Software: Wo die Digitalisierung als Spaziergang begann

Das Freiburger Unternehmen „United Planet“ bietet mit seinen „Intrexx“-Lösungen vor allem Mittelständlern sichere Einstiege und Hilfen an – und das seit 20 Jahren.

Von Rudi Raschke

Den „United Planet“ verspricht seit elf Jahren das Schild an einem markanten Gebäude in der Freiburger Schnewlinstraße, an der zentralen Ecke zum Hauptbahnhof. Dass sich an dieser Adresse ein IT-Unternehmen angesiedelt hat, dürften die meisten der vielen tausend Menschen, die das Haus täglich passieren, ahnen. Aber vermutlich nicht, dass dieses Unternehmen seit 20 Jahren erfolgreich die Digitalisierung voran bringt, landesweit wie international. Es war ein Spaziergang, bei dem vor über zwei Jahrzehnten der Grundstock gelegt wurde: Manfred Stetz und Axel Wessendorf, die sich beide in Freiburg bei Lexware kennengelernt hatten, beschlossen damals, ein eigenes Unternehmen aufzuziehen. Erst stand eine ERP-Lösung mit kaufmännischer Software im Raum.

Auf dem Rückweg der Runde war klar, dass es sich um eine Idee zum Thema Intranet handeln werde. Das sei damals nur für Idee für Großunternehmen umzusetzen gewesen, mit United Planet wollte es auch kleinere Firmen als bezahlbares Standardprodukt bieten, sagt Stetz. Axel Wessendorf, an den sich viele in Freiburg als Macher und Kreativen, aber auch wegen seiner menschlichen Art erinnern, ist vor vier Jahren im Alter von nur 54 Jahren an einer Krebserkrankung gestorben. Sein Co-Gründer Stetz führt das Unternehmen als Geschäftsführer gemeinsam mit Katrin Beuthner fort. Mit Erfolg. Aus acht Leuten, die ein Jahr nach dem initialen Spazierengehen ihr erstes Büro in der Freiburger Rathausgasse unterm Dach bezogen, sind nach einigen Umzügen am jetzigen Standort Schnewlinstraße nunmehr über 100 geworden. Für dieses Jahr erwarte man eine Steigerung des Umsatzes um etwa 12 Prozent auf rund neun Millionen Euro im Jahr, sagt Beuthner.

Das ist umso beachtlicher, wenn man anschaut, was im Gründungsjahr 1998 die Gegebenheiten waren. Manfred Stetz gehört zu einer Freiburger IT-Gründergeneration, die in Furtwangen ein damals noch extravagantes Fach studiert hat. Aus seinem und den Jahrgängen darüber sind mit Unternehmern wie Roland Fesenmayr, Ralf Heller und Ursula Hilpert auch große Web-Dienstleister wie Virtual Identity entstanden, Fesenmayr gründete später in Freiburg auch Oxid, eine zentrale e-commerce-Plattform. Stetz sagt heute lachend, dass es ein Glück gewesen sei, dass in der Zeit zu seinem Studienbeginn „das Internet erfunden wurde“ – zum Auftakt musste er sich in Furtwangen noch mit der Programmierung von Teletext-Inhalten beschäftigen. Auch das unterstreicht, was die vergangenen zwei Jahrzehnte in dieser Branche bedeuten.

Und es illustriert, was jedem einleuchten dürfte: dass es nicht beim damaligen Angebot für die interne Firmen-Kommunikation geblieben ist: Beuthner spricht davon, dass die Geschäftsfelder des United-Planet-Produkts namens „Intrexx“ alles beinhalteten, was für die digitale Transformation benötigt wird. Übrigens mit einer Verbreitung – vor allem über Partner-Vertriebe – in nunmehr 16 Ländern, darunter auch erste Gehversuche in USA und Australien. Der Focus liege allerdings auf Europa, sagt Katrin Beuthner. Von der Begleitung in Richtung Digitalisierung profitierten vor allem Mittelständler, sagen beide Geschäftsführer. Entgegen des Eindrucks, das Industrie 4.0 und die Umstellung auf digitale Produktion und Dienstleistung bei vielen noch in den Kinderschuhen stecke (oder nur ein wolkiges Schlagwort ist), sehen sie, dass hier gerade in den vergangenen vier Jahren „bewusst auf das Thema hingearbeitet wird“, wie Manfred Stetz sagt.

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Platz für 100 Mitarbeiter: Blick in eine Etage von United Planet an der Freiburger Schnewlinstraße. Foto: Alexander Dietrich

Auch wenn gleichwohl einige noch nicht wissen, was „daraus entstehen kann und welche Ideen sich finden lassen“, beispielsweise eine digitale Service-Verbesserung zur Aufwertung der Produkte. In der Produktion seien die Anwendungen bisher klarer zu erkennen, zum Beispiel in der Kontrolle von Maschinenauslastungen oder freiliegender Kapazitäten, also mit leicht zu realisierenden Schritten, die eine rasche Steigerung der Produktion um zwei Prozent ermöglichen. Auch über eine Reduktion des Ausschusses. Oder einen Wegfall von Sonderschichten dank Maschinenlogbüchern. Hier ließe sich der Mehrwert ihrer Lösungen klar messen, sagen die beiden Geschäftsführer. Digitalisierung, das bedeutet bei der Betreuung durch United Planet zunächst ein individuelles Eingehen auf Kunden-Bedürfnisse.

