Das Coronavirus zwingt viele regionale Betriebe dazu, umzudenken, erfinderisch zu werden, manche zwingt es auch in die Knie. Wie geht es den einzelnen Branchen in Südbaden? Gibt es irgendwo noch Normalität? Wir haben uns umgehört.
V O N A N N E T T E – C H R I S T I N E H O C H
Brauereien
Getrunken wird immer, vielleicht sogar vor allem in schweren Zeiten? Auch wenn das gut sein könnte – regionale Brauereien beliefern nicht nur den Einzelhandel, sondern eben auch die Gastronomie. Trotz Lieferdienst und Take-Away steht der Zapfhahn dort still. Das trifft besonders die Freiburger Brauerei Ganter. Sie beklagt aktuell einen Rückgang von 80 Prozent durch das Nicht-Beliefern ihrer insgesamt 700 Gastronomiebetriebe. „Wenn es im April, Mai und Juni so bleibt, führt das zu einem Jahresrückgang von insgesamt etwa 30 Prozent“, sagt Geschäftsleiter Detlef Frankenberger. Er hegt aktuell noch Hoffnung, dass sich Anfang Juli die Lage wieder etwas beruhigen wird.
„Es wird sich zeigen, wie viele Gastronomiebetriebe danach auch wieder öffnen können.“ Man stehe in engem Kontakt mit den Kunden und für ihre insgesamt 50 Pachtobjekte hat die Brauerei für den April eine Stundung der Pacht zugelassen – heißt: die Miete kann zu einem späteren Zeitpunkt, wenn die Geschäfte wieder laufen oder Förderungen angekommen sind, gezahlt werden. Für die eigenen 51 Mitarbeiter wurde Kurzarbeit beantragt und bewilligt. „Die Führung ist gerade gefordert, denn Mitarbeiter verlangen nach Lösungen“, so Frankenberger. Der Geschäftsleiter ist sich sicher, dass die 155 Jahre bestehende Brauerei Ganter auch diese Krise meistern wird.
Die Privatbrauerei Waldhaus im Schwarzwald sieht das größte Problem darin, nicht absehen zu können, „was da noch auf uns zukommen wird“, sagt Geschäftsführer Dieter Schmid. Doch der Diplom Braumeister wagt eine positive Prognose: „Ich bin der vollen Überzeugung, dass spätestens in drei bis vier Wochen diese starken sozialen Einschränkungen wieder gelockert werden müssen. Wirtschaftlich ist dies sonst für die Unternehmen, die im Moment geschlossen bleiben müssen, eine Katastrophe.“
Natürlich habe auch seine Brauerei einen Umsatzeinbruch durch die fehlenden Absätze in der Gastronomie bemerkt. Allerdings beliefert Waldhaus mit seinen Produkten lediglich 25 Prozent an südbadische Gastronomiebetriebe. Der Rest geht in den Handel. Und hier sind die Zahlen für Waldhaus gut, die Privatbrauerei stellt sogar fest, dass im Handel aktuell mehr Biertrinker zu Waldhaus greifen – obwohl es im höheren Preissegment angesiedelt ist. „Wir können es uns nur so erklären, dass durch den ausgefallenen Osterurlaub nun das Geld für den Genuss zu Hause eingesetzt wird“, sagt Schmid.
Hotellerie
Dass Kontaktsperren und Betretungsverbote öffentlicher Flächen einzelne Branchen besonders hart treffen, ist klar. Besonders augenscheinlich ist das in der Hotellerie, auf die Ein- und Ausreisebeschränkungen sowie das Verbot touristischer Reisen unmittelbar durchschlagen. Im Landgasthof-Pension Bergblick in Bernau heißt die Option, auf die Situation zu reagieren: „Wir haben gerade zwangsläufig zu.“ Kein Schwarzwaldtourismus, keine Gäste – und das auch noch open end: „Es ist alles offen, wie es weiter geht. Wir haben auch keine eingehenden Buchungen. In den letzten eineinhalb Wochen haben wir weder Nachfragen noch Buchungen erhalten“, heißt es auf unsere Anfrage hin.
