Ein erkennbares Umdenken bei den Verbrauchern lässt beim Großhändler Rinklin Naturkost in Eichstetten den Absatz steigen. Warum es dafür gleich mehrere Erklärungen gibt.
VON CHRISTINE WEIS
Ingwer und Erkältungsgemüse waren neben der Hamsterware wie Nudeln und Mehl die Renner zu Beginn des Lockdowns Mitte März. Auf einen Schlag mussten wir 50 Prozent mehr Bestellungen abwickeln“, sagt Harald Rinklin, einer der Geschäftsführer des gleichnamigen Kaiserstühler Biogroßhändlers. Die Nachfrage konnten sie größtenteils decken, weil keiner der großen Player seine Marktmacht ausspielte und vorhandene Ware für sich alleine eingeforderte. Die Branche hat zusammengehalten, das war für Rinklin eine positive Erfahrung in der Corona-Zeit. Auch seine Belegschaft hat mitgezogen und den hohen Warenstrom überhaupt möglich gemacht. Der 40-Jährige wird emotional, wenn er davon erzählt, dass sein Team die Mehrbelastung und Überstunden engagiert mitgetragen hat: „Gemeinsam haben wir den Laden gerockt.“
Warum wollen die Menschen gerade jetzt vermehrt ökologisch erzeugte Lebensmittel?
Rinklin hat dazu mehrere Antworten. In Krankheitszeiten ist naturgemäß die Gesundheit der Treiber für den Griff zum Bio-Regal mit unbelasteten Produkten. Einen weiteren Grund sieht Rinklin in dem starken Bedürfnis der Menschen nach Sicherheit und dem Willen Gutes zu tun. „Beim Essen kann ich etwas richtig machen“, beschreibt Rinklin die Motivation, „die großen Umweltkatastrophen sind für den einzelnen zu mächtig, mit dem Kauf von Lebensmitteln kann ich unmittelbar Einfluss nehmen“.
Corona ist nicht die erste Katastrophe, die einen direkten Effekt auf das Verbraucherverhalten hat. Rinklin erinnert an den Atomunfall von Tschernobyl 1986 und den BSE-Skandal Anfang der 2000er Jahre. „Da wurde vielen klar, dass es fatal falsch ist, den Rindern ihr eigenes Fleisch zum Fressen zu geben“, sagt Rinklin. Im Bio-Bereich gab es bereits vor Corona einen deutlichen Boom. Die Pandemie hat den Trend nach ökologisch erzeugten Lebensmitteln dann nochmal verstärkt, der sich seit der Klimaschutz-Bewegung Fridays for Future in wachsenden Absatzzahlen niederschlägt. Die Branche spricht hier vom Greta-Effekt. Laut Bundesverband Naturkost Naturwaren steigerte sich der Umsatz 2019 im Biohandel um rund acht Prozent. Bei Rinklin liegt die Wachstumsrate 2020 bei etwa 20 Prozent, der Jahresumsatz beträgt zirka 100 Millionen Euro.
Das 1975 von Wilhelm Rinklin gegründete Familienunternehmen führen heute seine Söhne Armin, Harald und Jochen Rinklin. Aktuell gibt es rund 12.000 Artikel am Lager. Das Sortiment reicht von Artischocken bis Zuckererbsen, von Antipasti bis Zahnpasta. 270 Mitarbeiter arbeiten im Großhandel. Zu den Kunden zählen Bioläden, Direktvermarkter wie Bio-Kisten und Marktbeschicker, Gastronomie sowie Schul- und Kindergartenkantinen.
Rinklin betreibt vier VITA Bio-Läden in der Region
Mit vier VITA-Märkten in Eichstetten, Lörrach-Tumringen, Lörrach und seit November 2020 in Freiburg ist Rinklin auch im Einzelhandel aktiv. Hier ist das Bild von 2020 differenzierter. In Lörrach gingen durch die fehlenden Schweizer Kunden und die unbelebtere Innenstadt die Umsätze zeitweise zurück. Das frisch übernommene Geschäft im Freiburger Industriegebiet Nord läuft gut an. Ob weitere Übernahmen in Planung sind, lässt Harald Rinklin offen – auszuschließen will er es nicht. Wichtig sei ihm, dass die Standorte von Bio-Läden gesichert sind.
Der Absatz von Bio-Produkten wird weiter wachsen
Mit Wachstum rechnen die Eichstetter auch in den kommenden Jahren. Politisch sind die Weichen jedenfalls gestellt: 20 Prozent Ökolandbau bis zum Jahr 2030 verankert der Bundesregierung in ihrer Nachhaltigkeitsstrategie. Aber mehr als auf die Entscheider in Berlin und Brüssel setzt Harald Rinklin auf die junge Generation, die den Klimawandel aufhalten will und zurecht Druck auf die ältere Generation und die Politik macht. „Nachhaltigkeit wird eines der wichtigsten Themen der Bundestagswahl 2021 sein“, sagt Rinklin. Die nächste Regierungskoalition wird Grün-Schwarz, so seine Prognose – oder ist es eher ein Wunsch?