Die Stadt Breisach ist eng mit dem Rhein und dadurch mit dem Elsass verknüpft. Derzeit entsteht ein deutsch-französisches Kulturzentrum. Zudem ist die Hoffnung groß, dass in den kommenden Jahren wieder eine Eisenbahnbrücke die beiden Länder verbindet.
VON DANIEL RUDA
Am Rhein. Auf den Zusatz, wo die Stadt Breisach genau liegt, wird bei der Namensgebung Wert gelegt, ähnlich wie das ein paar Kilometer weiter auch in Neuenburg oder Weil der Fall ist. Breisach am Rhein also. Das ist hier mehr Selbstverständnis als schlichte Ortsangabe, wenn es um die offizielle Kommunikation geht. „Ohne diesen Fluss als Handelsstraße hätte sich Breisach nie so entwickelt“, sagt Oliver Rein, der Bürgermeister.
Auf die Bedeutung des Rheins für die Stadt angesprochen, fließen die Sätze. „Fulminant wichtig“ sei der, „sowohl was die Identität als auch was die Wirtschaft in der Stadt angeht“. Sei es wegen des Tourismus durch den Hafen – 1200 Flusskreuzfahrtschiffe legten beispielsweise zuletzt in einem Jahr hier an und machten aus den insgesamt zigtausenden Passagieren Tagestouristen für die Stadt. Auch die mit dem Rhein zusammenhängende Kieswirtschaft ist ein wichtiger Industriefaktor für das Mittelzentrum, und überhaupt: Ohne den Rhein hätte die 16.000-Einwohner-Stadt den Status als Mittelzentrum gar nicht.
Bestimmt drei Mal pro Woche überquere er die Brücke, die die Stadt mit dem Elsass verbinde, sagt der 48-Jährige. „Normalerweise, durch Corona ist das natürlich zuletzt weniger geworden“, dass die Grenze wochenlang quasi komplett dicht war, ist in keiner guten Erinnerung geblieben.
Seit 14 Jahren ist Rein im Amt. Der CDU-ler ist der Typ Bürgermeister, der die Öffentlichkeitsarbeit größtenteils selbst übernimmt. Diese und jene Angelegenheit sei „Chefsache“ heißt es dann, wenn man im Rathaus anfragt. Mit dem deutschfranzösischen Kultur- und Tourismuszentrum gehört da auch eine Sache dazu, die in diesem bizarren Jahr der Pandemie für Optimismus sorgt. Ein Ort, der die deutsch-französische Nachbarschaft und Zusammenarbeit befruchten soll.

Die Bauarbeiten sind seit über einem Jahr im Gang. Im Herbst 2021 soll es auf der Rheininsel, die zwischen Breisach und dem französischen Vogelgrun liegt, eröffnet werden. Das Projekt hat eine lange Vorlaufzeit, schon in den Neunzigern wurde über solch eine Idee gesprochen, vor zehn Jahren dann wurde es etwas konkreter und seither langsam entwickelt. Zwischen acht und zehn Millionen Euro wird es am Ende kosten, der Großteil finanziert von französischer Seite. Der Gemeindeverband Communauté de communes Pays Rhin Brisach mit seinen 29 Mitgliedern etwa zahlt drei Millionen Euro, die Region Grand Est 1,6 Millionen und aus dem europäischen Interreg-Programm kommen zwei Millionen. Breisach beteiligt sich mit 675.000 Euro und übernimmt einen Teil der Betriebskosten.
Das wunderbar modern und offen designte dreigeschossige Gebäude haben die beiden Architekten Hugues Klein aus Mulhouse und Michael Gies aus Freiburg entworfen. Das Duo hatte sich im Architektur-Wettbewerb vor fünf Jahren gegen mehr als 120 Konkurrenten den Auftrag für das Prestige- Objekt gesichert.
Die ArtRhena, so der zusammengepuzzelte Name, bekommt eine Haupthalle mit Bühne und Platz für 400 Gäste, in dem ein regelmäßiges grenzüberschreitendes Kulturprogramm geboten werden soll. „Ich stelle mir das ArtRhena als einen Ort vor, an dem sich Menschen treffen und etwas teilen“, sagt der künftige künstlerische Leiter Jeremy Goltzene und spricht ebenfalls vom grenzüberschreitenden Potenzial durch zweisprachige Theateroder Musikabende. „Offenheit und ein gutes Zusammenleben zu fördern“, habe er sich vorgenommen.

