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Käpsele Innovation Festival: Alte, neue und künstliche Intelligenz

  • 12. August 2026
Käpsele
Blick in die Zukunft. Das Käpsele Innovation Festival lockte in diesem Jahr so viele Besuchende wie noch nie.
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Das Käpsele Innovation Festival wächst weiter. Zur dritten Ausgabe unter dem Motto „Zukunft braucht Zündstoff“ kamen in diesem Jahr knapp 2000 Menschen aus Wissenschaft, Wirtschaft, Industrie, Verbänden und Start-ups zusammen. Ein Eindruck eines vollen Tages.

Text: Julia Donáth-Kneer • Fotos: Nils Theurer

Mit Raphael Gielgen kann man kaum mithalten. Der Vitra-Trendscout bereist die Welt und kehrt zurück mit einem riesigen Erfahrungsschatz, den er dann unter anderem als Speaker weitergibt. Sein Input sei ein Wissenskondensat – „ein Momentum, damit die Menschen wuschig werden.“ In seiner Eröffnungsrede beim diesjährigen Käpsele Innovation Festival in der Freiburger Messehalle beschreibt Gielgen die aktuelle Zeit als Phase der Konvergenz: Technologische Entwicklungen passierten alle gleichzeitig und in immer höherem Tempo. Wie damit umgehen? Bei Vitra heiße die Lösung „Beta-Mindset“ und ist die Abkehr vom Perfektionismus hin zu einer Kultur des kontinuierlichen Lernens und Experimentierens. Beta sei ein Ansatz, der die Arbeitsweise und die Räume, in denen gearbeitet wird, neu denkt und auf diese Weise Organisationen hilft, effektiv auf Veränderungen zu reagieren und Teams neugierig zu halten.

Gielgens Vortrag hallt an diesem Tag lange nach. Mehrere der folgenden Referierenden beziehen sich auf den Vordenker. Und das sind viele, denn auch beim Käpsele Innovation Festival passiert alles gleichzeitig. Neben der Hauptbühne sind in der kühlen, weil klimatisierten Messehalle drei weitere Bühnen abgeteilt, während draußen in der Juli-Hitze eine weitere insbesondere Start-up-Themen Raum gibt. Zusätzlich haben insgesamt mehr als 40 Firmen, Hochschulen und Start-ups sogenannte Erlebnisstationen aufgebaut, an denen Interessierte autonomes Fahren, roboter-assistierte Operationen, VR-Brillen oder KI-generierte Selfies ausprobieren können.

Gielgen
Raphael Gielgen, Trendscout bei Vitra, auf der Hauptbühne. Diese ist rund geplant und daher für viele gewöhnungsbedürftig: Der Sprechende dreht immer irgendwem den Rücken zu.

Bei den erstmals auf zwei Tage ausgeweiteten Masterclasses, von denen die zweite Runde am Folgetag in der Lokhalle am Güterbahnhof stattfindet, bieten große Unternehmen wie Hekatron, Haufe oder Sick ebenso wie junge Firmen, aber auch Behörden, Vereine oder Hochschulen Einblicke in neue Technologien und erfolgreiche Innovationsprozesse. Das Konzept: 45 Minuten Praxiswissen in kleiner Runde. Und beim Landesfinale des Start-up BW Elevator Pitch präsentieren die besten Gründerinnen und Gründer Baden-Württembergs ihre Geschäftsideen und können direkt Kontakte zu Unternehmen sowie zu Investorinnen und Investoren knüpfen.

