Wo Prothesenhaftcremes für sicheren Umsatz sorgen: Die Firma Etol aus der Ortenau stellt als traditioneller Mittelständler seit Jahrzehnten Medizinprodukte vor allem für die Mundhygiene her. In der Coronakrise ist die Auftragslage besser als sonst.
VON DANIEL RUDA
Immer mehr Unternehmen mit Bezug zu Medizintechnik, Pharma und Arzneimitteln tummeln sich um Freiburg. Auch Großkonzerne, etwa aus den USA, haben Südbaden in den letzten Jahren als Standort für ihre deutschen oder europäischen Zentralen ausgemacht. In Tuttlingen, rund 90 Kilometer weiter östlich, ist noch mehr los: Die 40.000-Einwohner- Stadt, die noch zum Regierungsbezirk Freiburg zählt, wird als Silicon Valley der Medizintechnik bezeichnet. Dort wird mit großer Innovationskraft an Zukunftsthemen geforscht und entwickelt. Roboter-assistierte Chirurgiesysteme für die Durchführung von minimalinvasiver Chirurgie sind da nur ein hochtechnisiertes Beispiel von vielen.
Die Ortenau, die ebenfalls zum Regierungsbezirk gehört, spielt in derlei Branchen nur eine kleine Rolle. Um Offenburg herum ist vor allem die klassische Industrie zu Hause. Die WRO (Wirtschaftsregion Ortenau), ein Zusammenschluss von 160 Unternehmen und 53 Kommunen, bezeichnet ihr eigenes Habitat als den industriestärksten Landkreis am Oberrhein. Mit der Marke „Black Forest Health“ wird versucht, für die eigenen Kliniken oder den Gesundheitstourismus die Werbetrommel zu rühren. Zudem präsentiert sich eine Handvoll mittelständischer Häuser, die im medizinischen Bereich tätig sind.
Unter fremder Flagge: Etol entwickelt, die Kunden vermarkten unter ihrem Namen
Etol aus Oberkirch etwa. Seit mehr als 30 Jahren stellt die Firma Medizinprodukte, Arzneimittel und Kosmetika in flüssiger und halbfester Form her. Das sind vor allem spezielle Zahncremes, medizinische Mundspülungen und diverse Spezialprodukte wie Reinigungspasten für die professionelle Zahnreinigung oder Tinkturen. High-Tech ist das keineswegs, der traditionelle Mittelständler hat aber in seinem Bereich eine High-End-Produktion aufgebaut. „Wir entwickeln die Produkte einerseits im Auftrag und andererseits auch komplett selbst und bieten sie dann unseren Kunden zur Vermarktung unter deren Namen an“, sagt Gesch.ftsführer Marc Lehnhäuser über die Art und Weise, wie der Betrieb agiert und funktioniert. Das Unternehmen ist reiner Lohnhersteller und verzichtet bewusst auf Produkte unter eigenem Namen.
Die Kunden reichen vom Startup über national bekannte Marken bis hin zu weltweit agierenden Unternehmen. In Drogerien oder Supermärkten gehören in Oberkirch hergestellte Produkte zum festen Sortiment. Der Name Etol taucht auch im Kleingedruckten auf den Tuben nicht auf.

„Für eine Firma mit unserem Profil wäre der Aufwand zu groß, Produkte selbst auf den Markt zu bringen“, erklärt Lehnhäuser den Ansatz und verweist neben den vielen gesetzlichen Regularien auch auf den Marketingaufwand, den es dafür bräuchte. Und: „Wir würden ja dann unseren eigenen Kunden Konkurrenz machen.“ Die Namen der Kunden nennt er nicht, auch wenn er es gerne würde.
Wenn Lehnhäuser über die Größe der eigenen Firma spricht, muss er immer zwei Schleifen drehen: Etol ist eine Unternehmensgruppe, der Unternehmenszweig in Oberkirch ist im Vergleich der jüngste. Der Stammsitz des 1946 gegründeten Familienunternehmens liegt ein paar Kilometer entfernt im Dorf Oppenau. Dort wird an zwei anderen Geschäftszweigen gearbeitet. Sauberkeit und Hygiene heißt der eine, in dem Reinigungs- und Spülmittel für gewerbliche Gro.küchen hergestellt und Hygienekonzepte entwickelt werden. Der andere ist die Kunststofftechnik, wo zum Beispiel Speisetransportbehälter gefertigt werden.
