Kein gewöhnlicher Handwerksbetrieb – in der Freiburger Justizvollzugsanstalt gehen Häftlinge einer Ausbildung oder einem Beruf nach. Hinter dichten alten Mauern, aber an modernen Geräten. Ein Besuch.
Rudi Raschke
Die wenigsten Südbadener können sich vorstellen, was im Inneren des Gefängnisses an der Hermann-Herder-Straße in Freiburg von Häftlingen produziert und montiert wird. Der Blick hinter die Kulissen zeigt: es hat nichts mit dem Klischee vom Tütenkleben zu tun, das früher über die Arbeit von „Knackis“ im Umlauf war. Andreas Rothböck ist der Leiter der Werkstätten, als VWA, „Vollzugliches Arbeitswesen“, sind sie in einem gemeinsamen Unternehmen aller 18 Vollzugsanstalten mit Arbeitsplätzen organisiert.
Die Freiburger SPD-Gemeinderätin Julia Söhne, die den Besuch für netzwerk südbaden im vergangenen Herbst organisiert hat, nimmt ebenfalls an der Besprechung und dem späteren Rundgang teil, sie sitzt im Anstaltsbeirat. Rothböck erklärt den Betrieb, wie man einen gewöhnlichen Arbeitsort für jemanden erklärt, der sich mit Handwerks-Berufen nicht ganz genau auskennt. Dass hier eine Berufsfindung für Jugendliche stattfindet, die als Einstiegsqualifikation etabliert sei. Dass ein ganz normales Duales System Ausbilder zu den Gefangenen bringt.
Womit es auf den Rundgang zu den Werkstattbereichen geht, die eben auch die Unterschiede zu den Betrieben draußen zeigen: Die gegenwärtige Überbelegung der JVA bringt auch die Arbeitsplätze dort an die Grenzen, der baulich schlechte Zustand, das Dach der Schlosserei ist beispielsweise undicht, ebenfalls. Trotzdem versucht das Vollzugliche Arbeitswesen im Freiburger Gefängnis ansprechende Tätigkeiten anzubieten, die über das Qualitätsmanagement zertifiziert sind.
Auch wenn neue Berufsbilder eher in andere JVAs abwandern, unter anderem in den Bereichen Druck, Grafik oder Marketing, gibt es auch am Standort Freiburg neue Module wie den Fachlageristen, sagt Rothböck. In den Flachbauten mit Werkstätten im westlichen Teil des „Café Achtecks“ sind Männer in der Metallverarbeitung tätig, es werden Kleinteile für die Industrie sortiert und gefertigt. In der JVA entstehen die Behältnisse für Sicherheitskerzen ebenso wie Büromöbel, die für einen Katalog gefertigt und montiert werden.
An 365 Arbeitsplätzen werde zum landesweiten VWA-Umsatz von 35 Millionen Euro beigetragen. Insgesamt gehe es weniger um die Taschengeld- Aufbesserung, die sich die Häftlinge mit verfügbaren 60 bis 100 Euro im Monat verdienen, sagt Rothböck, sondern um „das Gefühl, an einem Arbeitsplatz zu sein.“ Und die Möglichkeit, eine Perspektive für die Zeit nach der Entlassung zu finden. Dazu braucht es die Möglichkeit, dass nicht nur die Anstalt notgedrungen ein Wachstum verzeichnet, sondern auch die Arbeitsplätze ausgebaut und weiterhin gut ausgestattet werden. Rothböck deutet auf eine CNC-Drehmaschine in der Halle der Metallarbeiter und sagt: „Wer die beherrscht, hat morgen Arbeit.“
Gefängnis-Handwerk: Die nicht-freie Wirtschaft