Die Corona-Impfstoffe sind auf dem Weg und in der ganzen Republik werden derzeit Impfzentren aufgebaut. Unverzichtbar in diesem Rennen: Die Medikamentenkühlschränke der Firma Kirsch aus Willstätt.
VON DANIEL RUDA
Corona-Eilmeldungen mit guten Nachrichten waren in diesem Jahr äußerst rar gesät. Diejenige, auf die sehnlichst gewartet wurde, kam dann aber doch noch im November: Biontech und Pfizer sowie Moderna sind die ersten Unternehmen, die die herbeigesehnten Impfstoffe auf den Markt bringen. Die EU hat mit beiden Unternehmen Verträge abgeschlossen, derzeit laufen die Zulassungsverfahren.
Die Anforderungen sind immens, es gilt viele Details zu beachten. Ein ganz essenzielles: Der Impfstoff muss nach bestimmten Vorschriften gekühlt werden, sonst fällt er vor der Injektion in sich zusammen und entfaltet keine Wirkung. Damit das nicht passiert, kommen spezielle Medikamentenkühl- und Gefrierschränke zum Einsatz.
Bei Kirsch läuft die Produktion von Kühlschränken auf Hochtouren
Wie jene des Ortenauer Medizintechnikers Kirsch. In Willstätt, nahe Offenburg, läuft die Produktion gerade auf Hochtouren. Die speziellen Kühl- und Gefrierschänke mit dem geschwungenen „Kirsch – Made in Germany“-Schriftzug stehen in nahezu allen deutschen Krankenhäusern, dazu kommen Apotheken und Labore. Und bald auch in den neuen Impfzentren.
Für Impfzentren in Bayern, Rheinland-Pfalz und dem Saarland seien die ersten Anfragen reingekommen, sagt Inhaber und Geschäftsführer Jochen Kopitzke Ende November. Die Bundesländer wollen innerhalb von wenigen Wochen Stückzahlen im Hunderter-Bereich geliefert bekommen. „Wir versuchen alles, um dieser Herausforderung gerecht zu werden.“ Die Anfragen stapeln sich.
Vakzine von Moderna benötigen eine Kühlung von minus 20 Grad
Manche Geräte können bis auf minus 41 Grad heruntergekühlt werden. Dazu kommt ein Dokumentations- und Sicherheitssystem für die wertvollen medizinischen Lagerungen. Für die Vakzine von Moderna wird das ausreichen, sie benötigen eine Kühlung von minus 20 Grad. Bei den ersten Impfstoffen von Biontech/Pfizer allerdings müssten es minus 70 Grad sein. In den Impfzentren selbst kommt die Kirsch’sche Kühlung in jenem Fall erst einmal in der zweiten Reihe beim Auftauen zum Tragen, nach sogenannten Ultratiefkühlschränken.
Auf Dauer werden die Impfstoffe aber ohne Ultra-Kühlung auskommen. So soll es bei anderen Impfstoffen sein, die in der Entwicklung sind, und auch Biontech selbst arbeitet an einer Variante, die in Sachen Temperatur nicht so sensibel ist. Damit würde auch der Transport erleichtert, vor allem der aus den USA nach Europa, aber auch jener für mobile Impfteams, die zu Menschen in Alten- und Pflegeheimen fahren, um dort vor Ort zu impfen.
„Wenn Moderna vor Biontech liefert, dann stehen unsere Geräte quasi direkt in der Pole Position“, sagt Jochen Kopitzke. Der größte Kühlschrank im Sortiment des Unternehmens fasst 700 Liter, rund das Dreifache eines regulären Haushaltskühlschranks. Rund 2500 Euro kostet ein solches Modell – sogenannte Ultratiefkühlschränke kommen mindestens auf das Zehnfache.