Ed Schneider nimmt in seinem ebenfalls leerstehenden Landgasthof Ratz in Rheinau immerhin noch „ganz vereinzelt einen oder zwei Handwerker“ auf, die – Bewirtungsverbot macht erfinderisch – per Lunchpaket verpflegt werden. Eine vorsichtige Tendenz, die auf baldiges Licht am Horizont hindeutet, ist in seinem Betrieb zumindest erkennbar: „Es gehen Anfragen ein. Wenn es Urlauber sind, müssen wir ihnen natürlich erklären, dass im Moment überhaupt nichts geht, aber wir bitten sie, in vierzehn Tagen wieder anzurufen. Oder in drei oder vier Wochen – wie auch immer.“ Die Überbrückungsstrategie seines Hauses formuliert er einstweilen lakonisch so: „Wir haben noch ein paar Euro Taschengeld, damit ist aber dann schon fertig. Meine Frau hat nun die entsprechenden Anträge gestellt, damit wir Unterstützung bekommen.“
Banken
Genau diese Anträge sind es, die im Bankenwesen derzeit für einen Boom ungeahnten Ausmaßes sorgen. Volksbank-Pressesprecher Martin Lorenz berichtet von rund 500 Anfragen zu den verschiedenen Liquiditätshilfeprogrammen, die bis Anfang April bei der Volksbank Freiburg eingegangen waren: „Durch die getroffenen einschneidenden Maßnahmen der Bundesregierung für den Kampf gegen Covid-19 ist nahezu der gesamte Mittelstand in der Region beeinträchtigt.“
Auch Lorenz beobachtet desaströse Auswirkungen auf Hotellerie, Gastronomie, die im Tourismus verankerten Unternehmen sowie Einzelhandels- und Dienstleistungstungsbetriebe, „letztlich aber sind nahezu alle Branchen betroffen. Gerade in dieser Krisenzeit ist für den Mittelstand eine intensive Beratung notwendig. Hier unterstützen unsere Berater, wo es geht und wie es die Kapazität zulässt“. Fernab des Schaltergeschäfts, versteht sich, schließlich gilt in der Finanzbranche Ähnliches wie bei der Dienstleistung: Jeder Besuch vor Ort ist einer zu viel.
„Von business as usual sind wir derzeit weit entfernt! Die meisten Menschen befolgen die Aufrufe und bleiben zuhause, unser normales Geschäft ist deshalb stark zurückgegangen“, sagt Manfred Mayer von der Sparkasse Freiburg. Sein Haus hat auf die Situation mit Standortschließungen reagiert und – „im Interesse der Gesundheit unserer Kunden und Mitarbeiter“ – den Publikumsverkehr auf drei Hauptstandorte in Freiburg, Emmendingen und Waldkirch konzentriert. „Dadurch können wir zusätzliche Mitarbeiter in hochfrequentierten Bereichen wie dem Telefonservice im Kundenservice-Center und in der Kreditbearbeitung einsetzen.“
Energie
Dass das Normalprogramm zurückgefahren wurde und sich neue temporäre Gegebenheiten etabliert haben, schlägt sich auch auf die Zählerstände der Energieversorger nieder. Badenova– Pressesprecher Roland Weis spricht von gigantischen Mengen an Strom, die derzeit nicht verbraucht werden: „Sie können davon ausgehen, dass die Industrie um so viel Prozent, wie sie runterfährt, auch weniger Energie braucht: Stehen 50 Prozent der Betriebe still, braucht es auch 50 Prozent weniger Energie. Die Privatleute, die jetzt zuhause sind und vielleicht ein bisschen mehr fernsehen, machen den Kohl nicht fett – das sind kaum bemerkbare Spitzen.“
