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  • Kultur

Isensee: Echte Geschichten erzählen

  • 9. Februar 2026
Filmszene Hope
Der Freiburger Fotograf Johannes Meger hat die Filmarbeiten in Uganda begleitet und dokumentiert . Die Bilder würden die Isensees gern in einer Ausstellung zeigen und suchen dafür noch Sponsoren.
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Hope, Hoffnung: So haben die Filmemacher Jochen und Steffen Isensee ihren ersten Kinofilm betitelt, eine Dokumentation über das Flüchtlingslager Rhino Camp im Norden Ugandas, in dem vor allem aus dem Sudan geflohene Menschen leben. Jetzt arbeiten die Brüder an „A Doctor’s Mind“: einer Serie über Ärztinnen und Ärzte.

Text: Kathrin Ermert • Fotos: Johannes Meger

Die ostafrikanische Region ist kein unbeschwertes Setting für einen Kinofilm. Aufgrund des jahrzehntelangen Bürgerkriegs gilt die Situation im Südsudan als größte humanitäre Krise weltweit. Mehrere Millionen Menschen sind nach Angaben der Vereinten Nationen auf der Flucht und auf Hilfe angewiesen. Daran haben weder die Unabhängigkeit des Südsudan 2011 noch der Friedensvertrag 2018 etwas geändert. Im Gegenteil spitzte sich die Lage weiter zu, und die Gewalt bricht stets neu aus wie zuletzt im vergangenen November.

Diesen Konflikt und vor allem viele davon betroffene Menschen lernten Jochen und Steffen Isensee kennen, als sie 2020 mit der Stephanus-Stiftung nach Norduganda reisten und das riesige Lager Rhino Camp besuchten, in dem mehr als 100.000 Südsudanesen Zuflucht gefunden haben. Dort trafen die Brüder, die gemeinsam eine Filmproduktionsfirma betreiben und mit ihrem Equipment unterwegs waren, zum Beispiel Gloria: Die heute 20-Jährige ist als junges Mädchen in einem Waisenhaus des Rhino Camps untergekommen und hat damals beschlossen, Anwältin zu werden, um für Gerechtigkeit in ihrem Heimatland zu sorgen. Oder Susan, die mit ihrer Tochter sowie ihren drei Söhnen im Flüchtlingslager gelebt und sich mit den vielen anderen Frauen dort zusammengetan hat, um Verdienstmöglichkeiten für die Erwachsenen und Bildung für die Kinder zu organisieren – jenseits von männlich geprägten Clanstrukturen und Korruption.

„ Diese Kraft der Zuversicht in der humanitären
Katastrophe hat mich beeindruckt.“ — Jochen Isensee

Jochen Isensee
Steffen Isensee
Die Isensee-Brüder sind Quereinsteiger in der Filmbranche. Jochen Isensee (rechts) ist Anästhesist und arbeitet noch einen Tag pro Woche als Notfallmediziner. Steffen Isensee hat ein abgeschlossenes VWL-Studium. Film war anfangs ein Hobby der beiden, das sie neben Studium und Beruf betrieben.

„Diese Kraft der Zuversicht in der humanitären Katastrophe hat mich beeindruckt“, sagt Jochen Isensee. Dass man auch in aussichtslosen Situationen Hoffnung auf Zukunft haben kann, davon handelt die 86-minütige Dokumentation „Hope – beyond rape, murder and war crimes“. „Ich wollte sie ohne Wertung erzählen“, sagt Jochen Isensee. Deshalb gebe es keinen Kommentator, sondern nur die Stimmen der Protagonistinnen und Protagonisten. „ Alles im Film ist real. Wir haben den Menschen nichts in den Mund gelegt, sie haben nicht vom Teleprompter abgelesen, sondern ihre eigenen Geschichten erzählt“, betont er. Die Kamera ist dicht an den Gesichtern und bringt sie dem Publikum im Wortsinn nah. Die Filmmusik von Heiko Streicher verstärkt die eindrucksvollen Aufnahmen, die auch die Schönheit des umkämpften ostafrikanischen Landes zeigen und denen man anmerkt, dass die Isensees bislang vor allem Werbefilme produzierten.

Wenige wollen einen Film über Krieg sehen

Bei der Premiere von „Hope“ Mitte November ist der große Kinosaal der Freiburger Harmonie fast voll. Familie, Freunde, Unterstützende der Isensees füllen die Reihen. Protagonistin Suzan ist aus Schweden angereist, wo sie seit fünf Jahren lebt. Sie emigrierte 2020 kurz nachdem sie die Interviews für den Film gegeben hatte. Ihre Geschichte zu erzählen, sei wie eine Therapie gewesen, sagt sie. Dass jemand ihr zugehört hat, bedeute ihr viel. Nach der Vorführung bedankt Suzan sich beim Publikum für ihr Interesse und allen, die den Film sehen werden. Doch das tun bislang nicht viele. Schon zum zweiten Vorführtermin zehn Tage später an einem Sonntagmorgen kommen nur gut dreißig Menschen. Obwohl es der Krieg im Südsudan sogar mal wieder in die Nachrichten geschafft hat, wollen nur wenige einen Film darüber sehen, mag der Titel auch noch so zuversichtlich klingen. Die Isensees haben keinen Verleih beauftragt, sondern kümmern sich selbst um die Kinodistribution. Im Januar läuft „Hope“ in Rottweil, Regisseur oder Produzent, also einer der beiden Isensee-Brüder, ist immer dabei und beantwortet nach der Vorführung Fragen.

