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  • Energie 10/2021
  • Schwerpunkte

Geothermie: Raus aus dem Untergrund

  • 18. Oktober 2021
Geothermie Südbaden
Bayern macht’s vor: so nett kann Geothermie aussehen. Das Heizzentrum in Garching bei München ist seit 2011 in Betrieb. Foto: Bundesverband Geothermie
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Der Oberrheingraben eignet sich ideal für die Wärmegewinnung durch Geothermie. Während Energie-Experten von der regenerativen Alternative zu Öl und Gas überzeugt sind, bleibt die Bevölkerung skeptisch. Gibt es am Ende eine Wahl?  

VON ANNA-LENA GRÖNER

Die Energiegewinnung will auf lange Sicht weg vom Gas, von der Kohle und vom Erdöl. Um nicht nur ausreichend Strom sondern auch Wärme durch erneuerbare Energien zu gewinnen, müssen Alternativen her. Die Geothermie hat große Potenziale.

Dabei unterscheidet man zwischen der oberflächennahen Geothermie und der tiefen Geothermie. Bei der oberflächennahen wird maximal 400 Meter in die Tiefe gebohrt. Am Oberrheinkörper wird man schneller fündig. Hier reiche für die Grundwasserbrunnen eine Tiefe von zehn bis 15 Meter aus. „Die Wärmegewinnung durch Erdsonden käme meist mit 150 Metern aus“, sagt Christian Frey, Diplom-Hydrologe und Sachverständiger für oberflächennahe Geothermie aus Waldkirch.

Bei der oberflächennahen Geothermie wird entweder Grundwasser über einen Brunnen nach oben gefördert, in einer Wärmepumpe erhitzt, an die Heizung oder den Warmwasserspeicher im Haus abgegeben und zum Schluss das gebrauchte Wasser abgekühlt in den Grundwasserkreislauf zurückgeführt. Oder die Wärme wird via Wärmeträgerflüssigkeit in Sonden aus dem Erdreich in einen ähnlichen Kreislauf gebracht.

Bereits 40 Prozent der in Baden-Württemberg neu gebauten Wohnhäuser setzen auf diese Arte der Wärmegewinnung. „Das beste Heizsystem in Bezug auf die Öko- und CO2-Bilanz ist aktuell die erdgekoppelte Wärmepumpe über Grundwasser oder Erdsonden“, sagt Christian Frey.

Dennoch wird bei der Diskussion um die Geothermie gern mit dem Negativbeispiel Staufen argumentiert. Wie also garantiert man, dass kein Staufen 2.0 mit Rissen in der halben Innenstadt passiert? „Die Bohrungen in Staufen haben zu einer Zeit stattgefunden, in der es keine Auflagen hinsichtlich Überwachung und Qualitätsmanagement der Bohrung gab“, sagt Frey. „Im Grunde waren es bis 2011 Wildwestzeiten. Damals konnte jeder bohren, der sich ein Bohrgerät leisten konnte. Das war der einzige nicht überwachte Vorgang auf einer Baustelle.“

Geothermie Bohrturm
Sobald der ideale Standort für ein Heizwerk in Südbaden gefunden wird, kann mit den Bohrungen begonnen werden. Foto: Bundesverband Geothermie

Seit 2011 gibt es die „Leitlinien Qualitätssicherung Erdwärmesonden“, in denen die Anforderungen an die Bohrfirma und die Art der Überwachung detailliert beschrieben werden. Für Frey ist die Skepsis gegenüber der Geothermie wie sie heute noch stattfindet, völlig unverständlich – das Festhalten an Öl und Gas sieht er als Katastrophe.

„Das macht unseren Planeten kaputt. Wenn wir damit weiter machen, bekommen unsere Kinder Probleme, die noch gar nicht absehbar sind. Wollen wir das? Oder nehmen wir in Kauf, dass es irgendwo mal ein bisschen wackelt, wenn die tiefe Geothermie erschlossen wird?“ Gewackelt hat es bereits.

Zuletzt kam es im Juni in der Ortenau zu einem Erdbeben mit dem Wert 3,8 auf der Richterskala. Auslöser waren die geothermischen Bohrungen in Strasbourg-Vendenheim, durchgeführt von der Firma Fonroche. Auch das Beben in Basel 2007 ist vielen Südbadenern noch im Gedächtnis.

Damals bebte die Erde bis zu einem Wert von 3,4. Hier war die Schweizer Firma Geothermal Explorers mit dem Projekt „Deep Heat Mining“ bereits in 5000 Meter Tiefe vorgedrungen. Das Resultat beider Beben: Die Arbeiten wurden gestoppt und seither hat die Tiefengeothermie ein weitaus schlechteres Image als ihre kleine Schwester, die nur an der Oberfläche kratzt.

Doch es tut sich wieder etwas im Untergrund. „Wir bekommen von Bürgern wie auch von der Politik gerade durchaus positive und bestärkende Rückmeldungen“, sagt Simon Laub, Wirtschaftsingenieur und Projektleiter Tiefengeothermie bei der Badenova Wärmeplus. Die Badenova ist einer von insgesamt vier Akteuren, die aktuell am Oberrheingraben mit Tiefengeothermie-Projekten beschäftigt sind, der einzige in der Region Südbaden.

