In Heitersheim produziert eine indische Unternehmerfamilie Stillkissen. Sie trotzt der Konkurrenz aus Fernost mit gesundheitszertifizierten Materialien. Ein Besuch in einer Manufaktur, die in Südbaden ihre zweite Heimat fand.
Text: Christine Weis • Fotos: Santiago Fanego
Nähmaschinen rattern. Fadenspulen rotieren. Durch die großen Fenster fällt reichlich Licht in den Raum an diesem Novembernachmittag, obwohl das Gewerbegebiet in Heitersheim im Nebel liegt. Olga Stankovic, Silvia Hug und Svitlana Sverhun nähen Stillkissenbezüge. Jeder Handgriff sitzt. Sie führen die Stoffe präzise über die Stichplatte; die Nähte ziehen gleichmäßige Linien durch den Baumwollstoff.
„Wir produzieren rund tausend Stillkissen am Tag“, sagt Nakul Gupta beim Rundgang durch den Betrieb mit seinen zehn Mitarbeitenden. Der 33-Jährige ist Account Manager. Er leitet das Unternehmen Joyfill zusammen mit seinen Eltern Praveen und Anil Gupta. Die Stillkissen sind ihr Hauptprodukt. Es gibt sie in verschiedenen Größen, Formen und Farben. Die Funktion erklärt der Name: Die halbrunde Wulst unterstützt Mutter und Baby beim Stillen, indem sie eine bequeme, ergonomische Haltung ermöglicht und das Kind in der richtigen Position hält. Rücken, Nacken und Arme sollen entlastet werden. Viele nutzen Stillkissen bereits in der Schwangerschaft zum bequemen Liegen oder Sitzen.
Joyfill produziert weitere Baby- und Kinderprodukte wie Klappmatratzen, Nestschlangen, Kletterdreiecke, Baldachine, Schlafsäcke und – mit dem Label Thomson – auch orthopädische Nacken- und Seitenschläferkissen. Demnächst erweitert sich das Portfolio um eine wiederverwendbare Wickelauflage aus Baumwollstoff.
„Die Nähwerkstatt ist für mich das Herzstück“, sagt Praveen Gupta. Die 61-Jährige bedauert, dass es hierzulande immer weniger Näherinnen und Näher gibt. Olga Stankovic ist seit 2002 von Anfang an dabei. „Ich bleibe bis zur Rente“, sagt sie und lächelt. „Das sind noch knapp drei Jahre.“ Silvia Hug arbeitet seit fast 10 Jahren bei Joyfill. Die Ukrainerin Swetlana Sverhun kam vor einem Jahr ins Team.
Von der Näherei gehen wir weiter vorbei an großen Schneide- und Konfektionstischen in die Produktions- und Lagerhalle. In hohen Regalen stapeln sich Stoffballen mit bedruckten Motiven von Elefanten bis Leopardenmuster. Sterne und Punkte sind die beliebtesten Designs bei den Stillkissen. Über 60 verschiedene Designs gibt es vorrätig im Sortiment, angepasst an Mode, Trends oder länderspezifische Vorlieben, berichtet Nakul Gupta. So würden Kundinnen und Kunden in Skandinavien eher helle, dezente Unifarben bevorzugen, in Deutschland sind kindliche Motive mit Tieren gefragt.