Es geht dabei auch darum, wo es am meisten hilft, Vorgänge zu digitalisieren – um mit einer Anwendung von überschaubarem Aufwand relativ viel Mehrwert zu schaffen. Beuthner nennt das schlagwortartig die „Killer-Applikation“: Jene Funktionalität im Unternehmen, die zum Auftakt ausgemacht wird, um einen Prozess digital aufzubessern – „und um zum Start möglichst viele Mitarbeiter an Bord zu bekommen.“ Aber eben auch, dass Digitalisierung kein Selbstzweck ist. „Ein schlechter Prozess, der digitalisiert wird, bleibt ein schlechter Prozess“, sagt die Geschäftsführerin. Das Prinzip von „Intrexx“ setze bereichsübergreifend voraus, dass es im Grunde keine Programmierkenntnisse braucht, um die Anwendungen zu erstellen. Dass es auf jedem Rechner und dem Smartphone funktioniert. Und dass es keine Insel-Lösungen für einzelne Unternehmensanforderungen wie zum Beispiel Projektmanagement fördert.

Sondern bestehende Applikationen übergreifend zusammenführt – ohne dass zwei Datentöpfe aufwändig zusammengemischt werden müssten, wie es Katrin Beuthner veranschaulicht. Mit dem Angebot für Personalarbeit oder digital workplaces gibt es bei United Planet aber auch neuere Themen, die sich von klassischen Produktionsumgebungen oder Projektservices abheben. In der Personalarbeit beschäftigen sich die Produkte vor allem mit einem zeitgemäßen Bewerbermanagement – durch die neue Datenschutzverordnung sei es relevanter denn je, welchen Zugriff Einzelne in Unternehmen auf sensible Unterlagen bekämen. Und wo zu löschendes Material verbleibt. Oder eben auch, dass die richtigen Abläufe eingehalten werden, wenn Mitarbeiter gefunden sind und ihnen unmittelbar der Arbeitsplatz eingerichtet werden soll. Hier kann im Bereich Mitarbeiterzufriedenheit, aber auch Produktivität und Motivation einiges richtig gemacht werden, aber auch vieles falsch: Stetz sagt, dass dieser „onboarding“-Prozess eines Einstiegs in ein Unternehmen im schlechten Fall auch zu einer sofortigen Wieder-Kündigung nach zwei Wochen führen kann.

Was aber unterscheidet den Anspruch eines „digital workplaces“ vom schlicht mit nach Hause genommenen Notebook? „Welten!“, sagt Beuthner. Es gehe nicht nur um ein papierloses Büro oder eine Digitalisierung von Abläufen und Kommunikation, sondern auch um Bereiche außerhalb der Verwaltung. Damit die Wissensarbeiter sich jederzeit mit allem verbinden könnten und eine „social collaberation“ auch mit der Produktion oder dem Vertrieb pflegen. Das verhindere eine Entkopplung der zuhause Arbeitenden. Manfred Stetz nennt das aufwändige Zusammenführen unterschiedlicher Systeme und Anforderungen via intrexx vereinfachend „facebook für Unternehmen“, wenn es ums Handling und den Nutzen geht. Was bringt die Zukunft für United Planet? Es gelte, die richtigen Trends zu identifizieren, sagen beide Geschäftsführer. Neben dem Ausbau von Cloud-Angeboten seien Voice-Unterstützung und allgemeine Themen aus der Künstlichen Intelligenz auf der Agenda.

Abteilungsübergreifend werde viel dafür getan, dass Ressourcen für die Weiterentwicklung des Produkts und die bestimmenden Themen der kommenden drei Jahre bereitgestellt werden können. Dafür gibt es ein fünfköpfiges Entwicklungsteam, das sich am Rande seiner Tätigkeit fest mit Zukunftstechnologien beschäftige, für alle gibt es ohnehin einen Entwickler- Tag, der dieses Kernteam unterstützt. Den Kunden soll immer die Möglichkeit gegeben werden, mit der aktuellsten Technik zu arbeiten, sagt Manfred Stetz. Die Leitung des Unternehmens sieht den Standort Freiburg 20 Jahre nach der Gründung immer noch gut aufgestellt, Entwicklungen voranzutreiben. Und Entwickler zu finden: Dafür seien die Hochschulen in Freiburg, Offenburg und Furtwangen weiterhin sehr gute Ausbildungsstätten, die gutes Personal hervorbringen.

Zur Werbung um potenzielle Angestellte wird ab November auch erstmals eine Straßenbahn im „United Planet“-Look durch Freiburg fahren. 20 Jahre nach Gründung wird hier nicht „Intrexx“ im Vordergrund stehen, sondern die gesamte Marke. Am Anspruch der damaligen Gründung habe sich nichts geändert. Der Name habe sich damals daraus abgeleitet, was man sich vorgenommen hatte, sagt Stetz, und passe heute besser denn je. Das Unternehmen bietet seine Dienste inzwischen in 16 Ländern mit über 100 Vertriebs- und Implementierungspartnern an. „Unsere Vision bleibt es, weltumspannend besseres Arbeiten für Firmen zu realisieren“, sagt Beuthner.