Vor 19 Jahren gegründet, ist die Schöpflin Stiftung in Lörrach noch eine sehr junge Stiftung. Eine weitere Besonderheit: alle drei Stiftungsgründer leben noch und vor allem Hans Schöpflin ist in seiner Rolle als Vorstandsvorsitzender aktiv im Geschäft involviert. Ein Gespräch mit Tim Göbel, geschäftsführender Vorstand der Stiftung, zeigt, wie man neben den eigentlichen Stiftungsaufgaben erfrischend innovative Wege geht.
INTERVIEW: ANNA-LENA GRÖNER
Was unterscheidet die Schöpflin Stiftung von anderen Stiftungen?
Die meisten der fast 25.000 Stiftungen in Deutschland sind entweder operativ tätig, bieten also eigene Programme an, oder fördernd, indem sie finanzielle Mittel an andere Organisationen weitergeben. Wir machen beides. Wir wirken als lokale Stiftung in Lörrach und Umgebung, mit der Villa Schöpflin, unserem Zentrum für Suchtprävention, mit unserem Werkraum Schöpflin als Kultur- und Debattenort sowie mit den Kinderhäusern Schöpflin.
Gleichzeitig sind wir deutschlandweit und auch in Europa als fördernde Stiftung tätig. Lokale und überregionale Tätigkeiten befruchten sich dabei wechselseitig. Mit welchem Stiftungskapital wurde die Schöpflin Stiftung 2001 gegründet? Die drei Gründungsstifter, die Geschwister Hans Schöpflin, Albert Schöpflin und Heidi Junghanss, haben das elterliche Anwesen in Lörrach-Brombach als erste Einlage ins Stiftungskapital eingebracht.
Die Idee dahinter war, dass der Ort des eigenen Aufwachsens zukünftig anderen Kindern und Jugendlichen zu ihrer Entfaltung zur Verfügung stehen sollte. Das ist in den vergangenen fast zwanzig Jahren voll aufgegangen.
Seit wann ist die Schöpflin Stiftung auch als Förderstiftung aktiv und was war und ist hier die Motivation?
Die Fördertätigkeiten haben vor gut fünf Jahren begonnen. Maßgeblicher Gedanke war, finanzielle Mittel für überregional tätige Organisationen der Zivilgesellschaft anzubieten, damit diese ihre Lösungsansätze für dringende gesellschaftliche Probleme „skalieren“ können.
Oft ist es doch so: in einer Stadt hat man zum Beispiel eine gute Methode zur Integration von geflüchteten Menschen in den Arbeitsmarkt entwickelt und in der nächsten Stadt kämpft man noch mit dieser Fragestellung. Warum also nicht gute Lösungen verbreiten? Es muss ja nicht immer wieder alles von Null an entwickelt werden.
Und wie funktioniert das in der Praxis?
Unsere Förderstiftung ist in fünf unterschiedlichen Programmbereichen unterwegs: Schule und Entwicklung, Flucht und Integration, Wirtschaft und Demokratie, Gemeinnütziger Journalismus und im „Schöpflin Biotop“, unserem eigenen Innovationslaboratorium.
Auch wenn die Themen unterschiedlich sind, verbindet alle Bereiche ein Ziel: Die Stärkung unserer Demokratie und die Befähigung von Menschen, ihr Recht auf eine lebendige und vielfältige Gesellschaft wahrzunehmen.
Durch die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen – zum Beispiel Nichtregierungsorganisationen (NGO) oder Sozialunternehmen – können wir viel Wirkung erzielen. Sie alle bringen Erfahrung und Expertise mit, sind gut vernetzt und wissen, an welchen Stellschrauben gedreht werden muss, um nachhaltige Lösungen zu festigen und in der Gesellschaft zu verankern.

Und woher kommen die Fördergelder?
Das Vermögen, das der Stiftung zur Verfügung steht, wurde durch unternehmerisches Handeln erwirtschaftet. Dieses Vermögen setzt die Stiftung wiederum in Form von sozialem Risikokapital ein, um in Organisationen zu investieren. Alle von uns geförderten Organisationen zeichnen sich wiederum dadurch aus, dass sie ebenfalls unternehmerisch arbeiten und zum Ziel haben, echten systemischen Wandel zu bewirken.