In der Nische groß
Rund 80 Prozent erwirtschaftet Joyfill im B2B Bereich. Zu den Abnehmern zählen große Fachhändler wie Babyone, aber auch regionale Einzelhändler. Wichtigster Markt ist Deutschland, danach folgen weitere EU Länder. Sie exportieren auch nach Großbritannien, USA, Dubai, Israel oder China. Nach dem Umsatz gefragt, antwortet Nakul Gupta: „Die Zahlen sind okay. In der Nische gehören wir zu den Großen“. Künftig soll der Direktvertrieb wachsen, ebenso der E Commerce und der Verkauf im Onlineshop.
„Gerade bei Produkten für Schwangere und Babys müssen die Materialien absolut sicher sein.“ – Anil Gupta
„Alle Produkte sind Öko-Tex-zertifiziert, die ESP-Füllung ist zusätzlich TÜV-zertifiziert“, betont er. Das bedeute, dass nachhaltig produziert wird und die Ware frei von Schadstoffen ist. Die Zertifizierung umfasst sämtliche Materialien – vom Stoff über das Garn bis hin zum Reißverschluss. Eine besondere Rolle kommt dem Füllmaterial zu, das der Firma den Namen gab. Joyfill heißt so viel wie „Füllung mit Freude“. Das Granulat sieht wie feiner Schnee aus und wird aus zwei großen Maschinen, die mit Silos im Außenbereich verbunden sind, in die Inlays gepumpt. Es besteht aus expandiertem Polystyrol (EPS), einer Schaumstoffart. Die winzigen Perlen passen sich flexibel an die Körperform an, sind feuchtigkeitsabweisend, geruchs- und geräuschlos und gesundheitsverträglich.
„Früher haben wir Dinkelspelz in die Kissen gefüllt, aber viele Nutzerinnen störte das Rascheln der Körner und es zieht außerdem Feuchtigkeit, was zu Schimmel führen kann“, erläutert Nakul Gupta. Sein Vater Anil Gupta ergänzt: Er habe das sogenannte Tox-Proof-Verfahren für schadstofffreies EPS in Deutschland gemeinsam mit Chemikern und Maschinenbauingenieuren entwickelt. „Gerade bei Produkten für Schwangere und Babys müssen die Materialien absolut sicher sein“, sagt der 63-Jährige. EPS, wie es Joyfill herstellt, sei auch ihr Wettbewerbsvorteil gegenüber mächtigen Mitbewerbern aus Bangladesch oder China. „Was wir machen, wird nicht in Fernost produziert.“




Neu-Delhi, Bremen, Heitersheim
Die Idee für die spezielle Füllung hatte Anil Gupta bereits in den Neunzigerjahren, als er und seine Frau ein Textilunternehmen mit 2000 Beschäftigten in Neu-Delhi leiteten. Sie produzierten Plüschtiere und Heimtextilien für Ikea, erzählt der Seniorchef und zeigt ein Foto, auf dem Nakul ein Herzkissen mit Armen hält und seine Schwester Avisha in einem großen Stern sitzt. „Das waren unsere eigenen Produktentwicklungen für Ikea“, sagt Praveen Gupta stolz. Bei einem Besuch in einem Ikea-Markt fiel Anil Gupta ein Sitzsack auf, der ungewöhnlich stark roch. Er ließ das Produkt daraufhin untersuchen. Die Analyse ergab Hinweise auf eine mögliche Schadstoffbelastung des Füllmaterials, worüber er Ikea informierte.
„Meine Eltern haben mir das Business in die Wiege gelegt.“ – Nakul Gupta
Was in den Jahren darauf folgte, war ein Weg, den viele hiesige Unternehmen seit Jahren in umgekehrter Richtung gehen: Die indische Unternehmerfamilie verlegte ihr Geschäft nach Deutschland. „Wir produzierten fast ausschließlich für Ikea und den europäischen Markt, das war betriebswirtschaftlich riskant, wir überlegten uns daher Alternativen“, berichtet Anil Gupta. Ein Zufall eröffnete neue Perspektiven: „1997 kam eine Wirtschaftsdelegation aus Bremen in unsere Fabrik“, erzählt Anil Gupta. Einer der Politiker fragte, ob sie ein Büro in Deutschland eröffnen wollten. „Das war interessant, aber ich war skeptisch aufgrund der deutschen Bürokratie“, sagt er. Doch man sicherte ihm Unterstützung zu, und so kam die Familie im Jahr 2000 nach Bremen. „Die Menschen waren unglaublich freundlich. Aber das Klima war für uns viel zu kalt und windig“, erinnert sich Praveen Gupta. Ein Kunde riet ihnen zu Süddeutschland. In Kandern fanden sie eine internationale englischsprachige Schule für ihre Kinder. 2002 gründeten sie Joyfill in Heitersheim und spezialisierten sich auf Stillkissen. Nach wie vor gibt es in Neu-Dehli eine Produktionsstätte mit zwanzig Beschäftigten – für indische Verhältnisse eine Minifabrik.

2019 ist Nakul Gupta ins Unternehmen eingestiegen. „Meine Eltern haben mir das Business in die Wiege gelegt“, sagt der Sohn. „Ich bin so froh, dass er sich dafür entschieden hat, auch wenn die Textilbranche aufgrund steigender Kosten für Energie und Rohstoffe schwierig ist“, betont seine Mutter. Nakul, studierter Informatiker und Betriebswirt, bringt Expertise mit. Er hatte ursprünglich nicht vor, Stillkissen zu produzieren. Inzwischen ist er selbst Vater und sieht die Branche mit anderen Augen.