Viel deutlichere energiewirtschaftliche Auswirkungen hätten hingegen, sagt Roland Weis, die großen Mengen an Strom, Gas und Wärme, die derzeit nicht gebraucht werden: „Die Mengen, die die Betriebe verbrauchen würden, haben wir vorausschauend teilweise schon letztes Jahr eingekauft – zum damaligen Marktpreis, als die Energiepreise noch deutlich höher waren. Nun sitzen wir auf diesen Mengen und werden sie nicht los, weil die Betriebe sie nicht brauchen.“ Die Folge: Überkapazitäten müssen günstig auf einen ohnehin schon übersättigten Markt zurückgeworfen werden – „da kann man sich ausrechnen, dass nicht nur der Umsatz fehlt, sondern auch der Wert dieser Menge.“
Industrie
Beim Industrieunternehmen Endress + Hauser ging es schon im Januar mit Vorsichtsmaßnahmen wegen des Coronavirus und seiner Entwicklung in China los. Los ging es daher mit frühen Reisebeschränkungen für den asiatischen Raum, wo der Hersteller von Messgeräten für industrielle Prozesstechnik und Automatisierung einige Standorte hat. Zug um Zug ging es weiter mit Europa und der Absage von Veranstaltungen sowie Meetings.
Seit Mitte März sitzt quasi jeder, der normalerweise in einem Büro arbeitet, in seinem Home Office. Auch CEO Matthias Altendorf zählt. Er kommuniziert mit speziell zusammengesetztes Krisenteams, die sich um verschiedene Aspekte kümmern. Einmal wöchentlich wendet sich Altendorf auch per Videoblog an die Belegschaft. Viele Entscheidungen müssen schnell und außerhalb der üblichen Strukturen gefällt werden. „Flexibilität und schnelles Umsetzen ist derzeit das Wichtigste im Krisenmanagement“, sagt Unternehmenssprecher Martin Raab.
15000 Menschen arbeiten weltweit für das Schweizer Familienunternehmen. „Die Produktion läuft unter strikten Hygienemaßnahmen weiter“, erzählt Raab Ende März. Die Lieferketten ins Unternehmen seien bislang nicht unterbrochen. Die Logistik nach außen zu den Kunden sei allerdings schwer eingeschränkt.
Die wirtschaftlichen Folgen seien Ende März noch nicht absehbar. E+H betreibe ein einem Geschäft, wo kurzfristige wirtschaftliche Entwicklungen meist zeitverzögert ankommen, weil die großen Projekte über viele Jahre laufen, erklärt Raab. „Wenn eine Rezession kommt, wird sich das aber irgendwann sicher bei uns abbilden“. Ob und wie hart es kommen werde, da kann man nur abzuwarten. „Wir haben solide gewirtschaftet, haben keine Bankschulden und sind daher gerüstet für schwierige Zeiten“, ist Raab optimistisch.
„Man spürt, dass die Leute zusammenrücken“, sagt Unternehmenssprecher Raab nach einem positiven Aspekt befragt. „Zum anderen sehen wir, dass unsere großen Investitionen in Sachen Digitalisierung der vergangenen sich jetzt sowohl nach innen als auch nach außen in Richtung Kunden auszahlen.“
Beim Tunnelbauer Herrenknecht in der Ortenau beträgt der Exportanteil 95 Prozent. Dass die Pandemie dem weltweit tätigen Unternehmen wirtschaftlichen Schaden zufügen wird, glaubt man im Firmensitz in Schwanau nicht. „Die Corona-Krise hat nach unserer gegenwärtigen Einschätzung mittel- und langfristig keine negativen Auswirkungenauf die Perspektive des Unternehmens Herrenknecht“, antwortet Florian Kulke von der Unternehmenskommunikation Ende März auf die Anfrage. Aktuell fokussiere man sich auf ein umsichtiges und besonnenes Managen des Geschehens, die Fürsorge für die Belegschaft stehe dabei im Vordergrund. Eine Home Office-Regelung gibt es, wirklich viel erzählen über den Umgang mit der aktuellen Lage will die Firma aber nicht.