Umsatzzuwachs bei Kirsch aufgrund der großen Nachfrage
Der südbadische Mittelständler mit seinen 80 Angestellten kann die kurzfristigen Wünsche, die gerade aufkommen, allerdings nur unter größten Mühen erfüllen, wenn überhaupt in dieser Dimension. Kirsch ist mit einem Jahresumsatz von zuletzt rund 15 Millionen Euro Marktführer in dieser kleinen Nische, die wegen der Coronakrise nun viel mehr Nachfrage generiert. Die Auftragsbücher seien unabhängig von der Pandemie ohnehin schon voll gewesen, fast jeder zweite Kühlschrank geht ins Ausland, innerhalb Europas, aber auch nach Hongkong oder Libyen.
„Wir können gar nicht so schnell wachsen, wie es gerade nötig wäre“, sagt Kopitzke. Auch der Fachkräftemangel spielt dabei eine Rolle. Weil man sich im Unternehmen bewusst ist, dass die eigene Arbeit derzeit auch ein aktiver Beitrag im Kampf gegen die Pandemie ist, wurden wieder Überstunden eingeführt. Die drei Produktionslinien laufen mit voller Kapazität, die Mitarbeiter ziehen mit und bekommen eine Corona-Prämie ausgezahlt.
Kopitzke erwartet für dieses Geschäftsjahr einen Umsatzzuwachs von acht Prozent. „Auch wenn wir wirtschaftlich gut durch 2020 hindurch kommen, wir hatten auch viele Unsicherheiten und Krankheitsfälle in diesem beklemmenden Jahr. Ich bin froh, wenn sich die ganze Situation durch die Impfungen verbessert und wir unseren Teil in der Kette dazu beitragen können“, so Kopitzke, der das Unternehmen vor acht Jahren kaufte und seither selbst führt.
Vor mehr als 150 Jahren startete Kirsch als Kupferschmiede. Über Generationen entwickelte die Firma unterschiedliche Kühlungsanlagen für die Gastronomie. In den 70er Jahren dann brachte Kirsch als erstes Unternehmen spezielle Medikamentenkühlschränke auf den Markt. Immer mehr spezialisierte sich die Firma seither auf den medizinischen Bereich, die Gastronomiesparte ist inzwischen ad acta gelegt.
„Wir versuchen alles, um dieser Herausforderung gerecht zu werden.“
Jochen Kopitzke über die gestiegene Nachfrage etwa durch Impfzentren.
Weil aus den eigenen Reihen des Familienunternehmens keine Unternehmensnachfolge anstand, kam Kopitzke vor rund zehn Jahren ins Unternehmen. „Ich wollte schon immer Verantwortung in einem mittelständischen Betrieb übernehmen“, sagt er. Eigentlich war der Plan, dafür als Unternehmensberater Erfahrungen zu sammeln, wegen der Finanzkrise klappte es aber nicht mit der eigentlich festen Anstellung in diesem Bereich.
Sein Vater, Prokurist bei Kirsch, brachte ihn dann für eine Unternehmensnachfolge ins Spiel. Und so kam eines zum anderen. Er fing in verantwortlicher Position an, nun ist er selbst Inhaber. Um ein langfristiges Wachstum zu ermöglichen und sich innovativer aufzustellen, investierte Kopitzke rund 13 Millionen Euro in eine neue Firmenzentrale. „Ein langfristiges Wachstum war am alten Standort Offenburg nicht mehr möglich“, vor drei Jahren ging es einige Kilometer weiter nach Willstätt, wo Verwaltung, Produktion und Entwicklungsabteilung nun optimale Arbeitsbedingungen haben.
Von der Lagerproduktion wurde auf eine auftragsbezogene Fertigung umgestellt, was für viel mehr Flexibilität gesorgt hat. „Das hilft uns jetzt enorm, in diesem Jahr haben wir für uns selbst auch den Durchbruch hier geschafft“, umschreibt es Kopitzke. „Auch nach dem Einmaleffekt der gestiegenen Corona-Nachfrage können wir so langfristig wachsen.“