„Unternehmen zu führen ist kein basisdemokratischer Prozess, es ist aber auch kein Gefängnis. Es müssen nicht alle mitkommen.“ Joe Kaeser, Ex-Siemens-Chef

Den ersten Platz sichert sich das Heidelberger Start-up Linq Photonics mit einer innovativen Lösung für die Lichtsteuerung in Quantencomputern, der dritte Platz geht an das Freiburger Start-up Gyva, die eine KI-gestützte Reparaturplattform entwickelt haben, mit der sich Hersteller von Haushaltsgeräten mit Servicepartnern und Kunden intelligent vernetzen können. Auch beim Digital Hub Südbaden ist die Freude groß. Das Projekt von bwcon, Badencampus und Machn unterstützt Unternehmen am südlichen Oberrhein bei der digitalen Transformation und erhält einen Förderbescheid in Höhe von knapp 500.000 Euro, der von Staatssekretär Thomas Dörflinger überreicht wird.

Technologische Souveränität als Faustpfand

Womit wir wieder bei der Konvergenz wären. Denn all das geschieht gleichzeitig. Während der Staatsekretär durch die Messehalle geführt wird und draußen die Start-ups pitchen, wird es an der Hauptbühne immer voller. Grund ist ein Highlight-Panel mit Birte Hackenjos, CEO der Haufe Group, der renommierten Tech-Entrepreunerin und Autorin Aya Jaff sowie Joe Kaeser, Ex-Siemens-Chef und nun Aufsichtsratsvorsitzender von Siemens Energy und Daimler Truck. Die Journalistin Silke Beikert moderiert die Runde zum Thema „Gamechanger Transformation: Wie Europas Unternehmen wieder Fahrt aufnehmen“. Für Joe Kaeser sei es eines der ersten Male, dass er allein unter Frauen auf einem Podium sitzt, verrät er unserem Fotografen.

Joe Kaeser
Aya Jaff

Der ehemalige Siemens-Manager hat zuvor bereits eine Solo-Keynote gegeben. Darin sprach er über die Siemens-Krise im Jahr 2013, den folgenden Wandel, die Aufgaben einer konsequenten Führung und über den Mut, Entscheidungen zu treffen. Nicht alle müssten jede Veränderung mittragen, sagt er: „Unternehmen zu führen ist kein basisdemokratischer Prozess, es ist aber auch kein Gefängnis. Es müssen nicht alle mitkommen.“ Im Gespräch mit den Unternehmerinnen ergänzt dann Haufe-Group-Chefin Birte Hackenjos, dass Transformation ohnehin nie abgeschlossen sei. Erfolgreiche Unternehmen seien jene, die vorangehen und Veränderungen als Daueraufgabe verstehen. Unaufgeregte, langfristig orientierte Führung sei dabei oft wirkungsvoller als spektakuläre Einzelmaßnahmen. Aya Jaff warnt davor, sich im Technologiebereich dauerhaft von den USA abhängig zu machen. Es fließe viel zu viel Geld in die KI-Bubble. Während amerikanische Start-ups häufig auf Monopolstellungen setzten, müsse Europa eigene Stärken entwickeln, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Die wichtigsten Faktoren dafür seien Open-Source-Lösungen sowie digitale und wirtschaftliche Souveränität. Ansonsten werde die Gesellschaft die Kosten tragen, die ein Platzen der aktuellen KI-Blase verursachen könnte. Joe Kaeser stimmt Jaffs Worten zu und spricht von globalen Krisengewinnern: „Von 900 Unternehmen werden 850 verschwunden sein, aber die übrigen 50 haben das Potenzial, die Welt zu verändern“. Entscheidend sei, die Infrastruktur für diese Entwicklung bereitzustellen. Er warnt vor denselben Fehlern, die die Automobilindustrie hierzulande momentan ausbadet. Sie sei schlicht nicht mutig genug gewesen. Die Angst vor Veränderungen sei lähmend und eine der größten Gefahren.

