Vom Kinderzimmer ins Familienunternehmen: Viele Betriebe werden von Geschwistern geführt. Sie wissen, wie Bruder oder Schwester ticken – ein Vorteil, der sich im Geschäftsalltag auszahlt. Verbunden durch Vertrauen, eine gemeinsame Biografie und die Bereitschaft, Verantwortung zu teilen. Wir haben einige Geschwister zum Fotoshooting eingeladen – entstanden ist ein kleines Familienalbum.
Text: Christine Weis • Fotos: Alex Dietrich
Lukas Schuwald und Thomas Schuwald | Ökostromgruppe Freiburg

„Wir arbeiten zusammen, und abends gehen wir auch gerne mal gemeinsam ein Bier trinken“, erzählen die Zwillinge Lukas und Thomas Schuwald (29). Neben Alltag und Freizeit teilen sie auch gleiche Werte wie langfristiges Denken, Heimatverbundenheit und Verlässlichkeit. Seit Mitte 2022 führen die Brüder die Ökostromgruppe Freiburg, die seither von 7 auf 22 Mitarbeitende gewachsen ist. Das 1986 von ihrem Vater Andreas Markowsky gegründete Unternehmen betreibt aktuell rund 40 Windenergieanlagen, 140 Solaranlagen und sechs Wasserkraftwerke in Baden-Württemberg. „Wir machen das bis zur Rente, denn wir sind überzeugt, dass erneuerbare Energien eine Chance für unsere Region und zukunftsfähig sind“, sagt Thomas Schuwald. Während des BWL-Studiums führte und entwickelte er verschiedene Unternehmen und verantwortet bei der Ökostromgruppe den wirtschaftlichen Bereich. Sein Bruder hat neben BWL auch Geschichte studiert und als Projektentwickler im Norden gearbeitet. Nun leitet er den Bereich Projektentwicklung. Die Firma und die Energiewende seien immer schon Teil des Familienalltags gewesen. „Andere sind in den Europa-Park gefahren, wir zum Windrad“, sagt Thomas Schuwald.
Vanessa Binz und Sabrina Binz | Paul Becker in Denzlingen

„Wir waren nie Töchter von Beruf“, sagt Sabrina Binz. Andere Kinder dachten, sie hätten als Unternehmertöchter Privilegien. „Doch es gab keine“, betont sie. Die Vespa oder das Mountainbike mussten sie sich als Teenager mit Arbeit im Betrieb oder zu Hause verdienen. Buchhaltung oder Rasenmähen, was gerade anfiel. „Arbeiten war normal, und wir haben es gerne getan“, erinnert sich ihre Schwester. Leistung brachten sie auch im Gymnasium, im Schwimmverein, im dualen Studium und auch heute im Unternehmen. Seit einigen Jahren stehen die zwei Frauen an der Spitze des 1926 gegründeten Denzlinger Unternehmens Paul Becker mit rund 700 Mitarbeitenden und zehn Niederlassungen etwa in Freiburg, Leipzig und Berlin. Sabrina Binz (39) leitet den deutschlandweiten Gerüstbau, die Recycling- und Entsorgungssparte Bareg sowie den Containerdienst. Vanessa Binz (38) verantwortet die Arbeitsbühnen- und Staplervermietung. Unterschiedlich im Charakter ergänzen sie sich perfekt: Vanessa ist die technisch und mathematisch versierte. Sabrina die sprachbegabte und kommunikationsstarke.
Simone Schönberger, Rainer Schüler, Petra Mißbach und Martin Schüler | Willi Schüler „Öl Schüler“ in Ebringen

„Wir sind in der Firma aufgewachsen“, sagt Martin Schüler. Bis 1995 waren Wohnhaus und Unternehmenssitz identisch. Im Esszimmer saß die Familie Schüler mit Lieferanten, Kunden und Mitarbeitenden am Tisch. Es gab nur einen Telefonanschluss. „Wir wurden gebrieft, uns mit Firma Schüler zu melden“, berichtet Rainer Schüler. „Wenn ein Kunde dran war, sollten wir den Auftrag entgegennehmen und alles genau notieren“, sagt Petra Mißbach. Ihre Schwester Simone Schönberger ergänzt: „Wir wurden zur Arbeit eingespannt. Das war normal und nichts Negatives, im Gegenteil, wir hatten eine gute Kindheit.“ Außerdem sei das Lager ein Abenteuerplatz gewesen. Ihr Vater Willi Schüler gründete 1974 die nach ihm benannte Firma in Ebringen – einen Vertrieb für Industrieschmierstoffe, Hochleistungsfette für Bau-, Land- und Forstwirtschaft sowie Motorenöle. Im heutigen Logistikzentrum lagern rund 1,5 Millionen Liter Schmierstoffe, und 70 Beschäftigte halten alles am Laufen. Vier der fünf Geschwister sind mit an Bord: Martin Schüler (47) ist Geschäftsführer, Simone Schönberger (42) verantwortet Finanzen und Personal. Petra Mißbach (44) und Rainer Schüler (50) sind Mitgesellschafter und haben im Tagesgeschäft keine operativen Aufgaben.
Jasmin Berger und Patrick Trötschler | Trötschler Industrie- und Gewerbebau in March-Hugstetten