Medizintechnik
Ein Aspekt, der zum Beispiel in der Medizinbranche ebenfalls spürbar ist. Geschäftsführer Bert Sutter von Medizintechnik Sutter in Freiburg berichtet von Operationen, die nicht durchgeführt werden und bei denen deshalb auch kein Materialeinsatz notwendig ist – also auch kein Absatz für die in seinem Haus hergestellten Verbrauchsprodukte. „Die Delle, die da jetzt entsteht, kann in der Medizintechnik nicht mehr vollständig ausgeglichen werden“, resümiert er die Situation.
Sutters Unternehmen stellt im Wesentlichen elektrochirurgische Produkte her – nichts, was unmittelbar für die Behandlung von COVID19-Patienten benötigt wird. Wie andere Firmen seiner Branche ist er aktuell mit einem ganz wesentlichen Problem konfrontiert: „Die Verkäufer überall auf der Welt in den Ländern, die von der Epidemie betroffen sind, können jetzt aus Sicherheitsgründen nicht mehr in die Krankenhäuser kommen. Sie können keine Produkte mehr vorstellen und das kann sich natürlich irgendwann auch in den Auftragseingängen niederschlagen.“
Christina Schwartz, Pressesprecherin von Cortec-Neuro – ein Unternehmen, das sich auf die Erforschung und Entwicklung von Therapien neurologischer Erkrankungen spezialisiert hat – sieht die derzeitige Lage zurückhaltend entspannt: „Projekte dieser Art haben meist eine lange Laufzeit und sind nicht so sehr vom Tagesgeschäft beeinflusst. Aktuell erfahren wir bei vielen unserer Kunden und Partner eine Verlangsamung, etwa weil sich Termine für Studien verschieben. Wie bei uns auch können jedoch viele aus dem Homeoffice ihren Betrieb grundsätzlich aufrechterhalten. Wir sind vorsichtig optimistisch, dass dies in den kommenden Monaten so bleibt.“
IT
Homeoffice ist das Stichwort, das quer durch alle Branchen derzeit boomt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Mitarbeitende gegenseitig anstecken, verringert sich, die Produktivität bleibt trotzdem erhalten – kein Wunder, dass die traditionell von Präsenzkultur und Kontrollfreude genährte deutsche Zurückhaltung beim Thema „Arbeit von zuhause aus“ angesichts der Corona-Einschränkungen in vielen Betrieben bröckelt. Allerdings ist Homeoffice vielerorts Neuland: die Rechtslage nebulös, die Ausstattung kaum vorhanden und die Frage von Datenschutz problematisch.
Hier sind IT- und Technologieunternehmen gefragt, viele von ihnen haben aktuell gut zu tun, sagt Ralf Bachmann von United Planet in Freiburg: „Es gibt bislang zum Glück sehr wenige Kunden, die aufgrund der Corona-Situation Aufträge stornieren oder verschieben. Die allermeisten unserer Kunden haben aktuell die Dringlichkeit der Projekte sogar erhöht, da sie die Applikationen und digitalisierten Prozesse, die wir für sie umsetzen, jetzt mehr denn je benötigen.“
Auch bei STEP Consulting Services in Lörrach wird kundenseitig ein „hohes Maß an Unsicherheit“ beobachtet. Teamleiter Sebastian Reek berichtet, „dass manche Unternehmen ihre Ausgaben kritischer prüfen als zuvor. Gleichzeitig führt der sprunghafte Anstieg an Homeoffice-Arbeitsplätzen bei den Unternehmen der Region auch dazu, dass unsere Angebote im Bereich des Modern Workplace, wie mobile Geräte oder die Zusammenarbeit mit Microsoft Teams, nochmals verstärkter nachgefragt werden. In Summe werden wir aber schon mit einer aktuell abflachenden Nachfrage konfrontiert.“
Für Lexware in Freiburg bietet die aktuelle Situation bei aller Anspannung und Unsicherheit eine einmalige Chance. Jörg Frey, Mitglied der Geschäftsführung der Haufe-Lexware GmbH & Co. KG, formuliert es so: „Um dazuzulernen und neue Kollaborationsformen zu erproben und zu etablieren.“ Sein Unternehmen hat die eigene Homeoffice-Quote auf fast 100 Prozent erhöht, um den Bedarf auf Kundenseite abzudecken: „Unsere Kernzielgruppe sind Kleinunternehmer und Selbstständige – diese sind von der Krise aktuell besonders betroffen“, sagt Frey. Sein Haus bietet kostenlose Onlineschulungen und Handlungshilfen an – und eine Themenseite rund um Arbeitsausfälle, Kurzarbeit, staatliche Hilfen und Entgeltfortzahlung (lexware. de/coronavirus).