„Alles im Film ist real“, betont Jochen Isensee. „Wir haben den Menschen nichts in den Mund gelegt, sie haben nicht vom Teleprompter abgelesen, sondern ihre
eigenen Geschichten erzählt.“

250.000 Euro hat der Film gekostet, etliche unbezahlte Arbeitsstunden nicht mitgerechnet. 40 Prozent davon hat die baden-württembergische Filmförderung MFG übernommen – zumindest vorübergehend. Es ist eine Art zinsloser Kredit, laut Filmfördergesetz ein „bedingt rückzahlbares Darlehen“. Das heißt, falls „Hope“ den Break-even schafft, müssen die Isensees die Förderung zurückzahlen. Mit dem Geld der MFG finanzierte das Team die zweite Reise 2023 nach Norduganda zusammen mit der dortigen Koproduktionsfirma. Insgesamt drehten sie vier Wochen in Uganda und eine Woche in den USA, wo sie den Experten einer NGO interviewten. Natürlich wäre es gut, einen Teil der Kosten einzuspielen, sagt Jochen Isensee. Doch er weiß: „Finanziell sind die meisten Dokumentarfilme nicht rentabel.“

Die Filmproduktionsfirma richtet sich neu aus

Ideell indes hat sich der erste Kinofilm allemal für die Freiburger Filmemacher gelohnt. Einerseits, weil sie schon lang einen geplant hatten und eine Dokumentation generell eine gute Referenz ist. Andererseits weil sie den Isensees eine neue Perspektive gegeben hat. „Ohne Hope gäbe es A Doctor’s Mind nicht“, sagt Steffen Isensee. Ihr neues Projekt ist eine Dokureihe über Menschen aus Spitzenmedizin und medizinischer Forschung, die innovativ in ihren Fachgebieten arbeiten. Es sei die erste Serie, bei der sich das Publikum mit den Heilenden identifizieren soll, nicht mit den Kranken, sagt Jochen Isensee: „Das ist einzigartig und nur möglich, weil ich selbst Arzt bin.“ Der 44-Jährige ist Anästhesist und arbeitet noch einen Tag pro Woche als Notfallmediziner. Sein drei Jahre jüngerer Bruder Steffen Isensee hat ein abgeschlossenes VWL-Studium. Film war anfangs ein Hobby der beiden, das sie neben Studium und Beruf betrieben. Seit 2013 beziehungsweise 2018 betreiben die Quereinsteiger es hauptberuflich.

Die richten sie nun abermals neu aus: weg von Werbe- und Firmenfilmen – die soll es nur noch auf Anfrage geben – hin zu Dokumentationen. „Der Markt ist sehr im Wandel“, erklärt Jochen Isensee den Schritt. Die Nachfrage für aufwendige Produktionen schwinde, denn in den sozialen Medien liefen mit dem Handy gedrehte Videos oft ähnlich gut wie professionelle Filme. Es gehe um die Zukunftsfähigkeit der Firma, von der vier feste Mitarbeitende inklusive der beiden Chefs mit ihren fünf- beziehungsweise siebenköpfigen Familien sowie zahlreiche Freelancer abhängen. „Wir haben unsere Berufe nicht aufgegeben, um nur Social-Media-Content zu machen“, betont Steffen Isensee.

Angesichts der zusätzlichen Konkurrenz durch künstliche Intelligenz wollen die Brüder ihren Schwerpunkt auf „relevante, authentische Geschichten“ setzen. In „A Doctor’s Mind“ lassen sie Spitzenmedizinerinnen und -mediziner über ihre Arbeit und ihre Sorgen erzählen. „Wir zeigen keine Götter in Weiß, sondern Menschen und was es mit ihnen macht, wenn etwas schief geht, obwohl sie das Bestmögliche getan haben“, sagt Jochen Isensee und fügt an: „Ich kenne diese Situationen ja.“ Die nötigen Kontakte habe er als Arzt leicht aufbauen können. Ab diesem Sommer soll alle zwei Wochen eine neue etwa halbstündige Folge erscheinen, deshalb produzieren sie vor, drehten bereits in Chicago, Tokio, Stockholm , Utrecht, Rom und Karlsruhe. Gut ein halbes Dutzend Episoden sind bislang fertig, immer in der Landessprache gefilmt und englisch untertitelt.

Für die Finanzierung von „A doctor’s mind“ hätten sie viele Optionen durchdacht und setzten nun auf ein neues System, berichten Steffen und Jochen Isensee. Sie vertreiben die Serie über einen Distributor auf Youtube und finanzieren sie mit Sponsoren aus der Pharma- und Medizintechnikindustrie, die hat natürlicherweise ein Interesse hätten, sich an der Seite der Spitzenmedizin positionieren und neue Möglichkeiten präsentieren zu können. Die Idee sei, dass Betroffene bei der Recherche zu ihrem Krankheitsbild auf das Format stoßen und so über innovative Therapieansätze lernen, erklärt Jochen Isensee. „Damit hoffen wir, letztlich auch Leben retten zu können.“

Dieser hehre Anspruch, mit ihren Filmen die Welt ein kleines bisschen besser zu machen, ist bei „Hope“ zumindest für Protagonistin Gloria aufgegangen. Sie hat aufgrund der Dreharbeiten einen Sponsor gefunden und studiert jetzt tatsächlich Jura in der ugandischen Hauptstadt Kampala. Aber sie braucht noch mehr Unterstützung für Wohnung, Essen und einen Computer.

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