„Schaut nach Deutschland: Ihr habt eure große Autoindustrie erledigt, weil ihr zu wenig Mut hattet.“ Hansjörg Fankhauser, CEO Fankhauser AG

Ähnliches sagt auch Hansjörg Fankhauser aus Arlesheim in der Schweiz. Der Architekt ist mit der Fankhauser AG insbesondere auf die Entwicklung von ganzen Arealen und Quartieren spezialisiert. „Die teuerste Entscheidung ist das Nichtstun“ heißt der Impulsvortrag, in dem der Schweizer aufzeigt, wo Kapital hinmuss, wo Unsicherheiten groß sind, das Potenzial aber stark. Es geht um Risiko als Strategie und um den Weitblick, Märkte zu finanzieren, bevor sie sichtbar werden. „Ins Unbekannte zu investieren, kostet Geld“, sagt er. „Aber schaut nach Deutschland: Ihr habt eure große Autoindustrie erledigt, weil ihr zu wenig Mut hattet.“

Resilienz und Rüstung

Rafaela Kraus, Universität der Bundeswehr München, spricht über die Besonderheiten des Defense-Markts.

Insgesamt scheint das Käpsele Festival vielfältiger geworden zu sein. Neben den klassischen KI- und Digitalthemen findet auch anderes Platz. Etwa das Thema Rüstung und Verteidigung. Im Sicherheitsbereich wachse der Markt, erklärt Rafaela Kraus, Professorin an der Universität der Bundeswehr München, und die Geldfrage sei erstmal geklärt. Jedoch sei es vor allem für junge Unternehmen eine große Herausforderung, darin Fuß zu fassen. „Der Markt mag keine neuen Spieler“, sagt sie. Im Defense-Bereich gehe es vor allem darum, Vertrauen zu verkaufen, was für Start-ups, die sich erstmal etablieren müssen, naturgemäß schwierig ist. Einer, der es geschafft hat, ist Markus Bierdle von Constellr. Das Freiburger Start-up, eine Ausgründung aus dem Fraunhofer-Institut EMI, brachte im vergangenen Jahr zwei Satelliten ins All, die die Erde mit Infrarotsensoren erfassen. Die dadurch entstehenden Wärmebilder werden derzeit von vielen Kunden genutzt, darunter sind Unternehmen aus der Agrarchemie oder der Lebensmittelherstellung, aber auch Raumfahrtagenturen und das Militär. Beim Podiumgespräch betont Bierdle, dass technologische Exzellenz allein nicht ausreiche, um am Markt zu bestehen. Und Daniel Hiller vom Fraunhofer-Institut EMI hebt hervor, dass Unsicherheit inzwischen zur Normalität geworden ist. Unternehmen müssten deshalb Resilienz entwickeln, statt sich ausschließlich auf klassisches Risikomanagement zu verlassen.


Zuhören, mitmachen, ausprobieren. Bei den Masterclasses, auf den Bühnen und im Ausstellungsbereich gab es jede Menge zu tun.

Um Resilienz im weiteren Sinne geht es auch bei dem sehr gut besuchten Podium zum Thema Nachfolge. Bonita Grupp, Tochter von Wolfgang Grupp, leitet seit zwei Jahren gemeinsam mit ihrem Bruder Wolfgang Grupp jr. den Textilhersteller Trigema in vierter Generation. Sie spricht über ihre Kindheit in der Firma, die Übernahme des Familienunternehmens und die Herausforderungen im Mittelstand, was moderne Themen wie Social Media angeht. Wie man als Nachfolger ein bestehendes Team führen kann, davon erzählen auch Philipp Steiert und Dennis Vonderstraß, die den Handwerksbetrieb Steiert von Philipp Steierts Vater mit 8 Mitarbeitenden übernommen und binnen drei Jahren auf 80 Angestellte vergrößert haben. Und Jochen Kopitze von Aepikur berichtet von seinem Weg als externer Inhaber und Geschäftsführer der Philipp Kirsch GmbH aus Willstätt, einem weltweit agierenden Hersteller professioneller Kühl- und Gefrierschränke für das Gesundheitswesen und Labore.

