe ich eine neue Rolle. Alle schauen auf mich. Ich muss souverän und fair auftreten, gleichzeitig authentisch bleiben.“

„Frauen neigen zu Überverantwortung, fühlen sich für alles zuständig und übernehmen zu viele Aufgaben.“
Despina Ioannidou ist seit 2024 Gruppenleiterin Qualitäts Compliance am südbadischen Standort des französischen Medizinprodukteherstellers Nemera, der in Neuenburg rund 630 Mitarbeitende beschäftigt. Zuvor hat die gebürtige Griechin, die zum Studium nach Deutschland kam, viele Jahre für Pfizer in Freiburg gearbeitet.
Ioannidou gefällt die vertrauensvolle Atmosphäre beim Female Leadership Lab. Es sei ein Geben und Nehmen, sie schätzt die fachlichen Inputs der beiden Initiatorinnen und den Austausch mit den Teilnehmerinnen. „Ich lerne aus der Erfahrung der anderen. Ich kenne die geschilderten Situationen, bin in dem Moment aber Beobachterin, nicht direkt betroffen und kann so den Fall besser bewerten.“ Im Unternehmen habe sie bereits einige der neuen Impulse umgesetzt, hat etwa einen Team-Tag veranstaltet und dabei „Dinge erfahren, die ich gar nicht auf dem Schirm hatte, beispielsweise wie wichtig Humor ist.“ Sie weiß auch, dass Frauen – beruflich wie privat – zu Überverantwortung neigen, sich für alles zuständig fühlen und zu viele Aufgaben übernehmen, während Männer ihren Verantwortungsbereich strikter eingrenzen. Daran will sie künftig arbeiten.
Unterschiedliche Perspektiven erlebt
Ähnlich wie bei Alma Spribille interessierte sich auch Carola Hoffmann nicht zuvorderst für den Teil Female beim Leadership Lab, ihr ging es eher um den Austausch mit Gleichgesinnten aus anderen Branchen und Funktionen. Hoffmann arbeitet seit vielen Jahren im Personalbereich, lange beim Medizintechnikhersteller Stryker und seit Anfang 2024 als Personalchefin des Freiburger Elektrogroßhändlers und Technologiedienstleisters Alexander-Bürkle. Führungs- und Transformationsthemen sind deshalb nicht neu für sie. „Ich finde die unterschiedlichen Perspektiven spannend.“ Die erlebt sie seit ihrem Wechsel vom US-Konzern zum badischen Familienunternehmen selbst. Der Austausch mit anderen weiblichen Führungskräften hat eine höhere Relevanz erhalten, weil Hoffmann jetzt weniger Peers auf ihrem Führungslevel im Unternehmen hat.

„Durch Beispiele in der Praxis erreicht man am meisten.“
Carola Hoffmann (49) leitet seit Anfang 2024 die Personalabteilung der Alexander-Bürkle-Gruppe. Zuvor hat die Kauffrau und Volkswirtin, die bei Gödecke in Freiburg gelernt und in Maastricht studiert hat, viele Jahre an vielen Standorten des US-Medizintechnikkonzerns Stryker gearbeitet.
So nimmt sie aus dem Leadership Lab den Ansporn mit, Mitarbeiterinnen noch gezielter in ihrer Entwicklung zu unterstützen und ihnen Karrieremöglichkeiten aufzuzeigen. Wichtig ist ihr, Erfolge sichtbar zu machen und das Verständnis für die eigene Wirksamkeit zu entwickeln. Aus eigener Erfahrung weiß sie: „Durch Beispiele in der Praxis erreicht man am meisten.“ Daher sendet sie Impulse in ihr eigenes Team, wie auch in die gesamte Organisation, hat beispielsweise eine werdende Mutter motiviert, nach der Babypause in ihre verantwortungsvolle Position zurückzukehren. Auf diesem Weg gibt es mitunter strukturelle Hindernisse, die Carola Hoffmann selbst erlebt: die unzuverlässige Kinderbetreuung ihrer jüngsten Tochter.
Disclaimer: Die Autorin hat als Chefredakteurin von Netzwerk Südbaden an zwei Treffen des Female Leadership Labs teilgenommen.