Geothermie badenova Wärmeplus
Er arbeitet im Untergrund: Simon Laub ist Projektleiter Tiefengeothermie bei der Badenova Wärmeplus. Foto: Alexander Dietrich

Eigentlich wollte der regionale Energieversorger schon 2005 mit seiner „Erdwärmestrategie“ durchstarten, doch „aufgrund der geänderten öffentlichen Wahrnehmung hat man sich damals von den Bestrebungen distanziert und die Aufsuchungserlaubnisse zurückgegeben“, sagt Laub.

Der Unterschied zu heute: Damals ging es um Stromgewinnung, die Badenova hatte Bohrtiefen zwischen 5000 und 7000 Metern geplant. Jetzt geht es nur noch um Wärmegewinnung, bei der das Aufsuchen von vorhandenem Thermalwasser in einer maximalen Tiefe von “nur” 3500 Metern ausreichen soll.

Das nennt sich hydrothermale Geothermie und die Badenova wagt mit ihr einen Neustart. Dazu hatte der Energieversorger 2020 beim Regierungspräsidium Freiburg erneut einen Aufsuchungsantrag gestellt, die Konzession erhalten und ist seither auf der Suche nach potenziellen Standorten für sein künftiges Heizwerk.

Dabei geht das Unternehmen phasenweise vor: Gestartet war man mit einer Vorstudie, „klassische Schreibtischarbeit“, nennt es Laub. Aktuell sei man im Endstadium der zweiten Phase, den geophysikalischen Untersuchungen.

Im Ergebnis, und voraussichtlich zwischen Januar und März 2022, soll eine aufwendige 3D-Seismik durchgeführt werden, um die geologischen Strukturen und die Gegebenheiten des Untergrundes besser zu erkennen. 2023 soll die Entscheidung fallen, ob das Projekt Erdwärme von der Badenova weiter umgesetzt wird.

„Wenn wir auf dieser Grundlage weiterarbeiten können, dann rechnen wir ungefähr 2026 mit einer Inbetriebnahme des Heizwerks“, sagt Projektleiter Simon Laub. Insgesamt würden sich die Kosten auf 50 bis 60 Millionen Euro belaufen. Mit dem Werk möchte die Badenova 50 Megawatt thermische Leistung erzielen, rund 40.000 Personen mit Wärme versorgen und damit gut 75.000 Tonnen CO2 einsparen.

Die 19 geeigneten Gemeinden, die man in der Aufsuchungsphase entlang des südlichen Oberrheins ausgemacht hatte, konnten kürzlich und nach aufwändigen Untersuchungen auf sieben potenzielle Kommunen eingegrenzt werden: Breisach am Rhein, Merdingen, Freiburg, Schallstadt, Ehrenkirchen, Bad Krozingen und Hartheim.

Um möglichst viele von den Tiefengeothermie-Plänen zu überzeugen, möchte die Badenova die Bürgerinnen und Bürger der ausgewählten Kommunen von Anfang an transparent in die laufenden Untersuchungen einbinden. In den kommenden Wochen soll daher ein Bürgerschaftsrat gegründet werden, in dem ein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung vertreten sein wird. Ausgewählt wird per Zufallsprinzip. Ziel ist es, Fragen zu beantworten und Ängste zu nehmen.

„Die Projekte wie sie damals in Basel oder in Strasbourg-Vendenheim umgesetzt wurden, wären in Baden-Württemberg niemals zulässig“, sagt Simon Laub. Tatsächlich ist die so genannte petrothermale Geothermie, bei der nicht Thermalwasser aufgesucht, sondern ins trockene Grundgestein bis zu 7000 Meter gebohrt wird, hierzulande nicht erlaubt.

Das Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau (LGRB) würde solchen Vorhaben keine Genehmigung erteilen. „Wir wissen zwar, dass diese Geothermie weltweit funktioniert, jedoch ist die Technologie, in meinen Augen, für den Einsatz am Oberrhein noch nicht ausreichend entwickelt“, sagt auch Laub. Dass die Tiefengeothermie in Baden-Württemberg reibungslos funktionieren kann, zeigen bestehende Werke.

Die Bundeswehr in Pfullendorf deckt ihren Wärmebedarf seit November über eine eigene Geothermieanlage. In Bruchsal beweist der Betreiber EnBW seit 2009, dass auch die Stromgewinnung mit Erdwärme störungsfrei funktionieren kann. Alle Projekte zur Tiefengeothermie werden in Baden-Württemberg streng überwacht, jede seismische Bewegung wird dokumentiert, jede Eventualität abgedeckt.

So wird beispielsweise auch vor jeder Bohrung eine aufwändige Bestandsaufnahme aller im weiten Umfeld liegenden Häuser gemacht, jeder vorhandene Riss wird dokumentiert. So möchte man auch falsche Schadensmeldungen vermeiden. Eines sollte dabei nicht vergessen werden: Die Menschen leben in Südbaden in einer Erdbebenregion.

Jeden Tag kommt es zu kleinen, meist unbemerkten, selten auch spürbaren Erschütterungen, die man sich über die LGRB-Statistiken anschauen kann (www. erdbeben.led-bw.de/erdbeben).

Beben ab einem Wert von 3 sind zwar spürbar, aber noch weit davon entfernt wirkliche Schäden anzurichten. Wohingegen explodierende Gasrohre, brennende Öltanks oder naheliegende Atomkraftwerke einen weitaus größeren Schaden anrichten können. Das ist die Wahl.

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