KI-Standort Südwest

Während drinnen die Käpseles konferieren, wird es draußen laut. Ein paar Dutzend Menschen demonstrieren gegen die Beteiligung von Peter Thiels Unternehmen Palantir am Festival. Ein Vertreter des US-Konzerns ist als Panel-Teilnehmer eingeladen. „Palantirs Führung steht für ein weltanschaulich hoch aufgeladenes, demokratiefeindliches, militaristisches und quasi-faschistoides Staats-, Technologie- und Menschenbild“, hieß es unter anderem in einem offenen Brief des Freiburger Chaos Computer Clubs im Vorfeld. „Wenn ein von zwei öffentlichen Körperschaften (IHK und die städtische Tochter FWTM, Anm. d. Red.) veranstaltetes ,Innovations-Festival‘ derart hoch polarisierende Akteure einlädt, muss es auch die Kontroverse sichtbar machen und für eine ausgewogene Besetzung von Podien sorgen“, so die Kritik weiter. Ein FWTM-Sprecher teilt dazu mit: „Das Panel verfolgt das Ziel, Einblicke in die unterschiedlichen Perspektiven mehrerer Marktakteure zu geben. Es ist Teil eines umfangreichen Programms, das unterschiedliche Sichtweisen auf Technologie aufgreift.“ Auflösen lässt sich dieser Konflikt an diesem Tag nicht. Die Demonstrierenden begrüßen die Gäste, die die Messehallen verlassen, mit Fahnen, Plakaten und Flugblättern.

Robin Rombach
Robin Rombach, CEO Black Forest Labs, im Gespräch mit Larissa Holzki (Handeslblatt). Foto: PR

Das umstrittene Panel ist indes gar nicht so gut besucht, denn zeitgleich wartet auf der Hauptbühne ein Highlight, das deutlich mehr Gäste interessiert: ein seltenes Interview mit Robin Rombach, Gründer des mit 3,25 Milliarden US-Dollar bewerteten Freiburger KI-Start-ups Black Forest Labs. Der als pressescheu bekannte Unternehmer zeigt sich im Gespräch mit Handelsblatt-Redakteurin Larissa Holzki erstaunlich zugänglich. Er spricht darüber, weshalb er Physik statt Musik studierte, warum er für seine Eltern vielleicht doch noch seinen Doktortitel nachholen wird und wie er seinen Alltag als Unternehmer strukturiert. Er erzählt, weswegen er von KI-generierten Bildern fasziniert ist und wie es ihm und seinem Team gelungen ist, einen Algorithmus zu entwickeln, der zu den leistungsfähigsten der Welt zählt.

„Mir liegt schon sehr viel daran, es hier zu tun, in Europa.“ – Robin Rombach, CEO Black Forest Labs

Trotz der Milliardenbewertung und diverser lukrativer Übernahmeangebote will Black Forest Labs bewusst in Europa weiterwachsen. „Für uns ist es supererfüllend, dass wir das aus Freiburg machen können“, sagt er. Er sehe es als einmalige Chance, eine sehr grundlegende Technologie mitzugestalten. Wer sich das auch vorstellen kann, sei willkommen: „Wir stellen gerne ein.“ Und weiter: „Mir liegt schon sehr viel daran, es hier zu tun, in Europa. Die Lust, es selbst zu machen, hat uns immer angetrieben.“ Rombach hat bereits mit Tesla-Chef Elon Musk und dem Filmregisseur Martin Scorsese zusammengearbeitet. Letzterer nutze die Technologie, um Filmszenen zu visualisieren oder neue Storyboards zu erstellen, berichtet der KI-Pionier. Es ist die Welt, in der er und seine Kollegen sich inzwischen bewegen: zwischen Tech-Giganten und Hollywoodgrößen. Dennoch – oder vielleicht deswegen – ist ihm eines ganz wichtig: Er teilt die Meinung nicht, dass Deutschland und Europa in Sachen künstliche Intelligenz abgehängt sind: „Wir können KI auch hier sehr gut.“

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