Er ist die wichtigste Architekturauszeichnung im Land. Alle drei Jahre vergibt der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten in Baden-Württemberg den Hugo-Häring-Preis für vorbildliche Bauwerke. Wie deren Auswahl vonstattengeht, konnte NWS-Chefredakteurin Kathrin Ermert dieses Mal unmittelbar erleben: als Mitglied der Jury.
Text: Kathrin Ermert
Der Tag war lang, und wir sind hungrig. Es ist fast halb elf, als wir bei Pizza und Bier unsere Rundfahrt beenden. Rund 200 Kilometer und etliche Höhenmeter haben wir an diesem sonnig-warmen Julitag abgefahren, haben seit morgens um neun 18 Gebäude besucht. Stundenlang waren wir in Freiburg, im Schwarzwald und im Markgräflerland unterwegs. Komfortabel immerhin in einem klimatisierten Siebensitzer samt Chauffeur. Warum haben wir das getan? Um möglichst viele der Bauwerke in echt zu begutachten, die sich dieses Jahr für den renommierten Architekturpreis beworben haben. Er ist nach dem Biberacher Architekten Hugo Häring (1882-1952) benannt, der als einer der Initiatoren des Neuen Bauens gilt, und wird seit 1969 vom Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) in Baden-Württemberg verliehen.
Drei Fachleute, zwei Laien
Und wer sind wir? Die Jury besteht aus fünf Mitgliedern – drei Fachleuten und zwei Laien. Eine davon bin ich: Kathrin Ermert, 54 Jahre alt, seit vier Jahren Chefredakteurin dieser Zeitschrift und somit Vertreterin der Medien. Der andere Laie ist Christian Ante (48), Landrat des Kreises Breisgau-Hochschwarzwald und damit eine „Persönlichkeit des öffentlichen oder politischen Lebens in der Region“ – so will es die BDA-Satzung. Ante stammt aus Singen, hat in Kehl Verwaltungswirtschaft studiert und war von 2009 bis 2024 Bürgermeister von Merzhausen. Die Fachleute müssen aus anderen Kreisgruppen oder Landesverbänden kommen und selbst BDA-Mitglied sein. Das sind Architekturbüros, anders als in der Architektenkammer, nicht automatisch, was daran liegt, dass man nicht einfach in den BDA eintreten kann, sondern berufen werden muss. Der Anlass dafür ist oft eine Hugo-Häring-Auszeichnung.
Lisa Häberle, die 2023 zusammen mit Valerio Calavetta in Karlsruhe das kollaborative Architekturbüro Studio Sozia gegründet hat, ist seit 2024 BDA-Mitglied. Ihr Büro hat für das flexible Büro- und Wohngebäude „TINA“ 2023 eine Hugo-Häring-Auszeichnung auf Kreisebene und 2024 den Hugo-Häring-Landespreis erhalten. Mit 33 Jahren ist Lisa Häberle die Jüngste in der Jury, Robert „Bob“ Piotrowski mit 63 Jahren der Älteste. Der gebürtige Amerikaner lebt und arbeitet seit 26 Jahren in Deutschland und führt gemeinsam mit seiner Frau Dea Ecker ein Architekturbüro in Heidelberg. Ecker Architekten setzt den Schwerpunkt auf öffentliche Bauten, wurde 2007 in den BDA berufen und viele Male mit dem Hugo-Häring-Preis ausgezeichnet.

Der dritte Experte ist Matthias Tebbert. Der 54-Jährige betreibt seit 2006 das interdisziplinäre Gestaltungsbüro „zwo/elf“ in Karlsruhe, das seit 2016 BDA-Mitglied ist und ebenfalls mehrere Hugo-Häring-Auszeichnungen erhalten hat. Und dann ist noch Fee Möhrle mit von der Partie. Die Freiburger Architektin führt gemeinsam mit Tobias Reinhardt das Büro „Mo Re“ und ist stellvertretende Vorsitzende der BDA-Kreisgruppe Freiburg-Breisgau-Hochschwarzwald. In dieser Funktion hat sie das Auswahlverfahren komplett organisiert und die Jury charmant-fürsorglich begleitet – von der Terminvereinbarung, über die Verteilung der Materialien bis zur Verpflegung während der Tour. Fee – der Name ist Programm.
Anderthalb Tage ehrenamtlich
Die erste Runde des Hugo-Häring-Preisverfahrens findet immer auf Kreisebene statt. Die Projekte, die hier ausgezeichnet werden, qualifizieren sich für den Landespreis im Folgejahr und die Landessieger dann wiederum für den BDA-Architekturpreis „Nike“. In der Stadt Freiburg und dem Kreis Breisgau-Hochschwarzwald hatten dieses Jahr 44 Architekturbüros Projekte eingereicht. Aus denen musste die Jury diejenigen aussuchen, die es verdienen, als vorbildliche Bauwerke ausgezeichnet zu werden, die einen Beitrag zur Entwicklung des Bauens leisten. Dafür steht der Hugo-Häring-Preis.
