Während große Touristikunternehmen wie Lufthansa und Deutsche Bahn auf finanzielle Milliardenhilfen des Staates nach Corona zählen können, fürchten kleinere und mittelständische Unternehmen der Branche um ihre Existenz. Besonders Reisebusunternehmen haben in den vergangenen Monaten gelitten. Wie geht es für sie weiter?
VON ANNA-LENA GRÖNER
Am 23. Juni, mehr als drei Monate nach der Hiobsbotschaft Shutdown, kam für die südbadischen Busunternehmen endlich die gute Nachricht: Geld wird fließen. Das baden-württembergische Landeskabinett hat einen Rettungsschirm in Höhe von 40 Millionen Euro beschlossen – als erstes und bisher einziges Bundesland reagiert es damit auf die Bitten und Proteste der Branche.
Eigentlich hatte man schon im Juni mit dem Geld vom Land gerechnet, doch die 170 Millionen Euro Kredithilfen des Bundes, die von Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) am 17. Juni in Aussicht gestellt wurden, hatten große Verwirrung und die Frage „wer zahlt nun was“ statt schnelle Hilfe gestiftet. Seit Juli können in Baden-Württemberg die Anträge gestellt werden. Mit etwa 400 rechnet man, rund 2100 Reisebusse sind im Bundesland zugelassen. Gezahlt werden aus Landesmitteln bis zu 18.750 Euro, zweckgebunden pro Reisebus.
„Darüber freue ich mich und bin etwas erleichtert“, sagt Hans-Peter Christoph, Geschäftsführer der Freiburger Avanti Busreisen, schiebt jedoch gleich hinterher: „Der Rettungsschirm beseitigt aber immer noch nicht die eklatante Wettbewerbsverzerrung der verschiedenen Verkehrsträger: Das klimaschädlichste Verkehrsmittel, das Flugzeug, wird immer noch und gerade jetzt wieder massiv subventioniert und ist von der Kerosinsteuer befreit. Auch die Bahn erhält Milliardensubventionen und Steuervorteile, von denen wir als Betreiber des umweltfreundlichsten Verkehrsmittels nur träumen können.“

Stattdessen würde man mit ein paar „Milliönchen“ abgespeist. Der Verband Baden-Württembergischer Omnibusunternehmer e.V. (WBO) setzt sich für die Interessen der Reisebusbranche ein, organisierte in den vergangenen Wochen Demonstrationen, klärte auf und trat mit der Politik in Verhandlungen. Der WBO vertritt insgesamt 350 private, mittelständische und familiengeführte Unternehmen.
Im Regierungsbezirk Freiburg hat er 83 Mitgliedsunternehmen. „Als Verband können wir nur Schadensbegrenzung betreiben. Sicher ist: Das Geld muss jetzt so schnell und dabei so passgenau wie möglich fließen“, sagt WBO-Geschäftsführer Witgar Weber. Für viele bedeutet es das Aus. Drei Monate rollte kein Reisebus vom Hof. Auf der Avanti-Facebookseite fanden Gedankenanstelle von Fernreisen statt. Die fünf roten Busse, die sonst Ziele wie Norwegen, Russland oder Mailand ansteuern, wurden abgemeldet.
Verunsicherte Kunden
Die Reisen, für die das Unternehmen in Vorkasse gegangen ist, um beispielsweise Hotelaufenthalte zu buchen, wurden storniert und mussten erstattet werden. „Wir mussten somit Geld an die Kunden zurückzahlen, welches wir nicht hatten“, sagt der Avanti-Gründer. Zwar bekomme man von den Hotels Gutscheine, die man im nächsten Jahr einlösen kann, doch ob es das Hotel dann überhaupt noch geben wird, sei fraglich. Immerhin, Christophs Betrieb ist nicht von einer Insolvenz betroffen. Trotzdem spricht der Unternehmer von einer „dramatischen Situation“.
