Mit ihrem Rollschleifer hat das Start-up von Vater und Sohn Horl eine Erfolgsgeschichte geschrieben, die noch lange nicht auserzählt ist.
VON DANIEL RUDA
Gute Küchenmesser, und die weniger guten auch, kommen meist mit einem Schleifwinkel von 15 Grad aus den Werken der Hersteller. Übersetzt heißt das: Sie sind richtig scharf. Damit das auch so bleibt und man mit dem wohl wichtigsten Küchenwerkzeug weiter gut schnibbeln und zerlegen kann, muss ein Messer immer mal wieder nachgeschliffen werden. Bislang brauchte man dafür wahlweise Wetzstab, Schleifstein, Messerschärfmaschine oder die Adresse der nächstgelegenen Messerschmiede.
Auftritt Rollschleifer: Das ist ein faustgroßer Zylinder, wahlweise aus dunklem Nussbaumholz oder in heller Eichen-Variante, die Seite an einem Ende diamantbeschichtet und auf der anderen aus Edelstahl. In Kombination mit einem Holzblock, an dessen Ende wiederum Magnetpunkte eingefasst sind, wird ein Messerschleifer draus.
Das zu schleifende Messer wird mit der Klinge nach oben an die Magnetseite angedockt, der Rollschleifer mit der Kopfseite daran angelegt und mit Rollbewegungen daran entlang vor- und zurück über den Tisch gerollt. Mit der Diamantseite wird geschliffen, danach mit der Edelstahlseite angelöste Schleifpartikel entfernt und die Schneide geglättet. Fertig.
Der Clou dabei: „Damit wird der optimale Schleifwinkel jedes Mal perfekt reproduziert und ohne große Mühe ist das Messer nach kurzer Zeit wieder scharf“, erläutert Timo Horl die Erfindung, die dem 31-jährigen Freiburger und seinem Vater Otmar ein erfolgreiches Unternehmen beschert hat: „Horl – 1993“ heißt es.
„Wir sind stolz auf die bisherige Entwicklung und wissen das Privileg zu schätzen, so etwas erleben zu dürfen“
Die Erfindung und die Geschichte dahinter haben in den vergangenen drei Jahren schon einige Zeitungsartikel, Radiobeiträge und Fernsehminuten gefüllt. Das Drehbuch geht in etwa so: Otmar Horl, Ingenieur und Bastler, probiert sich Anfang der Neunziger in der privaten Werkstatt an etwas aus, mit dem die Messer aus der Küchenschublade mal besser geschliffen werden können. Die Idee und ihr daraus entstehender Prototyp landen aber in einer anderen Schublade, irgendwo im Keller.
Dort fischt sie sein Sohn Timo mehr als 20 Jahre später wieder raus. Weil er gerne grillt, ihm scharfe Messer deshalb wichtig sind, animiert er den Vater dazu, die Idee nochmal aufzugreifen. Und weil die so gut ist, könne man ja auch mal versuchen, mehr daraus zu machen. Weiterentwickelt und in zeitgeistig schlichtem Design bringen sie im November 2016 die Rollschleifer getaufte Erfindung auf den Markt.
Das Geschäft boomt
Erste selbst produzierte Auflage: 200 Stück. Sprung ins Jetzt: Für das Jahr 2019 rechnen die Horls mit bis zu 80.000 verkauften Exemplaren zum Preis von jeweils 119 Euro. Anfang dieses Jahres waren Vater und Sohn bei der Pro7-Show „Das Ding des Jahres“ dabei und präsentierten ihre Erfindung vor Millionenpublikum.
Davor lief das Geschäft schon gut, seither boomt es endgültig. „Wir sind stolz auf die bisherige Entwicklung und wissen das Privileg zu schätzen, so etwas erleben zu dürfen“, sagt Timo Horl. „Am Anfang ist aber erstmal gar nichts passiert“, erinnert sich der Jungunternehmer an den Start vor drei Jahren. Das Online-Marketing fruchtete nicht. In letzter Minute gelang es noch, einen Platz auf dem Stijl-Markt zu bekommen, der sich um Design und Handwerk junger Marken dreht.
Mit dem in Eile zusammengeschusterten Messestand ging die Erfolgsgeschichte dann los. „Die Leute müssen den Rollschleifer in die Hand nehmen, dann funktioniert’s“, lautete die Erkenntnis. Anderthalb Jahre lief das Geschäft noch vom Keller und Wohnzimmer des Familienhauses aus. Aus den 200 Rollschleifern zum Start wurden im Jahr drauf 3000, im Weihnachtsgeschäft war man wieder ausverkauft. Otmar Horl arbeitete als Konstruktionsleiter in einem Maschinenbaubetrieb, Timo als Grafiker in einer Werbeagentur.

dann fürs scharfe Messer. Foto: A. Dietrich
Anfang 2018 kündigte er seinen Job und konzentrierte sich auf das eigene Unternehmen, sein Vater ging auf dem Papier vorzeitig in Rente und arbeitet in Realität seither wahrscheinlich mehr als davor. Danach stiegen die Umsätze eher raketenhaft denn kontinuierlich. Im ersten kompletten Geschäftsjahr als eigenständige Unternehmer in Vollzeit lag der Umsatz dann über der Million.
In der Ensisheimer Straße mietete sich das Start-up in eine 250 Quadratmeter große Halle ein. Büro, Versand, Lager. Gefertigt wird bei einem Partnerunternehmen im Schwarzwald, inzwischen ist auch die nächste Stufe der Produktion, also das Zusammenbauen der vier Einzelteile dorthin ausgelagert. Stilsichere Aufbewahrungsstationen aus Holz, weitere Schleifscheiben oder ein Abziehleder komplettieren das Sortiment, das hier in vollen Regalen und auf Paletten den Raum füllt.