Ein Unternehmen, zwei Standorte, drei Sparten
Insgesamt arbeiten rund 250 Mitarbeiter für die Etol-Gruppe, deren Gesamtumsatz zuletzt etwa 50 Millionen Euro betrug. 18 Millionen davon wurden am Standort Oberkirch mit dem Zweig Gesundheitspflege und Pharma umgesetzt, dort sind 90 Menschen beschäftigt. „Im Dezember haben wir zuletzt ein weltweites Patent für eine spezielle Prothesenhaftcreme auf Pflanzenölbasis erteilt bekommen“, sagt Marc Lehnhäuser in seinem Oberkircher Büro. Das klingt zunächst wenig sexy, wenn Prothesenhaftcreme ein Schwerpunkt in der Produktion ist, erfolgreich ist es allemal. Auch ein neues Zahncremekonzept findet sich im breiten Portfolio. Das habe Eigenschaften, die sich eigentlich widersprechen, „eine sehr hohe Reinigungsleistung in Bezug auf das Whitening der Zähne bei gleichzeitig schonender Reinigung“.
Der 50-Jährige spricht von der Radioactive Dentin Abrasion, einem Verfahren zur Messung für die abtragende Wirkung von Stoffen bei der Zahnpflege, von einer Pulver-Handling-Anlage in der Produktionshalle, von den Rohstoffen, die zur Herstellung von Aromen benötigt werden und wie diese beigegeben werden, von den Eigenheiten der vier Produktionslinien, selbst entwickelten Teststandards, von Zertifizierungen und Herstellungserlaubnissen. „Wenn es zu viel mit den Details wird, geben Sie Bescheid, ich rede da einfach gerne drüber“, sagt der 50-Jährige während des Gesprächs. Das wird wegen Corona per Skype geführt.

So kann er vom Blick auch nur erzählen, den die Mitarbeiter in der Produktionshalle haben. Extragroße Panoramafenster sorgen fürs Schwarzwald-Postkartenidyll. Vorne die Obstgärten, an den Hängen die Weinreben und überall diese Landschaft. Die Verbindung zur Region ist immer wieder herauszuhören und wird auch in der Unternehmenskommunikation betont. Nachhaltige Unternehmenspolitik solle keine Theorie bleiben, sondern beeinflusse das eigene Tun maßgeblich, sagt Hanspeter Söllner-Tripp, der Chef der Unternehmensgruppe. Die Photovoltaikanlagen auf den Dächern in Oberkirch sind nur ein Beispiel. „Ehrliche Produkte aus dem Herzen des Schwarzwalds“, lautet der Claim des Unternehmens.
Die Stärke der Gruppe zeige sich nun während der Coronakrise. Weil der Oppenauer Geschäftsbereich Sauberkeit und Hygiene wegen überall geschlossener Gro.küchen derzeit quasi brach liegt, im Gesundheits- und Pharmabereich die Aufträge aber zunehmen, wurde die Produktion hier auf einen Drei- Schicht-Betrieb aufgestockt und die Kollegen hinzugezogen, die normalerweise an anderen Maschinen arbeiten. „Die Kunden wollen ihre Sicherheitsbestände erhöhen, weil sie Angst haben, dass ihre Lieferketten reißen“, nennt Lehnhäuser als Grund für die Lage.
Zeitweise wurde die Produktion zuletzt auf Desinfektionsmittel umgestellt. Dem Klinikum Offenburg und der Uniklinik Freiburg spendete die Unternehmensgruppe jeweils rund 650 Halbliterflaschen. „Wir gehören zu denen, die durch die Krise derzeit etwas Sonderkonjunktur haben“, sagt Marc Lehnhäuser. Nicht zuletzt deshalb sei auch die soziale Verantwortung eines Unternehmens in Zeiten wie diesen wichtig.