Alle seine 15 Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Zwar dürfen die Reisebusse seit dem 15. Juni wieder fahren, aber das Geschäft kommt nur langsam ins Rollen, schließlich müssen neue Reisen organisiert, strenge Hygieneauflagen umgesetzt und ausreichend Kundschaft mobilisiert werden. Seit Anfang Juli sind es vor allem Tages- und Städtereisen, die angeboten werden.
„Die Unsicherheit zu verreisen bleibt sicher noch lange in den Köpfen. Die Kunden müssen unser Vertrauen wiedergewinnen“, sagt Alfred Sedelmeier, Geschäftsführer der Rast Reisen GmbH. Die insgesamt 12 Reisebusse des Familienunternehmens werden sukzessive wieder angemeldet, je nachdem wie groß der Zuspruch ist. Der sei noch verhalten, sagt Sedelmeier.

Neben der allgemeinen Reiseangst würde zudem die Maskenpflicht in den Bussen viele Kunden abschrecken. Die Reiseanbieter unternehmen alles, um das Vertrauen ihrer Kunden zurückzugewinnen und das Reisen so angenehm wie möglich zu gestalten: so dürften die Unternehmen ihre Busse zwar vollbesetzen, doch sowohl bei Avanti als auch bei Rast Reisen geht man nicht auf die Vollbesetzung, sondern ermöglicht ausreichend Sitzabstand – fürs Sicherheitsgefühl und Beinfreiheit.
Langsam Fahrt aufnehmen Für das Familienunternehmen Rast aus Hartheim hatte das Jahr so gut begonnen, „wir hatten Anfang März ein Buchungsplus von 70 Prozent zum Vorjahr“, sagt der begeisterte Fernreisefahrer Alfred Sedelmeier. „Es wäre ein gigantisches Jahr geworden, stattdessen ging es für uns von 100 auf null.“ Die Ungerechtigkeit gegenüber den anderen Touristikunternehmen bringt auch ihn zum Kopfschütteln. Man wurde nicht gleichgestellt, sogar Flixbusse durften Ende Mai wieder an den Start gehen.
Eine Begründung habe es dafür nicht gegeben. Trotz des Einbruchs und der laufenden Kreditkosten hofft man bei Rast Reisen, am Ende des Jahres auf eine schwarze Null zu kommen. „Wir sind noch in einer recht guten Position, da wir auch Linienbusse haben“, sagt Sedelmeier. Dennoch geht der Geschäftsführer nicht davon aus, in diesem Jahr wieder alle 12 Reisebusse anzumelden.
Verlierer Fernreisen
Vor allem die Gruppenund Vereinsreisen, die stark in den Monaten September und Oktober gebucht würden, fallen weg. Feste und Hocks finden nicht statt, Vereinskassen sind leer. Im zweiten Halbjahr setzt daher auch die Rast Reisen GmbH auf Fahrten innerhalb Deutschlands, in die Schweiz oder nach Österreich. Fernreisen sind aktuell die großen Verlierer, auf die die Busunternehmen erst wieder im nächsten Jahr setzen. So plant Avanti im Juni 2021 mit seinen roten Reisebussen bis nach Wladiwostok zu rollen.
Rast-Geschäftsführer Alfred Sedelmeier freut sich vor allem auf die geplante Tour durch Nordchile und Peru kommenden Mai. „Das machen wir seit 20 Jahren, da sitze ich selbst am Steuer. Wie und ob es aber im nächsten Jahr tatsächlich läuft, wissen wir jetzt auch noch nicht.“ Die Reisebusunternehmer Hans-Peter Christoph und Alfred Sedelmeier versuchen trotz der erfahrenen Ungerechtigkeiten und aller Unsicherheiten zum Trotz ihren Optimismus zu bewahren – was bleibt ihnen auch übrig?
Immerhin: bei Avanti sollen die Reisen ab Herbst wieder nach Griechenland, Spanien und Portugal gehen. Rast Reisen möchte ab September unter anderem wieder Kroatien, Slowenien und Schottland ansteuern. „Trotzdem wird es lange dauern, bis es wieder ganz normal laufen kann“, sagt Christoph.