Viele mittelständische Unternehmen begegnen der Digitalisierung ängstlich und zögerlich oder überambitioniert und kopflos. Einen Plan zu haben, ist maßgeblich, mutig sein, entscheidend und wer Hilfe vom Profi annimmt, hat am Ende alles richtig gemacht. Das junge Unternehmen #openspace ist so ein Profi. Es hat bereits Unternehmen in Südbaden bei der digitalen Transformation begleitet.
VON ANNA-LENA
Der Kunde ist König. Klingt nach abgedroschener Floskel, doch dies ist gerade in Zeiten, in denen sich Märkte und Kundenanforderungen rasant ändern, wichtiger denn je. „Bisher hat es uns als Unternehmen meistens nach vorne gebracht, wenn wir möglichst früh einen Patentschutz hatten und davon partizipiert haben, dass die anderen nicht mitspielen können“, sagt Joachim Köhler.
Er ist Geschäftsführer von #openspace, einem jungen Tochterunternehmen der Commerzbank, mit Hauptsitz in Berlin. Für Köhler ist klar: in einer sich ständig verändernden Welt, in der Kunden immer mehr individuelle Paketlösungen fordern, ist es wichtig, als Unternehmen so früh wie möglich Kollaborationen einzugehen, sich auszutauschen und über den eigenen Tellerrand zu schauen anstatt nur sein eigenes Süppchen zu kochen.
Auch Mitarbeiter und Geschäftsführer aus Südbaden sind bereits nach Berlin gereist, um von den #openspace Methoden zu lernen. Dass diese durchaus unangenehm sein können, erzählt Michael Faller, Geschäftsführer der August Faller GmbH und Co. KG, mit Sitz in Waldkirch. Zwei seiner Ingenieure wurden in der Hauptstadt zu Innovations-Agenten ausgebildet. Klingt nach filmreifer Spionagenummer, doch dahinter steckt sinnvolles Branchenergründen für effizienteres, digitales Wirtschaften.
Aber von vorne: wie haben das Waldkircher Unternehmen und #openspace zusammengefunden? Die August Faller Gruppe ist einer der führenden Hersteller und Lösungsanbieter für pharmazeutische Verpackungen. Zuletzt mit einem Jahresumsatz von 132 Millionen Euro. Doch Faller befindet sich aktuell in einem spannungsgeladenen Umfeld: auf der einen Seite Veränderungsprozesse und dadurch bedingter Kostendruck in der Pharma-Branche, auf der anderen Seite die Preissteigerung auf dem Papiermarkt. Auf beides muss das Unternehmen reagieren.
Der Schnellste sein
In der Pharmaindustrie konzentriere man sich aufgrund auslaufender Patente und ausbleibender Wohlstandskrankheiten verstärkt auf Nischenkrankheiten, erklärt Michael Faller. Mit so genannten Orphan-Drugs, hochpreisigen Medikamenten, die für seltene Krankheiten entwickelt werden, hofft man, am Markt weiterhin mitspielen zu können.
Doch es geht um Schnelligkeit: das bedeutet für Faller auf die steigende Nachfrage nach Klein- und Kleinstmengen schnell und effizient zu reagieren. Zwei Faller-Ingenieure hatten vor diesem Hintergrund vor gut zwei Jahren an einem Prozess getüftelt, um den neuen Kundenwünschen nachzukommen und eine schnelle digitale Alternative zu bieten.
Technisch schien alles gut ausgefeilt, doch es fehlte eine intensive Beschäftigung mit dem Markt, um mit dem neuesten Baby einen perfekten Start hinzulegen. Das Gespräch zwischen Michael Faller und seinem Bankberater Andreas Weerth von der Freiburger Commerzbank kam schließlich genau zur richtigen Zeit.
Weerth merkte, dass die Tochter in Berlin für das neue Projekt des Verpackungsherstellers interessant sein könnte. „Es war anfangs erklärungsbedürftig und auch überraschend, dass gerade eine Bank, die man nicht unbedingt als Digitalisierungstreiber gesehen hat, so etwas anbietet“, sagt Weerth. Die Argumente dafür überzeugten und der Mut war da.