Also eben nicht nur am Symptom zu arbeiten, sondern zu den Ursachen vorzudringen. Aus diesem Grund unterstützen wir besonders junge Organisationen in ihrer Anfangsphase oder fördern ihr Wachstum. In diesem Sinne müssen uns auch die Menschen hinter den Ideen als Unternehmer mit Weitblick überzeugen. Diese Form der langjährigen institutionellen Förderung ist für uns die sinnvollste und nachhaltigste Investition in die Zukunft.
In Zeiten von Niedrigzins und Inflation haben es viele Stiftungen nicht leicht. Welche Stiftungsmittel stehen Ihnen zur Verfügung?
Teile unseres jährlichen Budgets können wir aus dem Stiftungskapital, eigenen Umsätzen – beispielsweise im Werkraum Schöpflin – sowie aus öffentlichen Fördergeldern bestreiten. Ein substantieller Teil allerdings wird jährlich aus der unternehmerischen Tätigkeit von Hans Schöpflin an die Stiftung gespendet.
Für Ihre Stiftung steht auf dem eigenen FABRIC Areal ein großes Projekt an: ein Quartier mit sozialem Wohnraum, öffentliche Werkstätten, Bildungseinrichtungen und Co-Working-Angeboten soll entstehen. Ende November wurde es dem Gemeinderat in Lörrach vorgestellt. Wie kam es an?
Die Resonanz auf unser Vorhaben war überaus positiv. Natürlich gibt es noch zahlreiche Umsetzungs-Fragen, die wir gemeinsam mit der Stadt Lörrach klären müssen. Aber der gesamte Prozess, der im April 2018 mit der FABRIC-Wunschproduktion begonnen hat, stimmt uns sehr zuversichtlich.
Ich glaube, dass unsere Herangehensweise, die Bürger, die rund ums Areal leben, aktiv in die Planung einzubinden, der richtige Weg war, um herauszufinden, was sie sich wünschen. Die Stiftung wird auf dieser Basis eine Stadtlandschaft voller Möglichkeiten entwickeln, mit neuen Räumen für das Gemeinsame und Platz für öffentliche Treffpunkte.
Sind bei diesem Projekt gerade auch die Mietwohnungen ein spannender Aspekt, um das Stiftungsvermögen weiter abzusichern?
Bei den Wohnungen geht es uns nicht in erster Linie um eine Absicherung des Stiftungsvermögens, sondern um das Erproben neuer Wohnmodelle. Neben Wohnungen in unterschiedlichen Größen für Familien und Alleinstehende, beabsichtigen wir einen Teil der Fläche im Erbbauverfahren an eine Baugruppe zu geben und somit innovative Ansätze des Wohnens in Lörrach zu unterstützen.
Hierzu werden derzeit unter anderem Gespräche mit dem aus Freiburg kommenden Mietshäuser- Syndikat geführt. Wohnen ist ein so großes und herausforderndes gesellschaftliches Thema – da müssen wir uns einfach mit beschäftigen und auch Neuland betreten.
Zur Familie Schöpflin
Das Ehepaar Wilhelm und Wilhelmine Schöpflin arbeitete sich von Besitzern eines Gemischtwarenladens in den 19030er Jahren zu Pionieren des Versandhandels. Die Söhne Hans und Rudolf bauten das Unternehmen nach dem zweiten Weltkrieg weiter aus. In den 60er Jahren kämpfte man mit großen wirtschaftlichen Problemen. 1964 übernahm das Versandhaus Quelle erst einen Teil, 1982 das ganze Schöpflin-Unternehmen. Die dritte Generation der Unternehmer-Familie war nie in das Großhandelgeschäft involviert und ging eigene Wege: Heidi Junghanss heiratete, Hans Schöpflin wurde erfolgreicher Manager und Unternehmer in den USA, Albert Schöpflin arbeitete als Fotograf und Filmer, unter dem Namen Scopin ist er heute als Künstler tätig. Nachdem der Sohn von Hans Schöpflin 1995 an einer Überdosis Drogen starb, war das der Auslöser, nachhaltig etwas ändern zu wollen: 1998 gründete der Unternehmer zuerst die Panta Rhea Foundation in den USA und gemeinsam mit seinen Geschwistern 2001 die Schöpflin Stiftung in Lörrach-Brombach.