„Unser Vater fragte mich vor zehn Jahren, ob ich im Büro aushelfen könne“, erinnert sich Jasmin Berger (40). Aus dem Minijob wurde schnell mehr: 2022 übernahm die gelernte Bürokauffrau und studierte Betriebswirtin gemeinsam mit ihrem Bruder Patrick Trötschler (38) die Geschäftsführung des Generalunternehmens in der March, das heute sieben Mitarbeitende beschäftigt. Patrick Trötschlers Weg in die Firma war keineswegs vorgezeichnet. Nach einer Ausbildung zum Feinwerkmechaniker entschied er sich 2013 für ein Architekturstudium und sammelte zunächst Erfahrungen in Freiburger Architekturbüros. Dass die Geschwister eines Tages gemeinsam das 1996 von ihrem Vater Norbert Trötschler gegründete Unternehmen leiten würden, daran dachten sie anfangs nicht. Privates und Geschäftliches vermischt sich, wie sie erzählen. Firmenthemen begleiten sie überallhin – selbst auf Kindergeburtstage. Die Zusammenarbeit funktioniert hervorragend, denn sie vertrauen einander blind: „Schließlich kennen wir uns ja schon lange“, sagt Patrick Trötschler mit einem Augenzwinkern. Ihre unterschiedlichen Charaktere ergänzen sich: Sie die Kommunikative, er der Ruhige. „Genau das macht uns als Team stark“, sagt Jasmin Berger.
Stefan Lechler, Timo Lechler und Thomas Lechler | Lechlers Goldschmiede in Freiburg

Dieter Lechler kam 1978 aus Pforzheim nach Freiburg und eröffnete hier eine Goldschmiede. Aus einer wurden im Laufe der Jahre drei. Heute führen seine drei Söhne den Betrieb mit 17 Mitarbeitenden. Jeder Bruder ein Geschäft könnte man denken. Tatsächlich sind die Aufgaben nach Fähigkeiten und Leidenschaften verteilt. Stefan Lechler (59) ist Goldschmiedemeister und der kreative Kopf. Als Jugendlicher wollte er ins Baugewerbe, beeindruckt von seinem Patenonkel, der Elektrikermeister war und einen goldenen Mercedes fuhr. Mit dem Edelmetall hat es geklappt, wenn auch ganz anders. Thomas Lechler (56) ist ebenfalls Goldschmied. „Ich war der erste Azubi meines Bruders.“ Er versteht sich mehr als Handwerker denn als Künstler. Erst lernte er Autolackierer, dann Mediengestalter. Neben der Schmuckherstellung kümmert sich der Mittlere der drei um alles Technische vom Laserschweißgerät bis zur Webseite. Timo Lechler (55) kam 2016 dazu. Sein Weg verlief zunächst vom Bäcker zum Banker, jetzt ist er der Finanzchef im Familienunternehmen. „Während Stefan und Thomas Freiburg-Schmuck oder Trauringe entwerfen, schaue ich auf die Zahlen“, sagt er.
Claudia Bohnet und Charlotte Bohnet | Bohnet-Hof in Freudenstadt-Musbach

Die Eltern freuten sich, als Charlotte und Claudia Bohnet (37) im Jahr 2014 den über 400 Jahre alten Bauernhof übernahmen. Seitdem bewirtschaften die Zwillinge den Biolandbetrieb im Vollerwerb. „Wir haben einiges umgekrempelt“, sagt Charlotte Bohnet. Sie schafften etwa die Milchwirtschaft ab, stattdessen gibt es eine Mutterkuhherde mit Aufzucht, 200 freilaufende Hühner sowie Kartoffel- und Getreideäcker. Die Erzeugnisse – von selbstgebackenem Dinkelbrot bis Rindfleisch – verkaufen die Schwestern im eigenen Hofladen und auf Wochenmärkten. Die Aufgaben sind verteilt: Charlotte Bohnet kümmert sich um Backstube und Vermarktung, Claudia Bohnet um Acker, Wald und Tiere. Viele Arbeiten erledigen sie jedoch gemeinsam. „Wir sind ein gutes Team und waren immer zusammen“, sagt Claudia Bohnet. Es gab mal eine kurze „Trennungsphase“, ergänzt ihre Schwester – und zwar, als sie Agrarwissenschaft in Hohenheim und Charlotte Lebensmittel und Ernährung in Sigmaringen studierte. Allerdings nur unter der Woche, an den Wochenenden kamen beide immer nach Hause. Mittlerweile hat jede ihre eigene Familie mit jeweils zwei Kindern. Sie wohnen alle zusammen im Bauernhaus.
Fotograf Alex Dietrich hat die Geschwister in Szene gesetzt