Einzelhandel City und Automobil
Auch das Fachgeschäft Stiegeler Schlafkomfort in Freiburg hat seine Arbeit von persönlichem Kundenkontakt auf digitalen und telefonischen Service umgestellt, unter anderem mit einem Telefondienst vormittags von Montag bis Freitag. Die kontinuierliche Prozessoptimierung der vergangenen Jahre und die damit verbundene Agilität des Unternehmens käme dem Betrieb aktuell sehr zugute, sagt Geschäftsführerin Henrike Beck.
„Natürlich ist diese Situation längst nicht so wie mit offenen Ladentüren: Wir sind traditionell ein gastfreundliches Haus und unsere Produkte sind oft beratungsintensiv und individuell auf die jeweiligen Personen ausgerichtet.“ Die Intensität ließe sich telefonisch und online nur eingeschränkt auffangen und sei angesichts der aktuellen Situation ein kurzfristiger akzeptabler und notwendiger Kompromiss.
„Wir hoffen, dass sich die Lage in absehbarer Zeit verbessern wird und wir schrittweise wieder den persönlichen Zugang finden können. Im Übrigen freue ich mich auch, wenn wir wieder als Team vor Ort zusammenarbeiten,“ sagt Beck, die das Unternehmen in vierter Generation führt. Finanziell habe man in den letzten Jahren solide gewirtschaftet und könne diesen „Puffer“ nun gut einsetzen und gebrauchen. Die Einzelhändlerin hofft, dass für den inhabergeführten Traditionseinzelhandel auch nach der Krise noch ein Platz im Handel vorhanden sein wird.
„Mut macht mir die Solidarität unter befreundeten Einzelhändlern und positive Bestärkungen unserer Kundinnen und Kunden.“ Auch den Zusammenhalt zwischen den deutschen und europäischen Manufakturen, mit denen Stiegeler zusammenarbeitet, lobt Henrike Beck in dieser Zeit. Lieferengpässe gäbe es nicht und die Partnerschaft nach der Corona-Krise wolle man weiter intensivieren, da seien alle zuversichtlich.
Ein Auto kaufen, ist wohl nicht die naheliegendste Idee dieser Tage. Daher trifft die Corona-Krise die hiesigen Autohäuser heftig und stellt alle Unternehmen im KFZ-Handel vor eine große wirtschaftliche Belastungsprobe. Trotzdem sind Autokäufe möglich, betont Tobias Gutgsell, Geschäftsführer des BMW Autohaus Märtin in Freiburg. „Aufgrund der Vorgaben der Bundes- und Landesregierung mussten wir den stationären Vertrieb schließen, bieten aber jegliche Dienstleistungen kontaktlos und digital an. So sind wir erreichbar über Telefon, Chat, Mail, WhatsApp und Videoberatung. Fahrzeugkäufe werden komplett digital abgewickelt bis zur Zustellung der gekauften Fahrzeuge bis vor die Haustüre.“
Viele Mitarbeiter arbeiten im Homeoffice, die Werkstatt ist nach wie vor besetzt, Hygienemaßnahmen wurden umgesetzt und alle Mitarbeiter geschult. „Auch im Service bieten wir eine Vielzahl von Dienstleistungen kontaktlos an“, sagt Gutgsell. „Es gibt nicht nur die Möglichkeit, Fahrzeuge kontaktlos abzustellen, Schlüssel in einem digitalen Tresor abzugeben und wieder abzuholen.