Anderthalb Tage haben wir Jurymitglieder dafür freigeschaufelt – alle ehrenamtlich. An einem heißen Freitagnachmittag Mitte Juli treffen wir uns zunächst online. Wir wollen und müssen eine Vorauswahl treffen, denn es ist unmöglich, alle 44 Gebäude vor Ort zu begutachten. Jurys in anderen Kreisen treffen sich zwei Tage und schauen sich am ersten Tag die Projekte gemeinsam auf Papier an, um zu selektionieren. Wir probieren eine alternative Variante, die das neue Webportal des BDA ermöglicht. Hier finden wir Bilder, Pläne und Beschreibungen der Bauten, die wir während unserer fünfstündigen Videokonferenz zusammen durchgehen. Schnell merkt man die Unterschiede zwischen Fachleuten und Laien: Erstere klicken zunächst auf Grundrisse, Lagepläne und Querschnitte, während ich als Journalistin lieber Fotos und Texte anschaue. Wir brauchen mehrere Runden, um die Zahl zu reduzieren – zu groß ist die Sorge, vorschnell zu urteilen. Am Ende sind 18 Projekte übrig, und die gute Fee stellt einen Routenplan zusammen.
Zwei Wochen später sehen wir uns und die Objekte persönlich. Um 9 Uhr gibt es Kaffee beim BDA-Kreisvorsitzenden Wolfgang Borgards in seinem Büro K9 am Freiburger Karlsplatz. Er hält sich dieses Mal aus der Jury raus, weil K9 selbst Projekte eingereicht hat. Dann beginnt der Besichtigungsmarathon. Zu zwei Gebäuden in der Altstadt laufen wir zu Fuß. Am Augustinerplatz sammelt uns der Tourbus ein und fährt uns zu den 16 weiteren Projekten. Wir hatten geplant, noch zwei bis vier Stopps von unserer Tour zu streichen, sind am Ende aber froh, dass wir es nicht taten. Einer der Wackelkandidaten erhält die Auszeichnung, andere hatten uns in der Theorie besser gefallen als in der Praxis. Meine Unsicherheit, eine falsche Vorauswahl getroffen zu haben, verschwindet nicht ganz.
An fast allen Stationen empfangen uns die Bauleute oder die Architektinnen und Architekten, oft auch beide. Wir haben nicht viel Zeit, unser Tag ist ja getaktet. Die Besuche sind kurz, aber konzentriert. So schaffen wir es, in den jeweils etwa zwanzig Minuten viel über das jeweilige Bauvorhaben zu erfahren. Auch hier unterscheidet sich wieder der fachliche vom Laienblick – ein ums andere Mal lassen sich der Landrat und ich auf der Weiterfahrt noch Details erklären. Überhaupt wird der Van mehr und mehr zum Konferenzraum. Wir gönnen uns keine Pause, nutzen die Fahrzeiten, um über die Gebäude zu sprechen, manchmal auch zu diskutieren und schließlich Entscheidungen zu treffen. Nicht alle einstimmig. Einmal setzen sich die Fachleute gegen die Laien durch, einmal die Frauen gegen die Männer.
Elf der achtzehn Gebäude zeichnen wir am Ende des langen Tages aus. Neubauten und Sanierungen, Privat- und Mehrfamilienhäuser, mehrere Schulen, ein Museum, ein Gericht, ein Gewerbebau und sogar einen Pavillon. Sie überzeugen uns mit ihrer Funktion, Form und Struktur, wie sie sich in ihre Umgebung einfügen, welche Antwort sie auf das Thema Nachhaltigkeit und die Frage nach der Zukunft des Bauens geben. Das ist gelungene Architektur. Herzlichen Glückwunsch.











Die ausgezeichneten Bauwerke (von links oben):
Holzpavillon im Gewerbepark Eschbach
Bauherrschaft: Zweckverband Gewerbepark Breisgau ⁄ Architekturbüro: Technau Architekten BDA
Neubau St. Ursula Schulen, Freiburg
Bauherrschaft: Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg ⁄
Architekturbüro: SWS Architekten – Strolz Weisenburger Scheidel
Staudinger Gesamtschule, Freiburg
Bauherrschaft: Stadt Freiburg ⁄ Architekturbüro: Sacker Architekten
Neubau Amtsgericht, Freiburg
Bauherrschaft: Land Baden-Württemberg, vertreten durch Vermögen und Bau
Baden-Württemberg, Amt Freiburg ⁄ Architekturbüro: Auer Weber
Quartier 5, Müllheim
Bauherrschaft: Bundesanstalt für Immobilienaufgaben(BImA), vertreten
durch Bundesbau Baden- Württemberg, Staatliches Hochbauamt Freiburg ⁄
Architekturbüro: MBPK Architekten | AG Freiraum
Umbau Mehrfamilienhaus am Sternwald, Freiburg
Bauherrschaft: Privat ⁄ Architekturbüro: Justies Architekten BDA
Kollegiengebäude 1, Pädagogische Hochschule, Freiburg
Bauherrschaft: Pädagogische Hochschule Freiburg, vertreten durch Vermögen und
Bau Baden-Württemberg, Amt Freiburg ⁄ Architekturbüro: Birk Heilmeyer und Frenzel
Architekten
Erweiterung Kreisgymnasium, Neuenburg
Bauherrschaft: Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald ⁄ Architekturbüro:
Fuchs-Maucher-Architekten BDA
Betriebserweiterung Becherer Möbelwerkstätten, Elzach
Bauherrschaft: Becherer Möbelwerkstätten-Innenausbau ⁄ Architekturbüro:
Justies Architekten BDA
Augustinermuseum, Sanierung BA3, Konventgebäude, Freiburg
Bauherrschaft: Stadt Freiburg, Immobilienmanagement ⁄ Architekturbüro: Habammer
Leiber Architekten
Schellisvier, Löffingen-Göschweiler
Bauherrschaft: Tanja Raufer, Lukas Gäbele ⁄ Architekturbüro: Gäbele
& Faufer Architekten BDA