Gefängnis-Handwerk: Die nicht-freie Wirtschaft

Kein gewöhnlicher Handwerksbetrieb – in der Freiburger Justizvollzugsanstalt gehen Häftlinge einer Ausbildung oder einem Beruf nach. Hinter dichten alten Mauern, aber an modernen Geräten. Ein Besuch.

Rudi Raschke

Die wenigsten Südbadener können sich vorstellen, was im Inneren des Gefängnisses an der Hermann-Herder-Straße in Freiburg von Häftlingen produziert und montiert wird. Der Blick hinter die Kulissen zeigt: es hat nichts mit dem Klischee vom Tütenkleben zu tun, das früher über die Arbeit von „Knackis“ im Umlauf war. Andreas Rothböck ist der Leiter der Werkstätten, als VWA, „Vollzugliches Arbeitswesen“, sind sie in einem gemeinsamen Unternehmen aller 18 Vollzugsanstalten mit Arbeitsplätzen organisiert.

Die Freiburger SPD-Gemeinderätin Julia Söhne, die den Besuch für netzwerk südbaden im vergangenen Herbst organisiert hat, nimmt ebenfalls an der Besprechung und dem späteren Rundgang teil, sie sitzt im Anstaltsbeirat. Rothböck erklärt den Betrieb, wie man einen gewöhnlichen Arbeitsort für jemanden erklärt, der sich mit Handwerks-Berufen nicht ganz genau auskennt. Dass hier eine Berufsfindung für Jugendliche stattfindet, die als Einstiegsqualifikation etabliert sei. Dass ein ganz normales Duales System Ausbilder zu den Gefangenen bringt.

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Ein Arbeitsplatz in der JVA. Fotos: Alexander Dietrich

Dass es hier hochmotivierte Berufstätige gibt. Und dass wie in einem gewöhnlichen Wirtschaftsbetrieb das Erwirtschaftete wieder investiert wird, hier in eine technische Ausstattung, „mit der wir im Metall- und Holzbereich mithalten können“, sagt Andreas Rothböck. Etwa zehn Azubis schließen jährlich in der Anstalt eine Ausbildung ab, rund 50 Mitarbeiter kümmern sich um die Werkstätten, Handwerkermeister sind hier im Beamtenstatus für die Lehre zuständig. Die Zuteilung des Berufsbildes erfolgt nach der Persönlichkeit, aber auch nach Dauer der Haftstrafe.

Womit es auf den Rundgang zu den Werkstattbereichen geht, die eben auch die Unterschiede zu den Betrieben draußen zeigen: Die gegenwärtige Überbelegung der JVA bringt auch die Arbeitsplätze dort an die Grenzen, der baulich schlechte Zustand, das Dach der Schlosserei ist beispielsweise undicht, ebenfalls. Trotzdem versucht das Vollzugliche Arbeitswesen im Freiburger Gefängnis ansprechende Tätigkeiten anzubieten, die über das Qualitätsmanagement zertifiziert sind.

Auch wenn neue Berufsbilder eher in andere JVAs abwandern, unter anderem in den Bereichen Druck, Grafik oder Marketing, gibt es auch am Standort Freiburg neue Module wie den Fachlageristen, sagt Rothböck. In den Flachbauten mit Werkstätten im westlichen Teil des „Café Achtecks“ sind Männer in der Metallverarbeitung tätig, es werden Kleinteile für die Industrie sortiert und gefertigt. In der JVA entstehen die Behältnisse für Sicherheitskerzen ebenso wie Büromöbel, die für einen Katalog gefertigt und montiert werden.

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Mit Perspektive: Einer der in der JVA Tätigen.

Die Atmosphäre ist ruhig, als die Häftlinge nach dem Mittagessen zurückkommen, die Räume sind sehr schlicht-industriell, die Geräte tatsächlich modern. In der JVA lernen Gefangene das Fleischerhandwerk und den Kochberuf (er stellt kein Handwerk dar), für Sicherheitsverwahrte gibt es die Möglichkeit, mittels Kunsthandwerk so etwas wie eine Arbeitstherapie zu absolvieren. Auch in der Schreinerei kommt man mit Gefangenen ins Gespräch, die nach über 27 Jahren keinen anderen Wohnort mehr in Aussicht haben. Die Produktion im Gefängnis findet zu Preisbedingungen wie in der buchstäblich „freien“ Wirtschaft statt.

An 365 Arbeitsplätzen werde zum landesweiten VWA-Umsatz von 35 Millionen Euro beigetragen. Insgesamt gehe es weniger um die Taschengeld- Aufbesserung, die sich die Häftlinge mit verfügbaren 60 bis 100 Euro im Monat verdienen, sagt Rothböck, sondern um „das Gefühl, an einem Arbeitsplatz zu sein.“ Und die Möglichkeit, eine Perspektive für die Zeit nach der Entlassung zu finden. Dazu braucht es die Möglichkeit, dass nicht nur die Anstalt notgedrungen ein Wachstum verzeichnet, sondern auch die Arbeitsplätze ausgebaut und weiterhin gut ausgestattet werden. Rothböck deutet auf eine CNC-Drehmaschine in der Halle der Metallarbeiter und sagt: „Wer die beherrscht, hat morgen Arbeit.“