Ein Glücksfall für KI: Das Freiburger Archiv für Soziale Bewegungen – gerade wird hier mit Künstlicher Intelligenz ein Software-Prototyp für bessere Zugänglichkeit erprobt.
VON RUDI RASCHKE
Auf den ersten Blick ist das Archiv kein Ort, wo man die Zukunft des Programmierens vermutet: Eine Sammlung von Medien, Flugblättern, Film und Fotos, aber auch Protokollen. Gegründet aus der Kritik an der Friedensbewegung – weil auch Bewegungen lernen sollten, sich mit ihrer eigenen Geschichte auseinanderzusetzen, wie der heutige Leiter Michael Koltan erklärt.
Vor 35 Jahren wurde es am 1. Mai in Betrieb genommen, zunächst am Standort in der historischen Specht-Passage, heute auf dem Gelände der Grether-Fabrik in der Gießereihalle. Einst wurde hier Eisen gegossen, dann war die Halle ein Veranstaltungsort für die Szene, nach der Bleisanierung dient sie seit 2003 dem Archiv als Heimat seiner Sammlung.
Aber wie kommt dieser Schauplatz ums Eck von „Strandcafé“ und vis-à-vis von „Radio Dreyeckland“ zum Arbeiten mit KI? Michael Koltan bringt nicht nur Knowhow über Karl Marx und Ludwig Feuerbach mit, sondern auch übers Programmieren. Von einem früheren IT-Arbeitgeber kennt er Pierluigi Meloni, einen Freiburger Informatiker, der sich mit ihm hinter das Thema Verschlagwortung geklemmt hat, ein zentrales Problem von Archiven.
KI hilf bei der Archivsuche
Meloni weiß, wovon er spricht. Er hat es in einer eigenen Fragebogen-Studie von 2500 deutschen Archiven bestätigt bekommen. An wenigen Orten wird dies deutlicher als im „Archiv für Soziale Bewegungen“. Meloni beschreibt es abstrakt am Beispiel des 9. November: Dieser ging später als „Mauerfall“ in die Geschichte ein, vom Tag selbst wird man unter diesem Schlagwort indes noch nichts finden. Michael Koltan beschreibt am konkreten Fall des Freiburger Archivs, dass hier viele Querschnittsthemen der jüngsten deutschen Geschichte erfragt werden.
Gesucht wird dabei nach „Selbstverwaltung“ oder „WG-Alltag“. Suchbegriffe, die nicht zwingend dort auftauchen, wo es eigentlich genau um sie geht. Das Scannen ganzer Zeitschriften-Jahrgänge der einstigen Freiburger „Stadtzeitung“ stellt längst kein Problem mehr dar. Spannend wird es, wenn eine KI-Software die Ergebnisse „einliest“ – und wie bei allen vergleichbaren Projekten quasi selbstlernend Bezüge herstellt, Unterschiede findet (zum Beispiel bei 65 verschiedenen Personen namens „Helmut Kohl“ oder 20 verschiedenen „Lenin“) und eben endlos viele Vernetzungen herstellt.
Ein Archivar bräuchte hierfür Ewigkeiten, um sie mit einem festgelegten Schlagwortschlüssel händisch einzugeben. Ermüdung, Frust und dadurch entstehende Fehler eingeschlossen. „Wir erschließen und verschlagworten Inhalte vollautomatisch“ sagt Pierluigi Meloni über die KI-Arbeit, die vielen Archiven über schlechte Zugänglichkeit und Auffindbarkeit von Quellen hinweg helfen könnte. Aber auch die Relevanz von Material ist ein Thema. Und Textsorten – ein Kommentar auf einer Seite ist anders zu gewichten als eine textlastige Werbeanzeige.

Auf der Suche nach Unikaten
Die Zugänglichkeit braucht es gerade im Archiv für Soziale Bewegungen, wo man sich eher als „Bibliothek für graue Literatur“ versteht, wie Koltan es nennt: Das Interesse gelte nicht „klassischem Archivgut, sondern Unikaten“. Bei rund 100.000 Flugblättern und 5000 verschiedensten Broschüren lässt sich zwar vieles digitalisieren und an eine Volltextsuche anschließen – „wir wüssten aber gern, was drin steht“.
Zur Geschichte des Archivs, durch das der bekannte Keller- Odeur alter Zeitungen weht, gehört übrigens schon früh das digitale Erfassen. Bald nach Aufnahme der Sammeltätigkeit wurde ein eigenes Datenbanksystem zur Erfassung eingeführt. Der Name ist dem Schauplatz großer Bibliotheken entliehen: Alexandria. Ausgangspunkt war schlicht fehlende Manpower. Aktuell ist die Software mit einem Open-Source-Ansatz so programmiert, dass sie nur eine überschaubare Zahl von Zeilen im Quelltext braucht.
Das liegt daran, dass sie mit einem Open-Source-Ansatz auf jeweils neueste KI-Errungenschaften aus der ganzen Welt zugreift. Bei der Entwicklung des Prototyp-Projekts von Meloni und Koltan und drei Mitstreitern zu einer Gründung ist aktuell die Suche nach Geldgebern angebrochen: Auf drei Jahre geplant, mit rund fünf Leuten wären 1,5 bis 2 Millionen Euro zu budgetieren. Bis März will man sich Zeit lassen, ob eher Risikokapital von Investoren oder Forschungsgelder das Ganze voranbringen könnten.
Auf schnelles Geld, beispielsweise aus der Pharma- Industrie, die dieses KI-Modell ebenfalls nutzen könnte, wird man eher verzichten. Generell gehe es um einen gesellschaftlichen wie monetären Wert, sagen Meloni und Koltan. Da sie wissen, dass Archive in ganz Deutschland ihr Ausgangsproblem teilen, liegt hier auch eine Möglichkeit in der Vermarktung. Der Anreiz auf Seiten von Archiven ist bei der besseren Durchforstung auch der von Forschung, die angezogen wird.
Bester Beleg ist das Archiv für Soziale Bewegungen selbst: In letzter Zeit kommen bei weitem nicht mehr nur Menschen, die sich mit ihrer persönlichen politischen Geschichte beschäftigen. Die Forschung zur Geschichte der Bewegungen bringt mittlerweile auch Wissenschaftler aus den USA auf das Gelände der Gretherfabrik. Nicht zuletzt auch dank KI.