Zwei feste Vorführungen pro Monat sind geplant. „Eine für Erwachsene und eine für Kinder“, sagt der 31-Jährige Elsässer, der im September die Stelle antritt. Hoch- oder Popkultur darf man in der ArtRhena demzufolge wohl nicht erwarten. Es klingt eher nach Laienspielgruppen und Spielmannszügen, mehr nach SWR4 denn Arte. „Kunst soll atmen“, sagt Breisachs Bürgermeister Oliver Rein. Dafür muss ihr aber auch Luft (lesen Sie: Budget) zugeführt werden.
Die ArtRhena ist auch – oder vor allem – als eine Art Stadtund Mehrzweckhalle für Veranstaltungen der beteiligten Kommunen oder von externen Mietern konzipiert. Auf dem großen Vorplatz können Feste veranstaltet werden und die Terrasse bietet einen schönen Rundumblick auf Breisach und das Elsass. Dazu kommt Infobest hier unter, die Tourismus- Beratungsstelle der Grenzregion.
„Für mich ist dieses Projekt der erste Stein, der ins Wasser geworfen wird, und dann entsprechende Wellen schlagen wird“, umschreibt Oliver Rein den Effekt, den er sich von diesem französisch-deutschen Bau erhofft. Damit meint er einerseits schlicht eine Fußgänger- und Fahrradbrücke, die es hier noch braucht, und andererseits viel größere Dinge.
Der Wiederaufbau der Eisenbahnbrücke
Ein solches richtig großes Ding mit Breisach-Bezug findet sich sogar namentlich im Aachener Vertrag zur deutsch-französischen Zusammenarbeit wieder, den Angela Merkel und Emmanuel Macron Anfang 2019 unterzeichnet haben: Die Reaktivierung der rund 40 Kilometer langen Bahnlinie zwischen Freiburg und Colmar, für die eine neue Brücke über den Rhein bei Breisach gebaut werden muss. Sie ist im Vertrag eines von 15 vorrangigen Projekten, auch der Zukunftsprozess Fessenheim gehört dazu.
Das Bahnprojekt hat dabei eine große Symbolik, da die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Brücke die einzige ist, die zwischen Frankreich und Deutschland seither nicht wiederaufgebaut wurde.
Seit vielen Jahren setzen sich Akteure auf beiden Seiten des Rheins für dieses Anliegen ein, das zuletzt immer mehr an Dynamik gewonnen hat. Am Tag der endgültigen Abschaltung des Atomkraftwerks in Fessenheim unterzeichneten die politischen Vertreter die Verträge für die 3,5 Millionen Euro teure vertiefte Machbarkeitsstudie. Eine erste Studie hatte bereits ein großes Potenzial hinsichtlich der Fahrgastzahlen ausgemacht. In etwas mehr als zwei Jahren soll die neue Studie fertig sein und eine endgültige politische Entscheidung ermöglichen, ob man die Bahnstrecke haben will oder nicht. Die Rede ist von 300 Millionen Euro allein für die Infrastrukturkosten, die zwischen Deutschland, Frankreich und EU-Fördergeldern aufgeteilt werden müssen.
Gemeinsam mit dem laufenden Zukunftsprozess Fessenheim und der Reaktivierung der Bahnlinie könne man die „deutschfranzösischen Beziehungen, die in der Region schon sehr gut sind, auf eine vollkommen neue Ebene stellen“, sagt Oliver Rein. „Für mich lautet die Frage inzwischen nicht mehr, ob die Bahnstrecke kommt, sondern wann.“
Auch wenn sein Französisch „noch stark ausbaufähig“ sei, der Breisacher Bürgermeister ist geübt darin, groß zu denken und diese Gedanken auch nach außen zu tragen, wenn es um grenzüberschreitende Angelegenheiten geht. Über Zweckverbände solle man immer stärker zusammenarbeiten, um zum Beispiel Schulen und Krankenhäuser zusammenzulegen. „Ich träume auch von einem deutsch-französischen Stadtteil, das wäre was. Warum man nicht neue Wege gehen hier am Rhein?“