Wir bieten zusätzlich im Drive-In die Möglichkeit an, im Fahrzeug sitzen zu bleiben, während zum Beispiel der Räderwechsel gemacht wird.“ Not macht eben erfinderisch. Und was kommt nach der Krise? Gutgsell bleibt optimistisch und hofft, im Idealfall gestärkt daraus hervorzugehen. „Ich hoffe, dass wir national aus dieser Krise mitnehmen, dass wir uns mehr Unabhängigkeit vom Internationalen Handel schaffen müssen. Made in Germany bekommt an dieser Stelle noch einmal einen ganz anderen Stellenwert.“
Einzelhandel Bau- und Gartencenter
Sie gehören zu den wenigen, die unter bestimmten Auflagen nach wie vor geöffnet haben dürfen: Die Arbeit in Bau- und Gartencentern geht fast wie gewohnt weiter. „Wir merken bei unseren Besuchern, dass sie sich über das kleine Maß an Normalität freuen“, sagt Axel Fautz, Inhaber von „Fautz die Gärten“ in Bad Krozingen. „Gerade die Menschen, die im Moment ihrer Arbeit nicht nachgehen können, versuchen, sich durch die Arbeit im Garten abzulenken und es sich zu Hause so schön wie möglich zu machen. Man darf die Wirkung der Natur auf den seelischen Zustand der Menschen nicht unterschätzen.“
Bei der Firma natur-zaun in Freiburg laufen die Geschäfte trotz Corona sogar besser als die letzten Jahre um diese Zeit. Die Saison startet bei dem Fachhandel für Gartenzäune aus Naturmaterialien erfahrungsgemäß immer mit den ersten warmen Tagen im Frühling. „Jetzt kommt hinzu, dass die Menschen zu Hause sind und auch der Urlaub wohl erstmal gestrichen ist, da liegt es nahe, dass Gartenarbeiten hoch im Kurs stehen“, sagt Geschäftsführer Christian Nitz. Dass das Freiburger Unternehmen seine Produkte über einen Onlineshop anbietet, ist gerade jetzt vorteilhaft.
Die Lieferdienste und Speditionen mit denen verschickt wird, laufen weiter ohne Einschränkungen. Wenn jemand die Waren vor Ort am Lager abholen will, ist das auch ohne Kontakt möglich. Lebensmittelherstellung Während in der Gastronomie die Restaurants geschlossen bleiben, läuft die Produktion in der Lebensmittelindustrie auf Hochtouren. Weil die Menschen zu Hause essen müssen, überschlägt sich die Nachfrage aktuell geradezu.
Der Freiburger Tofu-Hersteller Taifun beispielsweise hat unter zahlreichen Schutzmaßnahmen die Produktion hochgefahren, soweit es geht. Beschäftigte aus anderen Bereichen helfen jetzt in der Produktion aus. Dort sind unter anderem neue Laufwege ausgetüftelt und die Schichtpläne so verändert worden, dass beim Wechsel von Früh- auf Spätschicht keine zeitlichen Überschneidungen entstehen. Ein Krisenteam überwacht alles und passt Maßnahmen an, wenn es nötig wird. „Es reicht trotzdem nicht, um die immens hohe Nachfrage vollständig zu bedienen und jedes Regal zu füllen“, teilt Lina Cuypers aus der Presseabteilung noch mit. Zahlen nennt Taifun aktuell nicht.
