Immer mehr Menschen entdecken das Campen für sich und finden im Zelt, Wohnwagen oder Wohnmobil ihre Urlaubs-Idealbedingungen. Besonders in Zeiten der Pandemie ist dieses selbstständige Reisen gefragter denn je. Aber sind auch die Campingplätze der Region gerüstet?
VON ANNA-LENA GRÖNER
Naturerlebnis, Flexibilität und Abenteuer – das sind die großen Argumente für einen Campingurlaub. Die individuelle Anreise und ein fast autarkes Dasein spielen dieser Reiseform in unsicheren Zeiten zusätzlich in die Karten. Ebenfalls coronabedingt: durch die nicht absehbare Grenzsituation ändert sich das gewohnte Reiseziel. Statt mit dem halben Hausrat gen Atlantik oder Mittelmeer zu tuckern, steuern die Deutschen diesen Sommer vermehrt heimische Campingplätze an.
Das freut Umwelt, Geldbeutel, die regionale Wirtschaft und schont nebenbei auch die Nerven. 371 Campingplätze gibt es in ganz Baden-Württemberg, darunter auch beliebte Ziele in Südbaden. Wie der Fünf-Sterne Camping Münstertal. Ein Familienbetrieb in dritter Generation mit 330 Stellplätzen, umgeben von einem traumhaften Panorama: Blick auf den Belchen, inmitten einer satt grünen Hügellandschaft. Weniger romantisch geht es allerdings hinter den Kulissen zu.

Am Schreibtisch der jungen Geschäftsführerin Ellen Ortlieb stapeln sich Papierberge. Was sie und ihr Team in den letzten Wochen stemmen mussten, hat die Familie seit Eröffnung 1968 nicht erlebt. Während der Lockdown-Zeit sei ihr der Campingplatz wie ein Friedhof vorgekommen, „kein einziger Wagen, alles wie leergefegt“, sagt die 42-Jährige. Auf dem Platz unheimliche Stille, im Büro ein tosender Mailansturm. „Wir waren für Pfingsten ausgebucht, dann wurde wegen Corona viel storniert und diese Stornierungen mussten zügig ausgeglichen werden“, sagt Ellen Ortlieb.
Platz-Angst
Bis zu 300 Mails gingen täglich ein. Seit dem 18. Mai ist der Campingplatz wieder geöffnet, die Mailflut nimmt nur langsam ab. „So wie zu Beginn der Krise das Toilettenpapier gehortet wurde, so haben die Leute plötzlich überall Campingplätze angeschrieben, aus Angst, im Sommer keinen Platz mehr zu bekommen“, sagt Ortlieb. Ein Haufen Mehrarbeit für das Camping-Münstertal-Team. Zum einen, weil die Platz-Angst unbegründet war und am Ende nur einer, statt alle zehn angeschriebenen Campingplätze angesteuert werden kann.
Zum anderen „wahrscheinlich wegen der Grenzöffnungen.“ Doch lieber Dünen- und Meer- statt Tannen- und Bergkulisse. Der erwartete „Run“ spielt sich vor allem im administrativen Bereich ab. „Wir haben nicht mehr Besucher in diesen Zeiten, dafür ist alles mit viel mehr Aufwand verbunden“, sagt Ellen Ortlieb. Auch auf dem Campingplatz. Hier habe man immerhin den großen Vorteil, dass der Platz in 80 bis 120 Quadratmeter große Parzellen unterteilt ist und statt Gemeinschaftsräumen separate und getrennte Waschräume vorhanden sind. Vor allem die 53 Mietbäder seien gefragt, schon vor Corona.

Hier kann gleich das eigene Badezimmer zum Aufenthalt gebucht werden. Wer fünf Sterne bietet, muss liefern. Das Angebot beim Camping Münstertal erinnert daher an das einer großen Hotelanlage. Es gibt ein Hallenbad, ein Freibad, einen Reitstall, Wellnessangebote, einen Fitnessraum, eine eigene Physiotherapiepraxis sowie jede Menge Kinderund Erwachsenenprogramm.
Bis auf die Saunalandschaft ist alles geöffnet und geboten. Maskenpflicht gilt bei der Anreise und im campingeigenen Lebensmittelladen. Auch neu: die Campinggastronomie „Zur Bure Stube“ hat von halb zwölf bis 21 Uhr durchgehend warme Küche, damit sich alles ein bisschen besser verteilt. „Bei der Öffnung der Schwimmbäder, am 6. Juni, hatte ich etwas Bammel, wie es laufen wird“, sagt Ellen Ortlieb. „Ich bin positiv überrascht, wie gut es klappt und wie sich jeder an die Regeln hält.“ Nach 30-Minuten Badezeit ist Schluss und die nächsten dürfen ins Becken.
Eingeschränktes Kids-Programm
Von Badezeiten kann im knapp 30 Kilometer nördlich gelegenen Fünf-Sterne Camping Kirchzarten nur geträumt werden. Der Platz mit 500 Stellplätzen, sechs Ferienwohnungen und vier Mobilehomes ist zwar für die Sommersaison gewohnt gut gebucht, doch „da unser benachbartes Freibad in Kirchzarten vorerst nicht öffnet, bekommen wir aktuell wieder einige Stornierungen rein“, sagt Geschäftsführer Jens Ziegler.
Normalerweise können die Campingbesucher das Bad kostenfrei nutzen, jetzt sitzen sie auf dem Trockenen. Gerade für Familien mit Kindern ist der Platz in Kirchzarten eigentlich ideal: ein Miniclub und das Kinderprogramm sorgen in den Sommerferien für Abwechslung bei den Kids und für etwas Ruhe bei den Eltern. Aber auch hier gibt es in diesem Jahr Einschränkungen: „Aktuell sieht unser Konzept eine Kinderbetreuung in Kleingruppen vor“, sagt Ziegler. „Normalerweise haben wir etwa 30 bis 50 Kinder zusammen, das geht aktuell nicht.“
Corona stellt die Campingplatzbetreiber vor große logistische Herausforderungen, einen erhöhten Reinigungs- und Personalaufwand und ganz nebenbei müssen sie ihre Besucher ständig über die aktuellen Hygiene- und Abstandsregelungen informieren und ein Auge darauf haben, dass diese eingehalten werden. Dabei sollen die Gäste so viel Normalität, Abwechslung und Freiheit wie möglich erfahren.
Gelingt der Spagat? „Wir haben bisher das Gefühl, dass die Menschen, die kommen, einfach große Lust haben, endlich mal wieder raus zu kommen. Sie kennen die Voraussetzungen und machen wie wir das Beste daraus, zum Beispiel planen sie mehr Ausflüge. Dadurch ist es auch etwas ruhiger auf dem Platz“, sagt Ellen Ortlieb vom Camping Münstertal.