Von der Idee zu Ausgründung
Eine Mittelstandsstudie war Antrieb für die Bank mit dem gelben Logo, selbst einmal über besagten Tellerrand zu blicken. Die Studie zeigte: 82 Prozent der deutschen Unternehmer wünschen sich bei der Digitalisierung Unterstützung von ihrer Hausbank. Die #openspace-Idee war geboren und wurde ausgefeilt. 2016 kam die Ausgründung, seit Januar 2017 ist das Tochterunternehmen am Markt.
Rund 60 Kunden aus dem Mittelstand wurden seither erfolgreich bei ihren Digitalisierungsprojekten begleitet, darunter auch das Unternehmen August Faller. Um die #openspace Methoden kennenzulernen und im besten Fall daraus zu profitieren, müssen die Mittelständler nicht die Unternehmensmutter als Bank haben: „Wenn Sie bei uns in unseren Räumlichkeiten sind, spielt die Commerzbank keine Rolle.
Wir sind separat zu betrachten – im Anschluss entscheidet der Kunde wie und in welcher Form er seinen Banker informiert“ sagt #openspace Geschäftsführer Köhler. Trotz der weiten Wege, sieht er in Südbaden großes Potential. „Die Region ist prädestiniert für das, was wir sehr häufig machen, nämlich Transformation von Ingenieurtum in Geschäftsmodelle.
Hier gibt es unheimlich erfolgreiche Unternehmen, die auch aufgrund ihres internationalen Handelns sehr offen für Veränderungen sind. Zudem lebt man gerade in Südbaden von den tollen Mitarbeitern. Insofern ist der Sprung in Mitarbeiter zu investieren etwas, was hier sehr üblich ist.“ Die beiden Faller-Mitarbeiter waren Teilnehmer der ersten Stunde. Für insgesamt sechs Wochen wurden sie zur großen Lehrstunde nach Berlin geschickt.
Auf dem Stundenplan: Zielgruppen- und Geschäftsmodellanalyse des eigenen Projektes. Zur Kaltakquise ging es auf die Straße, raus aus der Komfortzone. Für die zwei Ingenieure eine große Umstellung – weg vom technischen Prozess, hin zur Marktforschung, direkt am potentiellen Kunden. Die eigenen Stärken wurden herausgearbeitet, digitale Geschäftsmodelle kennengelernt und nützliche Kontakte zur Start-up-Szene geknüpft.
Anfängliche Skepsis resultierte in begeisterte Motivation, die samt den gewonnenen Erfahrungen zurück ins Unternehmen flossen, plus: ein Innovations- Agentenstatus. Seit April dieses Jahres hat Faller seine Tochtergesellschaft, die „PackEx GmbH“, mit Sitz im rheinland-pfälzischen Worms, an den Start gebracht.
Die Standortwahl in der Mitte Deutschlands und mit guter verkehrstechnischer Anbindung traf man bewusst, um die Kunden – die hier nicht nur aus der Pharmaindustrie kommen – schnellstmöglich beliefern zu können. Bestellt werden die individuellen Verpackungslösungen online, automatisierte Prozesse und modernste Technologien sorgen für mehr Geschwindigkeit und Flexibilität bei der Produktion. Aber auch weniger Abfallprodukte und eine CO2-ärmere Auslieferung vom Paketdienst, statt per Spedition, sind das Ergebnis.
Noch läuft nicht alles rund: der digitale Bestellprozess stellt für einige Faller-Stammkunden noch eine große Herausforderung dar. Das Bedürfnis nach Kommunikation ist groß. Doch das nimmt man bei „PackEx“ wie auch bei der August Faller GmbH gelassen. „Hier haben unsere Mitarbeiter viel von #openspace gelernt, wie man in solchen Fällen vorgeht: erstmal an den Markt gehen, nicht gleich die 100 Prozent Lösung, sondern die 80 Prozent Lösung anbieten und schauen, was passiert.
Sich mit dem Problem auseinandersetzen, anpassen, den nächsten Schritt gehen, schauen was passiert und so weiter. Dieses iterative Vorgehen muss von einem klassischen Unternehmen wie wir es sind – technisch, ingenieurgetrieben, alles bis ins kleinste Detail durchdacht – gelernt werden“, sagt Michael Faller. Der Blick über den Tellerrand und der Weg nach Berlin haben sich für das Waldkircher Unternehmen gelohnt.