Baugewerbe und Immobilien
Ein Wirtschaftszweig, bei dem Homeoffice kaum möglich ist, ist die Baubranche. Trotzdem ist Stefan Hofmann, Geschäftsführer des Freiburger Bauunternehmens Hopp & Hofmann bei der aktuellen Momentaufnahme positiv gestimmt: „In der Bauwirtschaft sind wir (derzeit noch) in der privilegierten Situation, arbeiten zu dürfen. Dafür sind wir sehr dankbar und glücklich“, sagt der Firmenchef. Von einem „recht ordentlichen Auftragsbestand“, dank langer Hochkonjunktur im Handwerk spricht er, von genügend Aufträgen, von einer guten Liquidität.
Jedoch: Die Anzahl neuer Anfragen ist rückläufig, da Investitionen sowohl von Gewerbe- als auch Privatkunden zurückgestellt werden.“ Und beim Blick in die Zukunft runzelt Stefan Hofmann die Stirn: „Wenn die Krise noch eine Weile andauert, bin ich mir sicher, dass die Bauwirtschaft auch kräftig darunter leiden wird. Und wenn es unserer Gesellschaft, vielen Unternehmen und vielen Arbeitnehmern finanziell schlechter geht, wenn große Ängste und Sorgen vorhanden sind, wenn keiner weiß, wie es weitergeht, ist es klar, dass alle darunter leiden werden.“
Auch auf dem Immobiliensektor wird der Markt mit gespanntem Interesse betrachtet. Das Team von Christian Müller Immobilien begegnet auf der Nachfrageseite zwei völlig entgegengesetzten Phänomenen, sagt Charlotte Huhn: „Wir nehmen wahr, dass die Leute sich ein wenig zurückhalten, wir nehmen aber auch wahr, dass es Leute gibt, die jetzt auf einmal wieder investieren wollen, und zwar ganz schnell – es gibt beide Seiten.“
Der Mietmarkt hingegen stagniere komplett, weiß Charlotte Huhn: keine Besichtigungen, keine Neuvermietungen. „Deshalb sind wir im Moment damit beschäftigt, virtuelle Rundgänge für alle Immobilien zu erstellen, solange die Situation anhält.“ Über die langfristigen Auswirkungen auf den Immobilienmarkt lasse sich jedoch wenig sagen, meint die Fachfrau: „Er reagiert sehr, sehr langsam auf Veränderungen. Wir haben aber grundsätzlich nicht das Gefühl, dass es für Freiburg sehr schädlich sein wird, weil Freiburg vom Standort her weiterhin gefragt sein wird.“ Erst in einigen Wochen, so ihre Prognose, lasse sich Genaueres sagen.
Polizei
Noch weiter in die Zukunft blickt Polizeisprecherin Laura Riske auf die Frage, ob sich die virusbedingten gesellschaftlichen Verschiebungen wohl auch in der Kriminalstatistik niederschlagen? Mit einer aktuellen Einschätzung hält sie sich zurück, „wir haben ja keine Tagesstatistik, sondern machen solche Dinge im Fünfjahresvergleich.“ Mit Prognosen tut man sich im Revier zwar schwer, jedoch sei die Spannung auf die polizeiliche Kriminalstatistik des nächsten Jahres jetzt schon groß – wie werden die Corona-Monate zu Buche schlagen?
„Ein paar Dinge können wir jetzt schon für diese Monate prophezeien: die Größenordnung der Ladendiebstähle wird sicherlich zurückgehen. Und weil man nicht mehr draußen ist, fällt auch alles im öffentlichen Raum weg. Auch Übergriffe in Bars, Diskotheken und Restaurants fallen systemimmanent weg. Natürlich kann man noch keine Vergleichszahlen aus anderen Monaten liefern, dazu sind die Zeiträume zu knapp. Aber es gibt gewisse Deliktfelder, bei denen erwartbar ist, dass sie sich verschieben.“
Mitarbeit: Anna-Lena Gröner, Daniel Ruda