Team Horl
In der hinteren Ecke des Raumes hat Otmar Horl seinen Space, wo er mit Stift, Papier, und vor allem am Computer den Rollschleifer selbst und Produkte um ihn herum (weiter)entwickelt. „Das ist ja ein Hobby von mir, das Entwickeln hört nie auf.“ Dass aus dem Hobby ein eigenes und vor allem solch erfolgreiches Unternehmen geworden ist, „das kann ich immer noch nicht fassen“, sagt der Erfinder mit bedachter Stimme.
Er kommt morgens früh rein, geht mittags nach Hause zum Essen, legt sich zwischendurch mal hin, macht nachmittags Sport im Fitnesscenter gegenüber und ist ansonsten in der Firma am Schreibtisch oder auch mal auf Terminen, erzählt er. Wenn er dann spätabends aus der Firma geht, hat sich so ein Tag nicht wie Arbeit angefühlt. „Es ist das Freiheitsgefühl, das ich sehr genieße, nach 36 Jahren als Angestellter“, sagt Otmar Horl.
Zehn Mitarbeiter hat das kleine Unternehmen inzwischen. Im Team finden sich weitere Familienmitglieder sowie alte Kumpels. Es geht herzlich zu, auch nach außen, Timo Horl ist als Chef die Sorte Unternehmer, der das Du dem Sie und einen Check samt Rückenklopfer dem Handschlag vorzieht. Bei aller Romantik, nur mit einer guten Idee, etwas Glück und Herzblut ist solch eine dynamische Unternehmensentwicklung aber auch nicht zu haben.
Sie ist auch systematisch entstanden. Alle interessanten Händler in deutschen Städten mit mehr als 200.000 Einwohnern seien zum Beispiel strategisch angegangen worden. „Wir wollen nachhaltig in die Läden und nicht einfach emotionslos verkaufen“, sagt er und erinnert an die Erkenntnis, die alles in Gang gebracht hat: Die Leute müssen den Rollschleifer in die Hand nehmen. Wer einen Rollschleifer verkauft, muss deshalb auch stationären Handel anbieten. Ansonsten gibt es keine Zusammenarbeit. Auf über 50 Fachmessen wird die kleine Firma Ende dieses Jahres präsent gewesen sein.
Die meisten davon bestreiten die Gründer auch noch selbst. Bei mehr als 170 Fachhändlern ist der Rollschleifer inzwischen zu bekommen. So wichtig die Haptik auch ist – der Rollschleifer ist wirklich verblüffend einfach in der Handhabung – das Online-Marketing wird deshalb nicht vernachlässigt, im Gegenteil. Die Res sourcen dafür werden derzeit aufgestockt, die Warenkörbe des Horl’schen Online-Shops werden von Kunden ordentlich befüllt.
Premienprodukt Rollschleifer
Tagtäglich verlassen dutzende Pakete den Versandtisch, an dem auf sechs Stationen verpackt wird. Auch aus dem nahen Ausland kommen regelmäßig Bestellungen. Das Geräusch vom Abziehen des Klebebands beim Adressieren der Pakete durchdringt die kleine Halle, die Marketing-Abteilung sitzt an ihren Schreibtischen direkt daneben.
Aus Amazon dagegen wollen die Horls raus. Aktuell werden auch unter anderem deswegen neue Händlerverträge aufgesetzt. „Der Rollschleifer soll als Premiumprodukt wahrgenommen werden“, man soll ihn nicht beim Online-Giganten nachgeschmissen bekommen. 119 Euro kostet er, Rabatte gibt es nicht mal auf Messen. „Es ist ein simples aber einzigartiges Produkt, dessen Qualität für sich spricht“, betont Timo Horl, der unter dem Künstlernamen Sokom auch Rapmusik macht.
Beim Präsentieren des Rollschleifers hilft auch die dabei gesammelte Bühnenerfahrung, der letzte Auftritt ist aber eine Weile her. Für dieses Jahr rechnet Timo Horl mit den anfangs erwähnten 80.000 verkauften Rollschleifern. Es ist einer der letzten Tage im Oktober, als er das sagt. Zu diesem Zeitpunkt ist gerade mal rund die Hälfte dieser anvisierten Menge erreicht. Das Lager ist gerade rammelvoll, Horl setzt auf das Weihnachtsgeschäft.
Dafür ging die Firma in Vorleistung, produzierte ungewöhnlich viel vor. Ohne Risiko sei das nicht, aber die junge Firmengeschichte zeige, so Horl, dass es am Ende die richtige Entscheidung gewesen sein wird. „Das wird das erste Jahr, in dem wir im Weihnachtsgeschäft nicht ausverkauft sein werden“. Mehr als 8 Millionen Euro Umsatz sollen es Ende des Jahres sein. Die Firma, die der Unternehmer in Sneakern Anfang November vom Einzelunternehmen in eine GmbH umwandelte, befindet sich in allen Bereichen im Aufbruch.
Horl 1993 soll weiter wachsen, die Suche nach neuen Räumen läuft, auch personell soll aufgestockt werden. Ob es auch noch weitere Produkte im Sortiment geben wird? Erst einmal wird sich weiterhin alles um den Rollschleifer und seine Ausstattung drehen. Wenn die Firma einmal groß genug sei, dann könne man über Cross-Selling-Produkte wie beispielsweise Messer oder Schneidebretter nachdenken.
Ideen für die Zukunft gebe es natürlich. „Wir haben aber noch genug Hausaufgaben in allen möglichen Bereichen zu erledigen, sei es Logistik oder Marketing“, sagt Timo Horl. Die Ziele des Unternehmers sind indes klar gesteckt. „Wir haben einen Fünf-Jahres-Plan, an dessen Ende wollen wir weltweit erfolgreich sein.“